Befreiung durch und vom Obdach
Florian Rötzer
Essay
Obdach ist ein Wort, das man als solches kaum mehr verwendet und meist nur als Teil des Wortes Obdachlosigkeit kennt. Das soll ein Leben bedeuten, das ohne Dach, im Freien, im ungeschützten Raum verbracht wird. Ein obdachloser Mensch ist auch ein unbehauster Mensch, der Hilfe benötigt oder als Gefahr für den Behausten erscheint, der gewissermaßen in der Falle sitzt. Das Wort „unbehaust“ weist schon darauf hin, dass wir Schwierigkeiten haben, Wohnen mit Wohnungen und vor allem mit nomadischen Behausungen zu verbinden. Stattdessen ist Wohnen historisch seit Beginn der Sesshaftigkeit mit Häusern assoziiert, in denen wir unter einem Dach in vier festen Wänden leben.
Beinahe hätte ich statt „wohnen“ wieder „hausen“ geschrieben. Das Wort hat zwar einen Bezug zum Wohnen in einem Haus, aber es ist nicht positiv besetzt. Es bezeichnet etwa ein Leben in einem ungepflegten, verfallenden Haus oder Menschen, die ein Haus zerstören oder verkommen lassen, auch in ihm wüten.
Man kann bei Obdach auch an ein Heim denken, an ein Zuhause. Sigmund Freud ist aufgefallen, dass das Heim paradoxerweise unheimliche Züge hat. Es kann in ihm spuken, weil in ihm Heimlichkeit vorherrscht. Es eröffnet einen Rückzug aus dem Öffentlichen in Räume, die nur unter ausdrücklicher Genehmigung der Bewohner von Gästen betreten werden dürfen. Die Unverletzlichkeit der Wohnung ist daher ein fundamentales Menschenrecht. Die Schwelle, überhaupt die Trennung von innen und außen, eigentlich müsste man sagen, die Erfindung von innen und außen, ist der Kern des Obdachs, das Außenwelt und Mitmenschen abschirmt.
Meine These, die ich bereits in Sein und Wohnen* ausgeführt habe, ist, dass die frühen Menschen mit der Erfindung des ersten primitiven Obdachs – wahrscheinlich aus verflochtenen Zweigen auf festem Boden – nicht nur eine erste räumliche, sondern auch eine psychische Innerlichkeit geschaffen haben. Sie ermöglichte Devianz, eine Fliehkraft in der Gemeinschaft und die Geburt der Individualität. Davor standen die frühen Menschen in der Öffentlichkeit unter der permanenten sozialen Kontrolle der Horde, ausgesetzt dem Wind, der Kälte, dem Regen, dem Ungeziefer, den Feinden. Sie schliefen wahrscheinlich in Nestern wie die Menschenaffen in Bäumen, unruhig und balancierend, um nicht herunterzufallen. Die wenigsten Menschen werden in Höhlen gewohnt, sondern sich auf ebenem Grund unter einem fragilen Obdach eingerichtet haben – wahrscheinlich zuerst nur eine Nacht, um dann weiterzuziehen, später dauerhafter und stabiler, was die Trennung von Sesshaften und Nomaden einleitete.
Auf dem festen Boden liegend, in einem zumindest bedingt schützenden „Uterus“ und zugleich in Gemeinschaft mit den anderen in ihren Unterkünften, konnten die frühen Menschen ungestörter und mit mehr REM- und Tiefschlafphasen ruhen und träumen. Die Schlafdauer verkürzte sich, während die kognitive Verarbeitung des Erfahrenen sich verbesserte und die gewonnene Wachzeit mehr Aktivitäten und soziale Interaktionen ermöglichte. Feuerstellen unter dem Obdach verlängerten zudem die Aktivitäten in der nächtlichen Dunkelheit und hielten gefährliche Tiere und Insekten ab. Wichtiger aber ist vielleicht, dass zunehmend dichtere, aus Steinen oder Ziegel gebaute künstliche „Höhlen“ die Gewissheit verstärkten, out of control zu sein. In der Heimlichkeit können Dinge geschehen, die der Kontrolle der anderen entgehen und daher weder Beschämung noch Bestrafung oder gar die Verstoßung aus der Gemeinschaft zur Folge haben, um soziale Konformität durchzusetzen.
Das betrifft nicht nur das sexuelle Verhalten, beim Menschen ganzjährig auf Dauer gestellt, und das intime Leben der Familie, sondern allgemein das Entfalten und Ausleben von Abweichungen von der Normalität, die wiederum auf das öffentliche Leben zurückwirken. In der Heimlichkeit, die entstand, als die frühen Menschen erste bodenständige Behausungen erfanden, um von der Horde umgeben zu sein und sich gleichzeitig von ihr abzuschotten, wurde vermutlich selbstbewusste Individualität und dadurch die permanente Bedrohung der jeweiligen Ordnungen des kollektiven Lebens ausgebrütet.
Natürlich sind Öffentlichkeit und Heimlichkeit nur Pole, die Übergänge sind fließend, die Menschen gehen ein und aus. In der Abgeschlossenheit, die schnell einem Gefängnis gleichen kann, wie man es in der Corona-Zeit erleben konnte, lässt es sich nicht aushalten. Es handelt sich eher um ein Spiel, in dem der Bewohner, die Bewohnerin keineswegs souverän ist, da das Kollektiv mit seinen Normen und seiner geforderten Normalität in den Köpfen sitzt und auf diese Weise die gegenseitige Kontrolle garantiert, wie man liebt, isst, spricht, sich kleidet etc. Trotzdem ist die künstlich hergestellte Heimlichkeit ein Schnitt, der die kollektive Ordnung zum Erzittern bringt und Abweichungen von Normen des Verhaltens und des Seins ermöglicht.
Wenn Obdach anthropologisch als Brutkasten für Abweichung, Kreativität und Individualität verstanden werden kann, ist der Rückzug in die Heimlichkeit hoch gefährlich für eine Gemeinschaft. Diese ist eine Konformitätsmaschine, die möglichst Abweichung und Diversität verhindern will. Wechselseitige Beobachtung, Transparenz und Offenheit fördern Konformität. Wände, die den Blick abhalten und den Eintritt verhindern, sind hingegen Grundlage sozialer Diversitätsgeneratoren. Das trifft auf das Obdach einer einzelnen Unterkunft ebenso zu wie auf einen Staat, der sich durch Grenzen und zunehmend Mauern zu schützen beziehungsweise abzuschirmen und damit den freien Fluss von Menschen, Daten und Waren zu regulieren sucht.
Wir haben eine lange Geschichte von Heimlichkeit hinter uns. Eine wichtige Weggabelung war, als Sesshaftigkeit das Nomadentum ablöste, sich „verwurzelte“ und – sobald die Ressourcen vorhanden waren – durch Befestigungen schützte: Häuser, Städte, Festungen, Mauern, Kanalisation etc. Es kam immer wieder zu Konflikten zwischen Sesshaften und Nomaden. Es gab Völkerwanderungen und Invasionen. Nicht nur sie, auch die Obdachlosen, Armen und Bettler, die Vertriebenen, die Fahrenden und Reisenden (ein gemischtes Volk aus Landstreichern oder Vagabunden, Söldnern, Kaufleuten, Handwerkern, Matrosen, Tagelöhnern, Gauklern – meistens Männer) ängstigten die Sesshaften. Inzwischen, nachdem die Nomaden und Nomadinnen weitgehend in die westlichen Gesellschaften integriert worden sind und als Reisende (Touristen, Experten, Wissenschaftler, Techniker, NGO-Mitarbeiter, digitale Nomaden) meist den Schichten angehören, die von der Globalisierung profitieren, hat sich der Konflikt zwischen Sesshaften und Nomaden auf die zunächst obdachlosen Migrantinnen und Migranten durchgeschlagen, die ihr Glück oder Schutz im Ausland suchen.
Dazu kam die technische Entwicklung, die die Behausungen in den Städten an die Kanalisation und später an andere Netzwerke angeschlossen hat. Der jüdische Philosoph Vilém Flusser, der an einer Philosophie der Bodenlosigkeit und Entwurzelung als Lebensform gearbeitet hat, weil er vor den Nazis fliehen musste, um zu überleben, zeigte in plastischen Worten, wie – beginnend mit dem Telefon – Löcher in die Wände der Behausungen geschlagen wurden, um die Öffentlichkeit in die Heimlichkeit einzulassen. „Das heile Haus mit Dach, Mauer, Fenster und Tür gibt es nur noch in Märchenbüchern“, schrieb Flusser 1998. „Materielle und immaterielle Kabel haben es wie einen Emmentaler durchlöchert: auf dem Dach die Antenne, durch die Mauer der Telephondraht, statt Fenster das Fernsehen, und statt Tür die Garage mit dem Auto. Das heile Haus wurde zur Ruine, durch deren Risse der Wind der Kommunikation bläst. Das ist ein schäbiges Flickwerk.“
Für Flusser, Antipode von Martin Heideggers Verwurzelungsobsession, eröffnet das aufgebrochene Obdach ein Wohnen, das nicht an einen Ort als Heimat gebunden ist. Heimat ist für ihn kein Ort, sondern zwischenmenschliche Beziehung, die vor Ort, aber auch im globalen Cyberspace stattfinden kann. Flusser versuchte nicht, vergeblich Löcher im aufgesprengten Obdach zu schließen, sondern die in die Ruinen eindringende Öffentlichkeit anzunehmen. Letztere nannte er „obdachlose Unbehaustheit“, wobei er immer betonte, dass die Befreiung vom einst schützenden und jetzt zusammenbrechenden Obdach auch zu einer Überwachungs- und Repressionsdiktatur führen kann.
Tatsächlich haben sich die Verhältnisse mit dem Internet neu geordnet. Unter dem Obdach ist man kaum noch vor der Öffentlichkeit und vor den kollektiven Konformitätsmaschinen sicher: Wo zuvor Individuierungen möglich waren, die Zeit, Rückzug und Muße oder Langeweile benötigen, ist man neuerdings der Öffentlichkeit rund um die Uhr weit mehr ausgesetzt, als wenn man sich im öffentlichen Raum aufhielte. Der Datenorkan braust durch die einstige Heimlichkeit und ebnet die Unterschiede ein. Um an der globalen Öffentlichkeit teilzuhaben, muss man nicht mehr hinaus-, sondern hineingehen, in und vor die Bildschirme. Gleichzeitig werden Häuser und Wohnungen smart, wandern immer mehr digitale, mit dem Internet und dem Heimnetzwerk verbundene Funktionen und Geräte ein, die wir als neue Dienerklasse zu steuern glauben, wenn wir damit interagieren. Dabei lassen sie Daten abfließen und sorgen ebenfalls für Löcher, durch die das Obdach von außen gehackt und immer abhängiger vom Außen gemacht wird.
Wir können schon erahnen, dass das vernetzte, obdachlos und unheimlich gewordene Haus bald neue Bewohner haben wird, die es übernehmen. Mit dem Einzug von KI-Agenten, die ein Haus, alle Geräte und auch Roboter steuern, Befehle der Bewohnerinnen und Bewohner umsetzen und deren Verhalten analysieren, wird das bislang aus toten Materialien bestehende Gebäude zu einer lernenden Person, mit der wir sprechen, uns beraten und unser Leben organisieren lassen. Ich habe das in Sein und Wohnen als unheimlich beschrieben, weil wir Menschen uns bislang belebte Gebäude als bewohnt von Geistern oder Gespenstern imaginiert haben. Auch ein autonomes Fahrzeug wird zu einer Art Person, und manche Menschen verlieben sich in die Chatbots der großen Sprachmodelle, denen sie mehr vertrauen als ihren Mitmenschen. Durch die täglichen Interaktionen vermenschlichen sich die KI-Systeme, um bessere Leistungen zu erzielen, während die Menschen ihr Verhalten an diese anpassen und sich „robotisieren“, um den Austausch weiter zu optimieren. Wir lernen beispielsweise jetzt, wie Prompts zu formulieren sind und wie man mit Sprachmodellen und Alexas sprechen muss, um verstanden zu werden. Oder wir richten unser Leben nach den Vorgaben der Gesundheitsuhren aus, die alle möglichen physiologische Daten liefern und normativ interpretieren.
Es handelt sich um eine Koevolution, die einen Sog in eine unbekannte Zukunft entfaltet und uns zugleich, bedingt durch Trägheit und Bequemlichkeit, in eine normierende Konformität hineinzwingt. Die große Aufgabe wird sein, neue Formen des Obdachs zu entwickeln und zu bauen, die durch Heimlichkeit einen neuen Rückzug, Individuierung und Devianz erlauben. Das wird schwierig, weil die Gesellschaften, getrieben durch Angst, zunehmend predictive policing betreiben, das heißt, aufgrund der abgesaugten Daten Abweichungen frühzeitig erkennen und abstellen wollen. In Anbetracht der herrschenden Tendenz zu autoritären Systemen und der Möglichkeiten der von KI unterstützten Digitalisierung sind das dunkle Aussichten.
* Florian Rötzer, Sein und Wohnen. Philosophische Streifzüge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens, Frankfurt am Main 2020
Florian Rötzer ist Journalist, Herausgeber und Buchautor. Er lebt in München.