Wer ist drinnen und wer draußen? Nachdenken über Grenzen
Regine Keller
Essay
Während ich diese Zeilen schreibe, weiß ich nicht, ob es beim Druck dieses Essays die Grenzen, die ich heute kenne, noch gibt. Blättere ich in meinem alten Schulatlas der 1970er-Jahre, wird mir klar, wie vieles sich seither verändert hat. Die „Bleierne Zeit“ machte mir damals Angst und zeitgleich ging ich unbeirrt im Wald zwischen Pfalz und Elsass Pilze suchen. Dieser wunderbare Wald erschien mir grenzenlos und den Pilzen war es egal, in welchem Land sie im „Deutschen Herbst“ wuchsen.
Das Bewusstsein dafür, wie aufgeladen solche Landschaftsräume entlang politischer Grenzen sein können, hat uns in Deutschland, im Westen wie im Osten, immer begleitet.
Manchmal frage ich mich, ob es uns ohne Grenzen nicht besser gehen würde. Was wäre der Ersatz für das Bedürfnis, sich und die Interessen des eigenen Volkes zu schützen? Würde uns das Verschwinden von Grenzen völkerrechtlich den „ewigen Frieden“ (Immanuel Kant, 1795) als Weltbürger verschaffen? Weder ein Studium der Politik noch des Völkerrechts befähigen mich dazu, fachlich Stellung zu nehmen. Meine Perspektive ist die einer einfachen Gärtnerin und Landschaftsarchitektin. Ich frage mich, ob sich Landschaft und Garten als Metaphern für unseren Umgang mit Grenzen lesen lassen. Würde sich das Bild einer grenzenlosen Landschaft als Katalysator für ein supranationales Selbstverständnis im Umgang mit unserem Planeten eignen?
Landschaftsraum – Allmende oder Eigentum
Wäre die Landschaft eine Person, so würde sie das Phänomen von Grenzen nicht kennen. Landschaftsräume formen sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Geologie, der Tektonik sowie klimatischer und vegetationsbedingter Einflüsse. Viele Landschaftselemente wie Flussverläufe, Meeresküsten, Gebirge, aber auch Vegetationsräume wie Wälder und Wüsten erstrecken sich grenzunabhängig. Als länderübergreifende Strukturen wurden sie vielerorts durch die UNESCO als Naturschutz- oder als Biosphärenreservate ausgewiesen.1
Solche Räume stehen für den Versuch, Landschaft jenseits nationaler Zuständigkeiten zu sichern. Dass sich die großen Supermächte zunehmend aus diesen internationalen Organisationen zurückziehen, spricht Bände.
Die Entstehung vieler Grenzen in Naturräumen ist historisch eng mit der Entwicklung von Kulturtechniken verbunden, die der Mensch zur Nutzung von Ressourcen und zur Bewirtschaftung der Erdoberfläche entwickelt hat. Diese Kulturlandschaften sind untrennbar mit der Arbeit des Menschen an der „Natur“ verbunden.2 Mit der landwirtschaftlichen Revolution veränderten Ackerbau und Viehzucht nicht nur die Beschaffenheit der Landschaft, sondern führten auch zur Einführung und Markierung von Grenzen. Im Mittelalter wurden diese Marken durch Markgrafen geschützt.
Über viele Jahrhunderte hinweg nutzte die ländliche Bevölkerung in Europa Weidegründe und Wälder gemeinschaftlich als Allmende bzw. Commons, etwa in Form von Hutewäldern. Im 17. Jahrhundert begannen Großgrundbesitzer, diese Flächen den Kleinbauern zu entziehen. Vor allem in Großbritannien und Süddeutschland wurden diese Grundstücke eingezäunt, was der Landbevölkerung den Zugang zu bislang zur Selbstversorgung genutzten Flächen verwehrte. Die Folge der sogenannten Einhegungsbewegung (Enclosure Movement) war eine dramatische Verarmung der Kleinbauern. Karl Marx bezeichnete diesen Prozess später als „Expropriation des Landvolks von Grund und Boden“ und als eine Vorbedingung kapitalistischer Wirtschaftsformen.3 Was über Jahrhunderte als gemeinschaftliche Nutzung und Bewirtschaftung von Ressourcen funktioniert hatte, wurde durch Landnahme und Grenzziehung in der Landschaft schlagartig unterbunden. Heutige Allmende- oder Commons-Bewegungen versuchen, diese Idee eines gemeinwohlorientierten Eigentums an Land und dessen Ressourcen wiederzubeleben.4





„Ich gehe weiter in die Landschaft, die keine andere Arbeit hat, als auf das Verschwinden des Menschen zu warten.“5
Der Zugang zu Ressourcen wie sauberem Wasser und gesundem Boden spielt in unserem heutigen Ringen um eine sozial gerechte und nachhaltige Nutzung unseres Planeten eine große Rolle. Er ist Teil der Menschenrechte, wie sie 2010 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen anerkannt wurden.6 In diesem Zusammenhang markiert der Ansatz, Landschaftselemente, etwa Flüsse, nicht länger nur als Sache, sondern als Mitlebewesen und damit als Rechtspersonen zu begreifen, einen grundlegenden Perspektivwechsel im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen.7 Der freie Zugang zu sauberen Ressourcen wie Wasser ist jedoch nur dann gewährleistet, wenn territoriale Grenzen keine strategische Rolle spielen. Dass Politik genau damit spielt, wird uns immer wieder von Neuem vor Augen geführt.
Die Notwendigkeit, den Erhalt einer lebenswerten Umwelt als grenzüberschreitende, planetare und damit gemeinsame und nicht konkurrierende Aufgabe zu betrachten, wurde bereits 1972 in Die Grenzen des Wachstums8 angemahnt. Sie ist noch immer das Gebot der Stunde. Nationale Grenzen stehen dieser Idee entgegen. Oder sollten wir uns stattdessen hinter die lokalen Grenzen des eigenen Gartenzauns zurückziehen?
Was macht der Fuchs im Garten?
Dass das Abgrenzen eines Gartens sinnvoll sein kann, wird spätestens dann klar, wenn man vergessen hat, das Gartentürchen zu schließen. Der Fuchs hat die Gans gestohlen, Rehe haben die Blumen geköpft, Wildschweine den sorgfältig angelegten Garten umgepflügt. Was bleibt? Die sinnlos gewordene Grenze, die offene Gartentür – und die Einsicht, dass das Schließen des Tores allein den Garten nicht wiederherstellt.
Ein solches Malheur zeigt, welchen praktischen Nutzen Grenzen haben können. Das Kultivierte vor der ungebändigten Natur zu schützen, war von jeher der Sinn des Gartens. Darauf verweist seine Etymologie: Das Wort „Garten“ (ahd. garto, engl. yard, frz. jardin) bezeichnet ein mit Gerten umzäuntes Gelände. Im so verschlossenen Garten (lat. hortus conclusus) lässt sich ein vor der Außenwelt geschützter Ort erleben: ein Ort der Kultur, des Rückzugs, der Kontemplation, der Unschuld oder der Lust. Er ist exklusiv. Der ummauerte Lustgarten (lat. hortus deliciarum) hingegen wurde im Mittelalter zum sinnenfrohen Ort höfischen Lebens stilisiert. In literarischen Werken wie dem Ritterroman Roman de la Rose von Jean de Meun und Guillaume de Lorris oder der Traumbeschreibung Hypnerotomachia Poliphili des Francesco Colonna erscheinen Gärten als verdichtete Sehnsuchtsorte und als verschlüsselte gesellschaftsphilosophische Entwürfe. Sie sind unter anderem beeinflusst von Reiseerzählungen über persische Gärten, deren hohe Kunst darin bestand, mit üppiger Bepflanzung und kunstvoller Bewässerung ein Paradies auf Erden zu erschaffen.
Nicht zufällig entspricht das griechische Wort parádeisos, aus dem später das deutsche Wort „Paradies“ hervorgeht, dem mittelpersischen Wort pardēz für Garten (hebr. pardēs), das sich wiederum mit dem awestischen Wort pairidaēza für Einzäunung verbinden lässt. Ohne Umschweife lassen sich die hinter mittelalterlichen Mauern angelegten Paradiesgärten als bauliche Interpretation der mehrdeutigen Texte des Alten Testaments lesen. Hierin wird dieselbe Sprache benutzt, wie sie schon aus babylonischen und altpersischen Texten überliefert ist: „Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert“ (Gen 2,10). „Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, / ein verschlossener Garten, / ein versiegelter Quell“ (Hld 4,12); „und alle deine Mauern [mache ich] aus kostbaren Steinen“ (Jes 54,12); „Deine Mauern nennst du ,Rettungʻ“ (Jes 60,18).9
Auch das Himmlische Jerusalem in der Offenbarung des Johannes war eine von Mauern geschützte Vision, die sich seit dem Mittelalter in der Architektur von Städten, Kirchen, Klöstern und in den Gartenanlagen manifestierte.10 Wer kein Recht hatte, innerhalb dieser Mauern Schutz in der Gemeinschaft zu finden, oder wer gar geächtet war, hatte draußen zu bleiben und galt als vogelfrei. So hat sich dieses Grenzverständnis in uns eingeschrieben.
Wenn Mauern „Rettung“ bedeuten, was geschieht dann außerhalb?
Doch Grenzen scheinen nicht mehr zu schützen. Die Verlässlichkeit definierter Zonierungen und Allianzen, seien sie physisch, politisch oder sozial, lösen sich auf. Die aktuellen Grenzverletzungen durch die Supermächte stellen eine neue geopolitische Situation dar, die Ideen wie die Europäische Union vor eine Zerreißprobe stellt.
Derzeit existieren weltweit grob geschätzt 250.470 Kilometer politischer Grenzen, davon etwa 26.000 Kilometer als Mauern und Zäune. Die innerdeutsche Grenze war knapp 1.400 Kilometer lang, die Berliner Mauer teilte die Stadt auf 155 Kilometern. Ihr Fall läutete das Ende der Sowjetunion ein – eine Entwicklung, die Putin heute als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet.11
Die neuen Narrative der Supermächte kreisen darum, alte Grenzen wiederherzustellen und bestehende zu verschieben. Verhandelt wird nicht, sondern Deals gemacht oder gebombt. Wer ist drinnen und wer draußen?
Was ließe sich dem entgegensetzen? Können offene Landschaftsräume als gesellschaftliche Metapher dienen, um eine neue Erzählung zu entwickeln? Das Verbindende grenzenloser Landschaften wäre dann nicht nur ein physisches Phänomen, sondern ein politischer Gedanke: die Idee eines aufgeklärten gesellschaftlichen Konstrukts.
Vielleicht beginnt ein anderes Nachdenken über Grenzen dort, wo Räume genutzt werden, ohne sie zu besitzen. Wir brauchen eine Art Pilze-Suche im Grenzraum, wo Zugehörigkeit nicht durch Pässe, Eigentum und nationaler Vereinnahmung entsteht, sondern durch geteilte Verantwortung. Landschaft wäre dann kein Territorium, sondern ein Raum der Koexistenz.
Die ökologische Perspektive der Landschaft entlarvt die Fiktion politischer Grenzen. Wer Grenzen heute schließt, verschiebt oder militarisiert, handelt gegen die materiellen Bedingungen unseres Zusammenlebens. Der Planet kennt kein Drinnen und Draußen. Er lässt sich nur gemeinsam bewohnen oder gemeinsam zerstören.
Regine Keller, Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin, ist seit 2013 Mitglied der Akademie der Künste, Sektion Baukunst, und seit 2024 deren Stellvertretende Direktorin.
Anmerkungen
- Vgl. https://www.unesco.de/orte/biosphaerenreservate/, zuletzt am 20.1.2026.
- Ludwig Fischer, Kulturlandschaft und Arbeit: Nachdenken über das Selbstverständliche, in: Markus Leibenath u. a. (Hg.), Wie werden Landschaften gemacht?, Bielefeld 20214, S. 39–60.
- Vgl. Eva von Redecker, Revolution für das Leben, Frankfurt am Main 2020, S. 26.
- Vgl. https://www.boell.de/de/themen/commons, zuletzt am 12.1.2026.
- Heiner Müller, Der Mann im Fahrstuhl/Der Auftrag, in: Werke 5: Die Stücke 3, hg. von Frank Hörnigk, Frankfurt am Main 2002, S. 33.
- https://www.menschenrechtsabkommen.de/menschenrecht-auf-wasser-und-sanitaerversorgung-1128/, zuletzt am 13.1.2026.
- Robert Macfarlane, Sind Flüsse Lebewesen?, Berlin 2025; vgl. auch https://www.boell.de/de/2025/01/28/der-fluss-als-rechtsperson-das-beispiel-des-whanganui-river-neuseeland, zuletzt am 20.1.2026.
- Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows, Jørgen Randers, William Behrens III, The Limits to Growth. A Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament of Mankind, New York 1972; https://www.clubofrome.org/publication/the-limits-to-growth/, zuletzt am 13.1.2026.
- Vgl. Christina Steinmetzer, „Hortus conclusus“, das Janusgesicht des Gartens im Mittelalter, Ringvorlesung Universität Salzburg, WS 2001/02, https://www.plus.ac.at/wp-content/uploads/2021/02/544731.pdf, zuletzt am 13.1.2026.
- Vgl. Offenbarung 21,1–2, https://www.bibleserver.com/EU/Offenbarung21, zuletzt am 13.1.2026.
- Vgl. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/248508/die-erzaehlung-vom-ende-der-sowjetunion-als-aussenpolitischer-referenzpunkt/#footnote-target-4 und https://internationalepolitik.de/de/regime-der-revanche, zuletzt am 20.1.2026.
