Klimawandel? Die prekären Spielräume des Standhaltens
Manos Tsangaris und Anh-Linh Ngo im Gespräch mit Christoph F. E. Holzhey
Christoph F. E. Holzhey bewegt sich als Physiker und Literaturwissenschaftler zwischen den Disziplinen. Das Verhältnis von wissenschaftlicher Erkenntnis, ästhetischer Praxis, kulturellem Klima und politischem Handeln beschreibt er als eines, in dem Paradoxien als Abhängigkeiten gedacht werden müssen. Ein Gespräch über Wahrscheinlichkeit und Gewissheit, Hyperrealismus und Glaubwürdigkeit, Ohnmacht und Verantwortung in der Klimadebatte.
Interview
Wenn wir über den Begriff „Klima“ sprechen, meinen wir ein physikalisches System und zugleich eine gesellschaftliche Stimmung, die sich aktuell deutlich nach rechts verschiebt. In diesem politischen Kontext wird die Klimakrise verdrängt oder geleugnet, Wissen verliert an Wirksamkeit. Wie verhält sich wissenschaftliche Erkenntnis zu dem kulturellen Klima, das darüber entscheidet, ob sie Folgen hat?
Ihre Frage nimmt eine bedenkenswerte Antwort vorweg, nämlich, dass wissenschaftliche Erkenntnis in ihrer Wirksamkeit vom kulturellen Klima abhängig ist. Es heißt zwar, Wissen ist Macht, aber es ist für sich keine Kraft und hat auch keine. Aus einem Sein folgt kein Sollen, was nicht heißt, dass Wissen völlig neutral ist und ihm nicht immer schon Normen eingeschrieben sind. Doch es bedarf einer Vielzahl von Bedingungen, bevor eine Erkenntnis irgendwelche Folgen hat, etwa Normen und Ziele, Willenskraft und Mittel. Derartige Voraussetzungen kann man ganz lokal und individuell denken, aber spätestens bei der Frage, was überhaupt als wissenschaftliche Erkenntnis gilt, kommt man nicht um eine kollektive, soziale und kulturelle Dimension herum und kann von einer Abhängigkeit der Wissenschaften vom gesellschaftlichen Klima sprechen. Freilich beeinflusst wissenschaftliche Erkenntnis umgekehrt auch das kulturelle Klima, aber eben ohne es unbedingt in ihrem Sinne zu bestimmen.
Die Klimabewegung fordert: „Listen to the science!“ Die Annahme ist, dass politisches Handeln aus wissenschaftlicher Evidenz folgen sollte. Warum funktioniert diese Forderung so offensichtlich nicht?
zählt vielleicht, dass die Annahme oder vielmehr Forderung, Politik solle der Wissenschaft schlicht folgen, selbst problematisch ist. Folgte politisches Handeln direkt aus wissenschaftlicher Evidenz, wäre es nicht wirklich politisch. Es wäre ein technokratisches Handeln, das so tut, als habe Wissen eindeutige Folgen, ohne Rückgriff auf Normen und Ziele, Prioritäten und Präferenzen, die auszuhandeln gerade Aufgabe politischen Handelns ist. Dass etwa wirtschaftsliberale und fiskalkonservative Reformen und Sparmaßnahmen – spätestens seit Margaret Thatchers „There is no alternative“ – jahrzehntelang als alternativlos präsentiert wurden, war der demokratischen Kultur sicher nicht zuträglich.
Damit soll freilich nicht rechten Strömungen das Wort geredet werden, die sich dadurch als Alternative in Szene setzen, dass sie wissenschaftliche Evidenz leugnen, alternative Fakten und Wahrheiten fabrizieren oder gar den Klimawandel zynisch affirmieren und zugunsten einer elitären weißen Vorherrschaft instrumentalisieren. Vielmehr gilt es, auf die Wissenschaften in ihrer Mehrstimmigkeit zu hören und mit und neben ihnen mit kritischem und kreativem Denken Spielräume für eine andere Welt – vielleicht eine Welt voller Welten, zumindest aber eine gerechtere Welt – zu eröffnen. Bei der Klimakrise mögen die Spielräume verschwindend klein erscheinen. Aber gerade, weil es in vielerlei Hinsicht schon „zu spät“ sein könnte, gibt es keine einzelne, wissenschaftlich korrekte Richtung, der alle folgen müssten. Vielmehr gibt es eine Vielzahl schlechter Optionen, die Konflikte provozieren, die wiederum besser politisch als gewaltsam ausgehandelt werden sollten. Die Wissenschaft kann bestenfalls die Folgen, Chancen und Risiken verschiedener Handlungsoptionen einschätzen. Es ist jedoch nicht ihre Aufgabe vorzugeben, dass – etwas schematisch formuliert – alle Anstrengung darauf konzentriert werden sollte, eine künftige Katastrophe aufzuhalten, die oft als apokalyptisches Ereignis imaginiert wird, das die „gesamte Menschheit“ und damit insbesondere das Wohl ihrer privilegiertesten Repräsentanten betrifft. Oder dass es besser wäre, die Klimakatastrophe als eine fortwährende zu verstehen, welche schon längst große Teile der Weltbevölkerung betrifft, und also gegen bestehende Ungleichheiten anzukämpfen und Lebensformen zu bestärken, welche einem widrigen Klima standhalten können.
In meiner Arbeit mit multidisziplinären, im weiten Sinne kulturwissenschaftlichen Forschungsgruppen am ICI Berlin überraschte es mich in den letzten Jahren immer wieder zu sehen, wie skeptisch die Postdoc-Gruppen gegenüber Degrowth-Ansätzen waren, selbst wenn das übergeordnete Thema nicht zuletzt im Hinblick auf Umweltfragen „Reduktion“ war und eine Wachstumskritik nicht infrage gestellt wurde. Die Assoziation mit neoliberalen Sparmaßnahmen, welche am Ende immer darauf hinauszulaufen scheinen, lokale und globale Ungleichheiten zu vergrößern, ist offenbar zu stark. Dafür fühlte sich eine Kohorte kurz vor der Pandemie, als die Rede vom Anthropozän in aller Munde war, vom viel bescheidener anmutenden, aber erstaunlich vielschichtigen Begriff des „Weatherings“ angezogen, welcher sowohl passiv – den Elementen ausgesetzt sein, verwittern – als auch aktiv – den Elementen trotzen, eine Krise überstehen – verwendet werden kann. Die Arbeit an und mit diesem Begriff erwies sich als außerordentlich produktiv und vielversprechend – etwa um zu beschreiben, wie schon jetzt die desaströsen Effekte der Klimakrise und ihrer Ursachen von vielen erfahren werden und welche prekären Spielräume des Standhaltens es dennoch geben kann.
In Ihrer Arbeit haben Sie Unsicherheit nicht nur als Defizit, sondern als konstitutiven Bestandteil von Wissensprozessen beschrieben. Die Klimaforschung operiert mit Wahrscheinlichkeiten und offenen Zukünften. Wie können wir angesichts der Unsicherheit dennoch Entscheidungen treffen?
Zunächst würde ich wieder sagen, dass es ohne Unsicherheit nichts wirklich zu entscheiden gibt, und dass mir die Rede von offenen Zukünften im Kontext des Klimawandels eher zu optimistisch klingt. Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass Wahrscheinlichkeit und Gewissheit, Unsicherheit und Bestimmtheit in physikalischen Theorien und Modellen auf oft paradox erscheinende Weise miteinander verknüpft sind. Neben der Quantenmechanik – einer Theorie, die Wahrscheinlichkeiten als grundlegend und unhintergehbar erklärt, und deren Vorhersagen experimentell zugleich mit unübertroffener Präzision bestätigt wurden – denke ich an die Chaostheorie. Diese modelliert einerseits extreme Unsicherheit aufgrund hoher Empfindlichkeit gegenüber kleinen Änderungen der Anfangsbedingungen – den sprichwörtlich gewordenen Schmetterlingseffekt, wonach ein Flügelschlag in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann. Andererseits sieht sie die Dynamik chaotischer Systeme von sogenannten Attraktoren bestimmt, denen sich das System von jedem Anfangspunkt und nach jeder Störung annähert und die somit für ein hohes Maß an Vorhersehbarkeit stehen. Interessanterweise geht die Chaostheorie unter anderem auf Edward Lorenz’ Modellierung von atmosphärischen Strömungen zurück und der Schmetterling lässt sich sowohl auf die Unvorhersehbarkeit des Wetters als auch auf die Form des Attraktors beziehen, den Lorenz mit dem Klima als einer Bandbreite von immer wieder auftretenden Wetterlagen identifiziert.
Freilich spreche ich hier von Modellen, die noch viel zu einfach sind, um irgendwie realistisch zu sein, aber sie haben den Vorteil, dass sich an ihnen das Zusammenspiel extremer Unsicherheit und hoher Bestimmtheit verstehen lässt. Mit leichten Modifikationen lassen sich auch Kipppunkte modellieren, das heißt Sprünge, die durch geringfügige Veränderung von Parametern – etwa der Temperatur – ausgelöst werden und zu anderen Attraktoren mit qualitativ drastisch anderem Verhalten führen können.
Anders als beim Frieren oder Kochen von Wasser gibt es beim komplexen Erdsystem sicherlich noch beträchtliche Ungewissheiten, wo, wann und wie genau Kipppunkte eintreten – wie beispielsweise die Störung der atlantischen Umwälzzirkulation (AMOC). Angesichts der erwartbaren negativen Konsequenzen rasanter Veränderungen, die den Ökosystemen keine Zeit zur Anpassung lassen, sollte man jedoch meinen, dass kleinere Ungewissheiten für Entscheidungsfindungen nicht ins Gewicht fallen. Schwieriger – und damit wieder politisch – wird es freilich, wenn zwischen konkreten Gegenmaßnahmen entschieden oder auch die Möglichkeit positiver Kipppunkte berücksichtigt werden muss.
Wir erleben das Klima, im Gegensatz zum Wetter, nicht direkt, sondern über Modelle, Daten, Szenarien. Verstehen wir diese Formen der Abstraktion vielleicht nur kognitiv, ohne sie wirklich zu verinnerlichen? Liegt darin ein Grund für die anhaltende Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Konsequenz?
Dass Erkenntnis so folgenlos bleibt, ist in der Tat auch psychologisch ein interessantes Phänomen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es in erster Linie mit der spezifischen Abstraktion des Klimas zu tun hat. Auch das Wissen um gesundheitliche Risiken und Suchtpotenziale bleibt ja oft selbst bei Expert*innen ohne Konsequenz. Letztlich sind hier kulturell so existenzielle Fragen wie die nach dem Umgang mit der eigenen Endlichkeit im Spiel. Inwieweit kann und soll die Zukunft – das Wissen um mehr oder weniger wahrscheinliche Folgen, die wir naturgemäß nicht erleben können, bis es (fast) schon zu spät ist – unser Leben im Hier und Jetzt bestimmen?
Während der Pandemie war gut zu sehen, dass beim Eindruck wirklich imminenter Gefahr – in Form überfüllter Intensivstationen – wissenschaftlich angezeigte Einschränkungen bereitwillig angenommen wurden, mitunter sogar, bevor es eine Verordnung gab, und, zumindest anfangs, mit viel Solidarität. Doch schien sich dies ins Gegenteil zu verkehren, sobald die unmittelbare Gefahr verschwand und es vielen galt, die Zeit bis zur nächsten Welle bestmöglich zu nutzen, auch wenn dies deren Ankunft beschleunigte. Für den Klimawandel mit seiner deutlich schwerfälligeren – wenngleich geologisch gesehen rasanten – Dynamik stimmt dieses Verhalten leider wenig optimistisch.
Wenn Klima sich nicht unmittelbar zeigt, kommt es darauf an, wie es sichtbar gemacht wird. Welche Rolle spielen Bilder, Narrative und ästhetische Formen dabei? Kann Kunst eine Form von Erfahrung ermöglichen, die wissenschaftliche Modelle allein nicht leisten können?
Mehr noch als das Klima oder den Klimawandel selbst, gilt es wohl, die Folgen und Ursachen, Gegenmaßnahmen und deren Konsequenzen zu vermitteln. Auch die Wissenschaften sind dabei auf Bilder, Narrative und andere ästhetische Formen angewiesen, aber den Künsten fällt sicherlich eine besondere Rolle hinsichtlich des Eröffnens neuer Möglichkeiten zu.
Zugleich stehen sie vor ihren eigenen, vielfältigen Herausforderungen – etwa, wenn katastrophale Ereignisse, die als Folge des Klimawandels zu erwarten sind, innerhalb eines realistischen Romans nicht erzählt werden können, ohne dass dieser fundamental gegen strukturelle Konventionen dieses modernen, auf das menschliche Maß ausgerichtete Genre verstößt. Er würde als unglaubwürdig gelten, wie Amitav Ghosh vor einem Jahrzehnt eindrücklich argumentierte.
Das Missverhältnis verschiedener Maßstäbe oder Skalen, die doch miteinander gedacht und aufeinander bezogen werden müssen, bleibt ein zentrales Problem. Der Klimawandel ist zweifellos menschengemacht, aber er ist auch als Hyperobjekt beschrieben worden, das massiv über die räumlichen und zeitlichen Dimensionen des Menschen hinausgeht. Wie kann sich das Einzelindividuum zu diesem Phänomen planetarischen Ausmaßes verhalten, zu dem Konsum, der in Jahrhunderten verbrannte, was in Jahrmillionen entstand, ohne sich überwältigt zu fühlen? Wie kann es dafür Verantwortung nehmen, ohne sich als übermächtiges Kollektivsubjekt des Anthropozäns zu imaginieren?
Es spricht vieles dafür, dass den Versuchungen des Erhabenen widerstanden werden muss, ebenso wie denen apokalyptischer Narrative, und stattdessen nach anderen ästhetischen Formen für die Verflechtung unterschiedlicher Skalen zu suchen ist. Neben wissenschaftlichen Modellen könnte ein Ausgangspunkt sein, die konkreten Auswirkungen der fortwährenden Klimakatastrophe in bestimmten Teilen der Welt präzise zu beobachten und deren Folgen bis in den globalen Norden und dessen kulturelles Klima zurückzuverfolgen.
Die Klimadebatte selbst ist von starken Affekten geprägt, Dringlichkeit, moralischem Druck, aber auch Müdigkeit und Abwehr. Trägt das gegenwärtige kulturelle Klima zur Veränderung bei oder steht es ihr zunehmend im Weg?
Es spricht für alle Alternativen etwas: Es gibt wohl individuell wie kollektiv einen Zyklus von Dringlichkeit und Müdigkeit, und moralischer Druck ist eine fragwürdige Strategie, die Abwehr befördert. Die starken Affekte aber bringen mich auf die vorherige Frage zurück. Denn mir scheint in der Tat, dass es nicht an eindringlichen, alarmierenden Repräsentationen und Narrativen zum Klimawandel fehlt, welche eben starke Affekte hervorrufen. Das Problem, das auch eines der ästhetischen Form ist, ist vielmehr, dass diese Erzählungen einerseits lustvoll erfahren werden können, worauf deren starke Präsenz in der Unterhaltungsindustrie hindeutet, und andererseits mitunter so dystopisch und unausweichlich daherkommen, dass sie eine lähmende Wirkung entfalten. In beiden Fällen entsteht eine Diskrepanz zwischen ästhetischer Erfahrung und Konsequenz, die zu überwinden eine besondere Herausforderung für die Kunst in diesem Zusammenhang darstellt.
Wenn wir es mit einem Problem zu tun haben, das sich weder vollständig verstehen noch kontrollieren lässt, verschiebt sich die Frage von Lösung zu Haltung. Was heißt es unter diesen Bedingungen, verantwortlich zu handeln, ohne sich auf falsche Sicherheiten zu stützen?
Vielleicht sollte man zunächst den Drang nach Kontrolle – das Bestreben, Naturphänomene zu dominieren – als Teil des Problems erkennen. Es würde eine gewisse Entlastung bringen, zielte aber nicht auf Untätigkeit ab, sondern stellte die Fixierung auf technologische Lösungen bis hin zum Geoengineering infrage. Verantwortliches Handeln beinhaltet dann Bewusstsein wechselseitiger Abhängigkeiten, Einsicht in die Grenzen menschlicher Macht, Priorisierung von sozialer Gerechtigkeit sowie die Förderung alternativer, klimafreundlicherer Formen des Zusammenlebens menschlicher und nicht-menschlicher Lebewesen.
Christoph F. E. Holzhey ist Gründungsdirektor des ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry, welches er seit 2006 leitet.