Memes Control. Kulturkampf der Bilder
Wolfgang Ullrich

Essay

Ein Tweet von Elon Musk vom 6. September 2025 enthielt ein animiertes Mem: das Bild eines von einem Ochsen gezogenen Planwagens aus dem frühen Computerspiel The Oregon Trail, das Leben und Nöte von Siedlern im 19. Jahrhundert der USA zum Thema hat, wobei die originale Beschriftung „You have died of dysentery“ („Du bist an Ruhr gestorben“) ersetzt wurde durch „You have died from lack of memes“ („Du bist an Meme-Mangel gestorben“).1 Musk kommentierte das Mem schlicht mit „fr“, was für „for real“ steht und damit Zustimmung signalisiert. Offenbar geht also zugrunde, wer es nicht schafft, seine Sicht der Welt in prägnante, witzige, aggressive Meme – in launig beschriftete Bilder, ja in ein neu und aktuell interpretiertes Visual – zu übersetzen und auf diese Weise Aufmerksamkeit und Anhängerschaft zu gewinnen. Gerichtet ist diese Botschaft voller Schadenfreude an all diejenigen, die sich in den USA unter Trump und der MAGA-Bewegung ohnmächtig und im Stich gelassen, von Willkür bedroht oder sogar in ihrer Existenz gefährdet fühlen. Tja, Ihr woken Demokraten, Ihr Migranten und Globalisten, Ihr Minderheiten und Eliten, Ihr habt verloren, habt nicht kapiert, wie man heute politische Mehrheiten gewinnt und den Gegner besiegt. Bill Clintons Slogan „It’s the economy, stupid“ hat ausgedient, heute muss es heißen „It’s the memes, stupid“ – und tatsächlich kursierte diese Wendung schon nach Donald Trumps erstem Wahlsieg 2016, erst recht aber seit seinem zweiten.2

Bezeichnend ist, was sich unter Musks Tweet abspielte. Tausende von Followern und Fans kommentierten, meist ihrerseits in Form von Memen. Sie packten ihre Klassiker aus oder bastelten neue Meme, gemünzt auf den Tweet oder auf ein aktuelles Ereignis, immer aber als Beweis dafür, selbst nicht unter „lack of memes“ zu leiden, also zu den Starken, zu den Siegern zu gehören. Mit seinen zahlreichen Reaktionen liefert Musks Tweet geradezu ein Kompendium von Mem-Formaten, die bei Rechten und Libertären beliebt sind – mal böse antiislamisch, mal zynisch antifeministisch, mal offen rassistisch, mal Trump-begeistert, mal Musk-verehrend. Wer sich hier durchscrollt, bekommt schnell einen Eindruck davon, mit welcher Energie, mit wie viel Wut und Ressentiment in der MAGA-Bewegung gememt wird, sieht aber auch, was für unterschiedliche Milieus und Interessen da zusammengefunden haben: von der evangelikalen Traditionalistin über den Computerspiel-Incel und „America First“-Patrioten bis zum libertären Unternehmer, White-Supremacy-Rocker und der „Trad Wife“-Influencerin.

The Great Meme War

Sie alle zusammen haben das geführt und gewonnen, was sie selbst „The Great Meme War“ nennen. Dieser wurde bereits in Donald Trumps Wahlkampf gegen Hillary Clinton 2016 ausgerufen und nach seinem Sieg zum epochalen Schlüsselereignis verklärt.3 Anhänger und Aktivisten, die sich zuerst auf 4chan, dann schon bald in allen Social Networks mit Memen hervortaten, bezeichnen sich selbst als „Meme Warriors“; sie sehen sich als eine army in einer ebenso militärischen wie weltanschaulichen Mission, und sie haben gelernt, so strategisch geplant und professionell koordiniert Meme zu produzieren, zu posten und zu verbreiten, dass die Analogie zu einem Feldzug nicht unpassend erscheint. Oppositionell-rebellischer Habitus und neue mediale Möglichkeiten bewirkten hier in ihrer Verbindung sehr viel – und umso mehr, als es für die damals regierenden Demokraten auf der Gegenseite keinen Anlass gab, vergleichbar entschlossen zu kämpfen.

Neu seit Donald Trumps zweiter Amtszeit ist, dass Meme auch die Accounts des Weißen Hauses und der Ministerien erobert haben und dass es sich oft um KI-generierte Bilder handelt, mit denen man noch schneller, noch schriller und noch suggestiver agieren kann. Neuartig – und zudem folgenreicher – ist aber vor allem, wie sehr Stil und Logik von Memen inzwischen die gesamte US-Politik prägen. Politische Entscheidungen werden von vornherein so gestaltet, dass sie wie Realität gewordene Meme erscheinen – oder aber, umgekehrt, direkt und ohne eigene Übersetzungsleistung in Meme transferiert werden können. Zum Teil ist nicht mehr erkennbar, was zuerst da war: das Mem oder die politische Maßnahme. Politisches Handeln wird damit genauso pointenfixiert, grell und derb wie ein durchschnittliches Mem, es wird auf ein plakatives Motiv verkürzt und erscheint bloß noch als banaler Ausdruck von Zynismus, Häme, Rachsucht oder einer verwandten Emotion. Die Meme und Bilder werden so zu Treibern der Gewalt, die sie zum Gegenstand haben („The images seem to call forth the violence they depict“).4

Alligator Alcatraz

Ein Beispiel: Im Juni 2025 wurde bekannt, dass in Florida ein Lager zur Internierung von Migranten errichtet werden soll, die im Verdacht stehen, illegal in den USA zu sein. Bei der Präsentation der Pläne wurde auch gleich der Name für das Lager mitgeteilt: Alligator Alcatraz. Das ist doppelt sprechend. So war Alcatraz bis in die 1960er-Jahre hinein eine berüchtigte Gefängnisinsel in Kalifornien, mit Hochsicherheitstrakt für Schwerkriminelle, später auch beliebtes Motiv in Filmen (beispielsweise The Rock) und Popkultur. Suggeriert der Name für das neue Internierungslager also, die dort Einsitzenden seien ihrerseits gefährliche Schwerverbrecher (in Wirklichkeit bekommen sie gar kein rechtsstaatliches Verfahren), so verheißt er zugleich, dass eine Flucht nahezu unmöglich ist. Nur dass das diesmal nicht an der Insellage, sondern an den Krokodilen liegen soll, die in der sumpfigen Umgebung des Lagers leben. Dass diese – neben dort ebenfalls ansässigen Pythons – als gleichsam naturgegebene Aufseher fungieren würden, hob der Generalstaatsanwalt bei der Vorstellung des Projekts ausdrücklich hervor.5

Damit war genug Stoff geboten, um die sadistische Fantasie von MAGA-Anhängern, die ohnehin von keinem anderen Thema so affiziert sind wie von (illegaler) Migration, zum Laufen zu bringen. Innerhalb weniger Tage zirkulierten zahlreiche KI-generierte Bilder mit Krokodilen als Gefängnispersonal, meist ergänzt um anthropomorphisierende Elemente wie Sonnenbrillen oder Uniformen, die lustig wirken sollen.6 Nachdem sich abzeichnete, dass das Thema Resonanz fand, postete das Heimatschutzministerium, das für die Ergreifung und Deportation der Migranten verantwortlich ist, auf den eigenen Accounts bei Instagram und X ebenfalls ein Alligator-Alcatraz-Mem: mit vier Krokodilen direkt vor einem stacheldrahtbewehrten hohen Zaun und Wachturm, mit einer Baseball-Kappe jeweils als Angehörige von ICE, der für die Festnahme von Verdächtigen zuständigen Behörde, gekennzeichnet.7 Drei Tage später stattete der US-Präsident der Lager-Baustelle einen Besuch ab und machte dabei ebenfalls Witze über die Wachfunktion der Krokodile („This is what you need, [...] a lot of cops in the form of alligators“).8 Begleitend dazu posteten die Accounts von Donald Trump sowie vom Weißen Haus eine eigene Mem-Variation. Darauf zu sehen: Trump neben drei ICE-Krokodilen, die diesmal allerdings eher Dinosauriern oder Echsen aus einem Horrorfilm gleichen und umso gruseliger wirken sollen, als die gesamte Szenerie in nächtliche Dunkelheit getaucht ist. Auf dem Bild steht, im Stil eines Kinoplakats, der Name des Lagers sowie der Slogan „Make America Safe Again“.9

Das Mem fiktionalisiert das Lager und die Schicksale von tausenden Betroffenen also zu einem Unterhaltungsspektakel mit hohem Action-Faktor und Donald Trump als Helden. In seinem Stil surreal-absurder Verfremdung lenkt das Mem einerseits von der unmenschlichen Härte der Deportationspolitik der US-Regierung ab; alle, die es sehen, sollen dazu gebracht werden, über etwas Grausames sogar noch zu lachen. Andererseits soll es zu weiteren Varianten animieren, MAGA-Anhängern und Trump-Fans die Gelegenheit geben, sich selbst noch mehr Gags zum Thema auszudenken oder ein KI-Programm mit entsprechenden Prompts zu füttern. Zwar wurden in Reaktion auf die Meme der offiziellen Regierungs-Accounts auch kritische, empörte Kommentare und Gegen-Meme gepostet, die das neue Lager meist in Verbindung mit Auschwitz oder allgemein mit Nazi-KZs bringen, doch überwiegend gab es zustimmende Äußerungen – und tatsächlich viele weitere Mem-Varianten mit Krokodilen. Mal wird daraus ein Filmplakat für einen noch brutaleren Film (No Escape, No Merci), mal reitet Trump wie ein Feldherr auf einem Krokodil. Oder er tanzt mit einer ganzen Mannschaft aus Krokodilen, hat selbst eine Krokodilsmaske auf oder füttert die hungrigen Tiere. Bei anderen Varianten frisst ein Krokodil gerade einen Migranten (das gibt es auch als Videoclip sowie als GIF!), oder man sieht eine ganze Armee von Krokodilen vor der Freiheitsstatue.

Meme als Leitmedien der Machtausübung

Doch kann das, was in den USA in Trumps zweiter Amtszeit stattfindet, auch anderswo passieren? Wird es früher oder später vielleicht sogar in vielen Ländern zu einer Memifizierung der Politik kommen? Dass rechte Bewegungen das auch in Europa versuchen, ist in den Sozialen Medien nicht zu übersehen. Programmatische Äußerungen zielen in dieselbe Richtung. So werden Meme in einem rechtsextremen Magazin als „kognitive Biowaffen im Informationskrieg“ gewürdigt.10 Und in einem rechtsaktivistischen Handbuch für Medienguerillas – und der Titel ist keine Übertreibung! – ist davon die Rede, dass man „mit Bildern [...] hervorragend memetische Kriegsführung betreiben“ könne; weiter preist man „memetisches Sperrfeuer“, ja beschreibt die Nutzung Sozialer Medien durchwegs als ein aggressives Strategiespiel, das dazu dient, den Gegner zu besiegen und ihm dann „den finalen Stoß“ zu verpassen.11

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass eine Bewegung große Anziehungskraft entwickelt, denn sonst entsteht daraus keine aktive und halbwegs stabile Community im Netz – sonst werden all die Meme und anderen Inhalte nicht oft genug retweetet und kommentiert, gelikt und in andere Milieus getragen. Ist das erstmal gelungen, braucht es aber wohl immer auch eine Führungsfigur, die ihrerseits ähnlich memtauglich und memkundig ist wie Donald Trump. Nur eine solche Figur kann mehr Follower und Fans haben als andere Politiker*innen und genügend Kräfte freisetzen, um einen „Meme War“ auch wirklich zu gewinnen. 

Doch was, wenn eine solche Figur links oder woke oder queer oder all das zusammen wäre? Dass sie einen „Meme War“ erfolgreich führen könnte, ist nicht zu erwarten. Denn da die in der westlichen Welt dominanten Sozialen Netzwerke überwiegend US-Unternehmen sind, die durchweg mit Trumps MAGA-Bewegung zumindest sympathisieren, kann man in ihnen auch kaum gegen deren Algorithmen und Filter Erfolg haben. Vielmehr ist in europäischen Ländern, aber auch in allen anderen Teilen der Welt, in denen keine eigenen Netzwerke existieren, nur eine Memifizierung selben Stils denkbar, wie sie in den USA entstanden ist. Die Art und Weise, wie Elon Musk etwa rechtspopulistische Figuren wie Alice Weidel oder Tommy Robinson pusht, ihnen zusätzliche Plattformpräsenz gibt und auf seinem Account offensiv memtaugliche Aussagen und Videos von ihnen postet (ohne sich für die politischen Zusammenhänge in den jeweiligen Ländern, ja auch nur für die elementarsten Fakten zu interessieren), zeigt exemplarisch, wie stark Politik über Netzwerkbetreiber eines anderen Landes beeinflusst werden kann. Am selben Tag, an dem Musk seine politischen Gegner wegen ihres „lack of memes“ verhöhnte, tweetete er jedenfalls, zum wiederholten Mal, auch den Satz „If AfD doesn’t win, Germany is kaput“.12

Für Musk und seinesgleichen ist der „Meme War“ also keine bloß nationale Angelegenheit mehr; es ist ein Mem-Weltkrieg oder sogar noch mehr: „Who controls the memes, controls the universe“ lautet ein weiterer Slogan, den er gerne lanciert.13 Das mag nach purem Größenwahn klingen, vergegenwärtigt aber eine der spektakulärsten Entwicklungen, die ein Medienformat innerhalb von nur wenig mehr als einem Jahrzehnt genommen hat (was eine der großen Forschungsfragen für Wissenschaftler*innen verschiedener Fächer sein sollte!). Entstanden Meme in den Anfangszeiten der Sozialen Medien aus einem unspezifischen Oppositionsgeist heraus, mit denen gegen dies und das gemault und oft die Grenze zur Geschmacklosigkeit ausgelotet wurde, so sind aus ihnen inzwischen regelrecht Herrschaftssymbole geworden. Sie fungieren als Leitmedium der Machtausübung und sind nichts weniger als Instrumente und Modelle der Machtlegitimation und hegemonialer Interessen.

Wolfgang Ullrich ist Kunsthistoriker und lebt als freier Autor in Leipzig.

Quellen