Kunst als Zukunfts-Tool?
Angela Lammert

Essay

Keine Tools ohne Skills in der Kunst. Keine Skills ohne Notation. Und keine Notation ohne einen prozessualen Begriff von Form. Denn das Verhältnis von Idee, Entwurf und Werk hat sich verschoben. Das Verfahren der Schichtung als eine Form der Notation bleibt nicht nur nahe am Herstellen und Bearbeiten, sondern ist als Metapher und künstlerisches Prinzip gegen das Ausspielen von Polarisierungen ins Spiel zu bringen. Gerade angesichts der Diskussion um einen „Kulturkampf“ darf die Frage nach dem WIE künstlerischer Praxis nicht auf der Strecke bleiben. Was machen die Künste, wenn „ein Gespenst“ in der Welt und nicht allein in Europa „umgeht“? Und wie imaginiert die Suche nach Form eine „poetische Vernunft“ (Senthuran Varatharajah), an der sich ein Bild oder ein Text, ein Klang oder ein Film, entscheidet? Auf welche Weise vermag Kunst, das Beibehalten von Differenzen in einem relationalen Gefüge von Antagonismen sichtbar zu machen? 

Trends kommen und gehen. Tools ändern sich. Skills verlieren an Relevanz. Aber die Fähigkeit, offen für Neues zu bleiben, macht den echten Unterschied – so wird es in einem digitalen Jobportal annonciert. „Kunst als Zukunfts-Tool“ hieß es im Zusammenhang mit digitalen Medien. „Kunst als Werkzeug“, die Welt zu verändern, beschreibt ein altes neues Thema, nun verhandelt im Zusammenhang mit dem Konzept eines „nützlichen Museums“ (Alistair Hudson). Aber: „Ars“ war im Lateinischen eine der Übersetzungen des griechischen Begriffs „téchne“: Wissen, was nicht von der Natur vorgegeben ist. Die Téchne im ursprünglichen Sinne ist eine Technik ohne Ziel und Zweck. Das ist ein Gedanke, den der französische Philosoph Jean-Luc Nancy im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Akademie der Künste vor fünfzehn Jahren erinnert hat,1 in der die Sprengung des europäischen, im Wesentlichen durch das Bild bestimmten, Kunstbegriffs durch die globale Erweiterung der zeitgenössischen Kunstpraxis thematisiert wurde.

Veränderte Praxis, veränderte Skills

Eine veränderte künstlerische Praxis bringt veränderte Skills hervor, technische Fertigkeiten in einem erweiterten Sinne. Der aus der Sozialwissenschaft kommende Begriff des Unskillings, der mit Blick auf die Industrialisierung und Mechanisierung von Arbeitsprozessen aufkam, wurde in den 1980er-Jahren von Ian Burn in die Kunstdiskussion eingeführt. Benjamin Buchloh, Claire Bishop, John Roberts und andere haben die Spur weiterverfolgt und sie als maßgebliche Tendenz der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts diskutiert. Diese wertenden Diskurse sind mit Blick auf die Rückwirkung neuer Medien auf klassische Techniken wie etwa der Zeichnung oder der Druckgrafik kritisch zu reflektieren. Zum Beispiel stellt sich die Frage, ob der Klang der Kohle zum Widerstand des Materials werden kann, oder auf welche Art und Weise Sound und Theater Bestandteil von Zeichnungen sein können. Beim Drucken wie etwa dem Radieren verlangsamt sich der Prozess des Zeichnens und öffnet eine andere Möglichkeit der Selbstbeobachtung und des bewussteren Zeichnens. Die Rückwirkung neuer Kommunikationsmittel auf klassische Techniken betrifft alle Medien und nicht allein die Bildende Kunst. Zu denken wäre etwa an Trisha Browns Tänze auf Papier, die sie mit zwischen den Zehen festgeklemmten Kohlestücken geschaffen hat – als Aufführung des Zeichnens. Zeichnen in der Luft wird zum Versuch, Bewegung darzustellen und zu erzeugen. Der bewusste Blick auf die Zeichnung beeinflusst den Tanz, und umgekehrt ist die Zeichnung ohne die tänzerische Bewegung nicht möglich. Es entsteht eine Notation des gestischen Bewegungsrhythmus und zugleich bestimmt die Blickkontrolle der Tanzspur die Performance selbst. Wenn das Material gewichtslos wird, kann dann der „Glitch“,2 der Fehler oder die Störung, als Widerstand des Materials verstanden werden? Ein Tool, das auf andere Weise am Rand der Erwartbarkeit und als „Feind marktgängiger wie auch epistemischer Alternativlosigkeit“3 benutzt wird. Nicht zuletzt: Auch das Atelier oder der Schreibtisch kann als Werkzeug dienen, als Ort von Kontrolle und Kontrollverlust oder als Notation. Nicht das Sehen steht im Zentrum, sondern der Prozess des Sehens, die Transformation. 

Mit dem Wandel der architektonischen Praxis als Forschung wird ein „Denken mit den Händen“ nicht mehr vorausgesetzt. Zu fragen wäre, ob Teamwork mit Künstlern zu den Skills gerechnet werden kann oder ob das Bestehende als Teil des eigenen Werkes fungiert, indem sich das „Neue“ beziehungsweise neue Skills aus Zerlegen und neuem Zusammenfügen ergeben und die Gestaltung des Entwurfsprozesses die Fertigkeit ist, die es für einen Architekten zu erlangen gilt. Sind künstlerische Fähigkeiten abhandengekommen und welche neuen haben sich entwickelt? Was müssen Künstler können und welche Tools setzen sie dafür ein? Welche Diskurse kanalisieren welche Skills und welche Tools, und wie sind diese zu denken? Sind Tools Werkzeugkästen? Im Wort Werkzeug steckt „Werk“ und „Zeug“. Das Wort „Zeug“ hat seinen Ursprung im mittelhochdeutschen Wort „ziehen“ – es bedeutet also Ziehen oder Mittel zum Ziehen. Tools als Impulsgeber, die etwas in Bewegung oder in einen anderen Zustand versetzen. Wenn die Veränderung nicht von einer evolutionären Annahme ausgeht, wenn sie nicht zum Dogma und das Scheitern nicht zur Kreativität erklärt wird, dann ist jedes kreative Verändern ein zwingend notwendiges Experiment mit einem sich erweiternden Werkzeugkasten. 

Notation als visueller Denkprozess

Für diese Veränderung und Erweiterung von Tools steht ein Verständnis von Notation als formales Findungsverfahren und visueller Denkprozess in allen Medien. Das verweist auch auf die Schnittstelle zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Bildern. Unschärfe etwa kann paradoxerweise in der Naturwissenschaft die genaueste Lesbarkeit erzeugen. Vor allem aber birgt der Begriff der Notation den musikalischen Kosmos der Note und der Notenschrift. Er verweist aber auch auf die Notiz. Das Verständnis von Notation ist in Bewegung geraten – und das in den alten wie in den sich neu entwickelnden Künsten. Die Skizze oder die Handlungsanweisung für eine Performance, in ihrem utopischen und assoziativen Potenzial, ebenso wie auch die an Zeichen gebundene Noten- oder Tanzschrift können als Notation bezeichnet und als Tool eingesetzt werden. 

Gerade angesichts des gesellschaftlichen Korsetts von einfachen Antworten ist Kunst jenseits einer Symbol- oder Zeichentheorie von politischer Bedeutung. Eine hybride und vielschichtige musikalische Partitur mit grafischen und sprachlichen Anteilen funktioniert gleichzeitig als Erinnerungssystem und Produktionsmedium, als Analyse- und Denkwerkzeugkasten. Die visuellen Eigenschaften von Notation als Instrument der Formartikulation sind in der Musik nicht nur in den grafischen Partituren von Bedeutung. Mauricio Kagel etwa experimentiert in seinen fotografischen Musiknotationenmit der Schichtung, in denen er die Änderung der Lichtdynamik und die Überlagerungen eines Negativs mit sich selbst als Tool einsetzt. Das Material wird zum Instrument, weil aus der Differenzierung musikalischer Elemente die grafischen Probleme Teil des Komponierens geworden sind.

Bildlichkeit von Notation betont, dass Notationen sich materialisieren und anschaubar werden. Und dies auch, weil Zeichensysteme endlich sind, hingegen die künstlerische Imaginationskraft und das Visuelle diese Endlichkeit nicht antizipieren. Heute scheint es dringlicher denn je zu sein, sich über zeitgenössische formale Möglichkeiten der Verschmelzung von politischen Inhalten und poetischer Kraft sowie über deren mediale Vermittlung zu verständigen. Bei der amerikanischen Kunstkritikerin, Schriftstellerin und politischen Aktivistin Susan Sontag heißt es: „Wie soll man das verbreitete Gefühl ausrotten, der ‚Stil‘, seine Funktion nach der Form gleich, untergrabe den Inhalt?“4 

Bilder und Texte als Werkzeuge der Schichtung von Zeit

Ohne die Geister der Vergangenheit als Teil der Gegenwart keine Zukunft. Ohne den kritischen Umgang mit der Visualisierung von Denken in den sozialen Medien, ihrer Schichtung von Zeit in Bildern und Texten, kein eigenständiges Denken. Ohne eigenständiges Denken keine Freiheit der Künste und keine Demokratie. Ohne historisches Wissen keine Nachhaltigkeit für die Zukunft. Ohne Schichtung von Zeit kein „Ghosting“ als Überwindung von Grenzen in die Gegenwart. Nicht zuletzt deshalb seien hier zwei historische Beispiele für den Zusammenhang von Notation und Skills als wesentlichen Elementen von Tools genannt: 

Bertolt Brecht beschäftigt sich nach Kriegsende 1945 mit dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx (und Friedrich Engels). Er versucht, den berühmten Text in ein Lehrgedicht zu übertragen, und das in der Form von Hexametern, dem sechsfüßigen, klassischen Versmaß der antiken Dichtung. Eine „Spielregel“ als Tool für ein politisches und zugleich künstlerisches Anliegen, das ihn schon im amerikanischen Exil beschäftigt hat. Erhalten haben sich mehrere Fassungen dieses Experiments. Es lassen sich nicht nur die Abfolge der Entstehung dieses Textes in seinen Manuskripten verfolgen, sondern auch die Bildung des Denkens durch Bildlichkeit in der ihm eigenen Mneme-, Bau- und Schreibtechnik. Das marxsche Gespenst – „sichtbar und gross und nicht erst der Krieg hats geboren“ – wird zum Geist, zum Wiedergänger, der „in Tanks mit tödlichen Bombern fliegt“ mit „rauher stimme und sanfter. Fluchend und argumentierend“ (Bertolt Brecht 1945). „Wiedergänger“ können auf die Krisen der Gegenwarten reagieren und diese für eine andere Zukunft öffnen. Was ist für die Gegenwartskunst von dieser Form des Denkens zu lernen und auf welche Weise kann es für Online-Chats ebenso wie für den Umgang mit Deutungshoheiten in den Medien als Werkzeug der Kritik genutzt werden? 

Von Brecht wissen wir, wie stark er das Bildliche und die Collagetechnik in seinen Manuskripten eingesetzt hat. Bei Karl Marx, dessen Manifest er ins Zeitgenössische übertragen wollte, weiß man es kaum. Eine Entdeckung in diesem Zusammenhang sind dessen Exzerpte und Notizen zur Geologie, Mineralogie und Agrikulturchemie mit fast einhundert eigenständigen Handzeichnungen. Die stetig sich verschärfende Krise auf unserem Planeten provoziert eine ökologische Lesart dieser Texte, die es mit der zunehmenden Beschäftigung der Kunst mit diesen Fragen ins Verhältnis zu setzen gilt. Inwieweit ist die Technik der Verbindung von Skripturalem und Bildlichem, von Schrift und Bild als Einheit des Denkens für einen kritischen Umgang mit den sozialen Medien nützlich? In welcher Weise lassen sich ästhetische Qualitäten der Einschreibung und Freilegung von Zeitschichten als Ausweis offenen Denkens und als zentrale Bausteine einer offenen Gesellschaft fördern, beleben und schärfen? Wie lassen sich die Werkzeuge der Schichtung von Zeit als Tools von Kritik für Menschen aller Hintergründe und Orientierungen gleichermaßen zugänglich und produktiv machen?

 

Angela Lammert leitet den Bereich interdisziplinäre Sonderprojekte der Akademie der Künste.

Anmerkungen

  1. Jean-Luc Nancy, Was heißt noch Kunst?, in: Robert Kudielka und Angela Lammert im Auftrag der Akademie der Künste (Hg.), Grenzenlos Kunst?, Dortmund 2016, S. 207–217.
  2. Legacy Russell, Glitch Feminimus. Ein Manifest, Leipzig 2021.
  3. Viktor Fritzenkötter, Glitch. Von produktiven Fehlern und dem Einfall im Ausfall (Digitale Bildkulturen), Berlin 2025, S. 70.
  4. Susan Sontag, Über den Stil (1965), in: Kunst und Antikunst, Frankfurt am Main 1995, S. 28.