Das Potenzial des Scheiterns
Manos Tsangaris und Anh-Linh Ngo im Gespräch mit Stefan Kraus

Was brauchen Kunstinstitutionen, um in polarisierten Zeiten wirksam zu bleiben? Stefan Kraus, Direktor des Kolumba, des Kunstmuseums des Erzbistums Köln, setzt auf Konzentration statt Eventisierung und auf Vermittlung ohne Zielgruppen-Schablone. Seine wichtigsten Werkzeuge: Leidenschaft für die Sache, Detailtreue und Kritikfähigkeit. Ein Gespräch über Stille als Format, das Potenzial des Scheiterns und den Mut zum Bekenntnis.

Interview

Kolumba, das Kölner Kunstmuseum, das Sie seit 2008 leiten, nennt sich unter anderem „Museum der Nachdenklichkeit“. Ist Nachdenklichkeit ein Mittel (Tool), Kunstwerke und Kunst anders zu sehen, zu verstehen und zu vermitteln?

Der Begriff „Tool“ kann hier wirklich nur als Hilfsmittel dienen, denn es ist sicher nicht so, dass man mit einem einzigen „Werkzeug“ die Situation der Kunstvermittlung „reparieren“ könnte. Unter der Leitung meines Vorgängers Joachim Plotzek haben wir ab Anfang der 1990er-Jahre das „Museum der Nachdenklichkeit“ propagiert. Im Wesentlichen ging es uns darum, der gesellschaftlichen und damit politischen Bedeutung von Kunst als Gegenstand individueller Reflektion einen Ort zu geben – im Unterschied und als Ergänzung zu Information und Kommunikation. Kunst ist eine radikal subjektive Äußerung, und wir wollten die Bedingungen dafür schärfen, ihr ebenso radikal subjektiv begegnen zu können.

Wir leben in einer Zeit permanenter Kommentierung: Jedes Erleben wird sofort von einer Kakofonie aus Worten und Bildern begleitet, erklärt, übertönt. Sie haben einmal gesagt, die Kunst besitze die Fähigkeit, wortlos Sinn zu stiften, wortlos Auskunft zu geben, wortlos erlebt zu werden. Das gilt ebenso für die Architektur. Im Museumskontext wird sie selbst zu einem zentralen Werkzeug ästhetischer Wahrnehmung. Welche Möglichkeiten und welche Grenzen hat die Architektur von Peter Zumthor für Ihre Arbeit im Kolumba eröffnet, gerade in einer Gegenwart, die kaum mehr Stille und Unmittelbarkeit zulässt?

Ich denke, es ist wichtig, zu akzeptieren, dass man nicht an allen Orten alles machen kann oder sollte. Insofern hat jede profilierte Architektur auch ihre Grenzen. Kolumba ist ein großes Gefäß, dass alle Inhalte, mit denen man es füllt, zu etwas Kostbarem verwandelt. Das Gebäude verweigert sich dem schnellen Konsum. Es gibt die wortlose Empfehlung, sich Zeit zu nehmen, sich auf etwas einzulassen. Peter Zumthor trägt die Autorenschaft für ein Haus, an dessen Planung und Realisierung wir beteiligt waren, um Lösungen zu erarbeiten, die nicht nur unsere Zwecke erfüllen, sondern weit darüber hinausgehen. Jeder ausgestellte Gegenstand gewinnt durch diese Räume an Bedeutung. Daher erfordert die Architektur die präzise kuratorische Entscheidungen darüber, was man veranstaltet, was man und wie man es inszeniert. Gleichzeitig steigert die Architektur die Neugierde und Experimentierfreude, mit neuen Formaten zu arbeiten.

In Ihrem Buch Formate bestimmen die Inhalte analysieren Sie, wie der Kunstbetrieb selbst durch seine Formate geprägt und zunehmend von ökonomischen Logiken bestimmt wird. Vor diesem Hintergrund: Welche neuen Formen der Vermittlung braucht die Kunst heute jenseits von Marktmechanismen und Eventrhetorik? 

Ich bin in meiner Auffassung von Kunst immer noch Idealist, da ich davon ausgehe, dass sie uns im besten Fall in eine Terra incognita führt, oder auch durch vermintes Gelände. Ästhetik bedeutet mir im gelingenden Fall nicht die Bestätigung von Erwartungen, sondern die Erfüllung meiner Neugierde durch das Fremde und Andere. Kunst braucht daher vor allem einen Raum, der ihre Rezeption so wenig wie möglich vorformatiert. Es braucht offene Formate, die nicht verzweckt werden und ein wahrnehmbares Potenzial des Scheiterns beinhalten.

Kunst und ihre Institutionen bewegen sich zwischen Beharrung und Progression, zwischen dem Bewusstsein der eigenen Geschichte und dem Mut, Neues zu wagen. Welche Werkzeuge braucht eine Institution, um ihre eigenen Mittel zu reflektieren und dieses Spannungsfeld selbst als Werkzeug zu verstehen und produktiv zu balancieren?

Es braucht zuerst einmal das Bekenntnis der jeweiligen Geldgeber zur Kulturförderung als eine der tragenden Säulen einer funktionierenden Gesellschaft. Das lässt sich unter betriebswirtschaftlichen Aspekten nicht erreichen. Erst kürzlich wurde ich mit der Aussage unserer Verwaltung konfrontiert, Kolumba habe ein „Defizit“ von 2,5 Millionen Euro pro Jahr. Auf meine erstaunte Nachfrage hin bestätigte man mir, dass damit die Summe aller Aufwendungen gemeint sei, die das Erzbistum Köln für Kolumba jährlich leistet. Dass wir die Attraktivität unseres Programms durch Kooperationen und über die Einwerbung erheblicher Fremdmittel erreichen, interessiert bei dieser Auffassung niemanden. Daher bin ich ausgesprochen skeptisch, wenn wir in der Kultur mit Marketingkonzepten konfrontiert werden, die Unternehmensberater in der freien Wirtschaft anwenden. Kulturmarketing und die Kriterien für die Beurteilung unserer Arbeit müssen sich von den Inhalten ableiten. Man kann in der Kunstvermittlung nur erfolgreich sein, wenn man seine Inhalte nicht an einer Zielgruppe mit antizipierten Erwartungen orientiert, sondern das jeweilige Format entsprechend der Inhalte entwickelt, also ein an der Sache orientiertes, spezifisches Angebot. Als wichtigste „Werkzeuge“ dienen uns dabei die Leidenschaft zur Sache, die Detailtreue, vor allem aber auch die Kritikfähigkeit, die Innovation und Kontinuität innerhalb des Teams.

Kunst soll und muss für sich selbst sprechen. Sie darf nicht instrumentalisiert oder – im schlimmsten Fall – zum bloßen Illustrationswerkzeug gesellschaftlicher Thesen werden. Zugleich übernehmen Kunstschaffende Verantwortung für den Kontext, aus dem ihre Arbeiten entstehen. Wie spiegeln sich der Widerstreit zwischen Selbstäußerung und gesellschaftlicher Wirkung in Institutionen, die Kunst fördern, produzieren, zeigen, zu Gehör bringen und vermitteln?

Als Kurator*innen sind wir den Künstler*innen gegenüber ebenso verpflichtet wie den Rezipient*innen. Wir suchen für die Ambivalenz der Kunst mehrdimensionale Wege der Vermittlung und sind die Sachwalter der Inhalte, die wir gegen jede Kritik verantworten müssen. Wenn die Kunst angegriffen wird, ist wissenschaftliche Distanz fehl am Platz, dann müssen wir ein Bekenntnis liefern.

In Zeiten wachsender rechter Bewegungen und gesellschaftlicher Verwerfungen: Welche besonderen Aufgaben haben Kunstinstitutionen heute? Und wo lauern Fallen, wenn ein Haus sich politisch positioniert?

Angesichts der wachsenden Polarisierung und der allgemein abnehmenden Bereitschaft, die andere Meinung als Chance zu verstehen, sehe ich es als eine der Hauptaufgaben der Kultur an, gesellschaftliche Blasen zum Platzen zu bringen. Wer, wenn nicht wir, soll mit seiner Arbeit Toleranz einfordern und die Akzeptanz des Anderen einüben. Eine der größten Fallen ist die Annahme, dass sich die kulturpolitische Relevanz darin erfüllt, den Trendthemen nachzulaufen, wie wir es leider derzeit erleben. Das ist eine vordergründige politische Positionierung, die mit dem kalkulierten Risiko ihrer Akzeptanz zu kurz greift.

Welche drei Werkzeuge sind heute entscheidend, wenn eine Kunstinstitution handlungsfähig bleiben und in einer polarisierten Gesellschaft glaubwürdig wirken will? Und welche neuen oder alten Instrumente braucht es, damit Kunstorte auch in Zukunft individuell und gesellschaftlich wirksam bleiben können?

Das sind zwei Fragen, die auf verschiedene Weise beantwortet werden wollen. Erstens braucht es das eigene Interesse derjenigen an Kunst und Kultur, die über uns entscheiden. Es braucht eine politische Unterstützung, die über Lippenbekenntnisse beim Besuch der Wagner-Festspiele hinausgeht. Zweitens bedarf es einer verlässlichen und von quantitativen Kriterien unabhängigen Grundfinanzierung und einer nachhaltigen Bewirtschaftung unserer Haushaltsmittel, zum Beispiel auch mit der Möglichkeit, nicht verbrauchte Projektmittel übertragen zu können. Drittens braucht es, wie in vielen anderen Bereichen auch, eine deutliche Reduzierung der Bürokratie sowie die absolute Unabhängigkeit der inhaltlichen Entscheidungen (auch gegenüber Freundeskreisen). 

Der zweite Teil Ihrer Frage bedingt vor allem, dass der Kunst, und also der ästhetischen Bildung ein ganz anderer Stellenwert eingeräumt wird. Museen und Ausstellungshäuser haben in den vergangenen Jahrzehnten alles dafür unternommen, um niedrigschwellige Konzepte und eine didaktische Rundumversorgung anzubieten, die mir meist zu weit geht oder zu weit vorgedacht ist. Echte Partizipation erfordert meine Zuwendung und die Bereitschaft zur Teilhabe, also zuzulassen, dass Andere den mir zur Verfügung stehenden Raum mit ihren Inhalten füllen. Aber unsere vielfältigen Angebote machen so lange keinen Sinn, wie wir einen immer geringer werdenden Anteil in der medialen Berichterstattung haben. Warum und für wen sendet die ARD täglich vor der Tagesschau „Wirtschaft vor Acht“, warum nicht im Wechsel dazu „Kultur vor Acht“. Wann und warum kommt Kunst auf den Titelseiten der Printmedien, in den Leitartikeln der digitalen Medien vor, wenn es nicht gerade um einen Museumsdiebstahl oder um Gerhard Richter geht, der als „wichtigster“ Künstler bezeichnet wird, weil seine Preise durch die Decke gehen. Es braucht jenseits des Spektakels differenziertere Möglichkeiten der Kunstvermittlung, die wir ohne eine Korrektur am Bildungsbegriff und seinen Inhalten nicht erreichen werden.

 

Stefan Kraus ist Kunsthistoriker und leitet seit 2008 das Museum Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln.