Arbeit an der Grenze
Ulrike Draesner

Essay

Ich bin über eine Grenze geflogen, die Sonne rollt unter dem Horizont. Es ist dunkel, dämmrig für etwa drei Stunden, dunkel. Wind, Schnee, Polarnacht, Eis. 

Grenzen sind menschgemacht. Wir erfahren sie körperlich, wir sprechen von ihnen. Physische Grenzen sind Übergangsräume, selbst wenn es manchmal nur um ein paar Zentimeter geht. Ein Freund, mit seiner Frau quer durch die USA unterwegs, hielt an einem Strand in Kalifornien. Sonnenschein, ruhige See. Als er bis zu den Knien im Wasser stand, riss etwas ihn um. Seine Frau schrie um Hilfe, er kämpfte, aber kam nicht mehr auf die Füße, kam den einen Meter zum Strand, der zu drei Metern, zu zehn geworden war, nicht zurück. Zum Glück sahen zwei Surfer, die schon draußen waren, die verzweifelten Gesten seiner Frau. Sie fanden ihn und zogen ihn aus der tödlichen Strömung. 

Grenzen sind real, brutal, nicht immer sichtbar. Als Spezies scheint uns das bereits sehr früh beeindruckt zu haben. Grenzen wurden markiert, ihr Überschreiten rituell inszeniert. Das Wetter wollten wir mit Opfergaben und Gebeten beherrschen. Weder Zeit noch Raum sollten uns einengen. Das Polarmuseum in Tromsø erinnert an diverse, meist gescheiterte Arktisexpeditionen. Schon beim Betrachten der Bilder wird einem kalt. Männliche weiße Europäer zogen Grenzstriche über Kontinente, legten den Nullmeridian durch Greenwich, rasterten die Welt. 

In Deutschland war man so schlecht mit Grenzen, dass es das Land jahrhundertelang nur übergroß gab, als römisches Reich, oder als Kleinfürstentum neben Kleinfürstentum. Man verstückelte sich. Im späten Mittelalter (Ostmigration) übernahm man das Wort granica (Grenzzeichen) aus dem Altslawischen. Populär wurde die davon abgeleitete „Grenze“ durch Luthers Bibelübersetzung. Mit der Aufklärung schließlich erstarkte der metaphorische Wortgebrauch (wie in „Grenzen des Wissens“ etc.).

Es ist mir wichtig, die körperliche und/oder territoriale Bedeutung von Grenzen zu betonen. Sie unterliegt, am Ende, jeder metaphorischen Verwendung; das eine ist nie wirklich entkoppelt vom anderen.

Grenze. Wir stoßen auf Räume und Linien, auf Übergangsbereiche und menschliche, artifizielle Markierungen. Als „Dinge“ lassen Grenzen sich nicht fassen. Besser begriffen sind sie als zeitlich ausgedehnte, relationale, intra-aktive Gefüge, die nur dank laufender Materialisierung(en) fortbestehen. 

Grenzverkehr bedeutet Zeichenverkehr. Zeichen sind mehrdeutig, sie fordern und erlauben Interpretation. Was Ludwig Wittgensteins Satz „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ seinerseits bedeutet, bedürfte der Diskussion. Das Wort „Grenze“ jedenfalls nutzt er bestmöglich. Es drückt Uneindeutigkeit aus, allerdings um eine imaginäre Linie arrangiert. Grenzen indizieren Ordnung – und deren Unschärfe. Das in der Anthropologie entwickelte Konzept der Liminalität hat sich für diese Ambivalenz- und Diffusionsschönheit der Grenze (Landschaftslinie mit Nebel – Grenzziehung auf dem Papier bei gleichzeitiger physischer Unerreichbarkeit u. ä.) als besonders hilfreich erwiesen.

„Limen“ ist das alte lateinische Wort für Schwelle. Die Grenze zwischen zwei Zimmern stellt sich im Bauplan als Strich dar, jedes Strukturalistenherz ist entzückt: links oder rechts, schwarz oder weiß, binäres Denken ahoi. Das mag hie und da nützlich-vernünftig sein; machtpolitisch wird es stets von neuem fingiert und durchgesetzt. Lebensreal, kulturell, menschlich indes sind Grenzen Schwellen. Auf der Schwelle mischt sich, was war, mit dem, was kommt. Raum eins und zwei (Kältegrenze, Dunkelheitsgrenze, Staatsgrenze) interagieren. Die eine verändert sich im Strahlfeld des Anderen. Jeder nimmt zunehmend Anteile des Gegenübers auf. 

Grenzen, verstanden als liminale Räume, sind exakt nicht das, was Grenzen auf Karten der Macht sein möchten: Eindeutigkeitsmaschinen. Grenzen als liminale Räume eröffnen einen fruchtbaren konzeptuellen Raum für künstlerisches Arbeiten. Vermischungszonen, in denen X zu Y wird, ohne vorgemacht zu sein. Kontinuen der Verwandlung statt rigider Raster; Prozesse statt fixierter Entitäten. 

Auch Wörter arbeiten mit Grenzen. Wir unterscheiden sie mithilfe minimaler Differenzen, phonetisch, orthografisch etc. Doch in Texten lesen wir Zusammenhänge. Wörter bilden rhythmische, bildliche, semantische, sich oft genug zwischen verschiedenen oder erst noch zu erfindenden Sprachen herstellende Cluster. Sie bauen einen (literarischen) Eigenraum aus Verbindungen auf, den KI nur partiell decodieren kann (ich vermeide das Wort „verstehen“). Der künstlerische Text entfaltet sich in einem liminalen Raum, in dem Bedeutungen als Angrenz- und Mischphänomene erscheinen, als rückkoppelnde, prozessuale Wellen. Sprachen und Nachbarsprachen lassen sich nicht „sauber“ voneinander scheiden, Dialekte, Worterfindungen und Grammatikverschiebungen arbeiten Hand in Hand. 

Gerade hier, in der scheinbaren Verengung, im Schwellenbereich, öffnen sich Zeit und Raum. Der Ausdruck „zwischen den Zeilen sprechen“ bezeichnet die hohe liminale Potenz des vor allem geschriebenen (sprich: wiederlesbaren) Textes. Im Zwischenraum lässt sich Traumatisierendes, Tabuisiertes, lange ins Vergessen Abgeschobenes miterzählen, ohne „in so many words“ auf der Seite zu erscheinen. Die Stimmen jener, die (gezielt) überhört wurden (und werden), erhalten Raum. 

Das Wort „grenzwertig“ ist im Deutschen selbst ein Grenzindikator: Hier ist Schluss, schmink dir das ab. Doch es ließe sich auch anders, positiv verstehen, als wörtlichen Hinweis auf den Wert der Grenze. Nach Niklas Luhmann kommt dem Kunstsystem in einem Gesellschaftssystem die Funktion der zweckrationalen Funktionslosigkeit zu. Zweckbindungen religiöser, moralischer, kognitiver u. a. Art löst, so Luhmann, die Kunst auf. Entwickelt wurde dieser Ansatz in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren. Deutlich spürt man heute: Das war eine demokratiesichere Zeit.

In den politisch-sozialen Räumen hingegen, die uns im Jahr 2026 umfangen, werden Grenzen zum einen medial-rhetorisch zur Unkenntlichkeit verwischt (Fake News), zum anderen gewaltsam mit Kriegen verschoben. Menschen werden etikettiert und in Schlecht-/Gut-Töpfe sortiert. Wo (und wie) agiert Kunst angesichts global wirksamer, willentlich erzeugter, riesiger (Daten-)Gemengelagen, die, machtpolitischen, ökonomischen, ideologischen Zielen gehorchend, Realität, Wahrnehmung und Intelligenz begrifflich und visuell gezielt unterlaufen, um neue Personen- und Länder-, Ausbeutungs- und Unterdrückungsgrenzen zu ziehen?

Post-Luhmannsch frage ich mich nach Gegenfunktionen der Kunst. In meiner Arbeit versuche ich, Grenzen zu entontologisieren, Grenz-Werte zu erstellen, aus Grenzlinien Misch- und Begegnungsräume zu machen – vieldeutig, lebensfreundlich, „unrein“, von toten wie lebendigen Stimmen bewohnt. Künstlerische Grenzverhandlungen sind nicht wirkungslos. Metaphorisch-künstlerische Gebrauchsweisen von „Grenzen“ und deren Konzepten wirken auf Körper- und Territorialwelten zurück. Artikel 5 des Grundgesetzes schützt gerade auch den nicht „dingfest“ zu machenden, grenz-wertigen Raum des Zwischen-den-Botschaften-Sprechens. Den Raum einer scharf gedachten, herzgenau erfundenen und eben dadurch befreienden Uneindeutigkeit, die das Gegenteil von Wischung, Lüge und Diffusion ist. 

Rückenwind gibt die Sprachgeschichte. Im Indogermanischen gilt die Lautkombination „gr“ (wie in Granne, grün, groß, oder engl. grow) als mit Wachstum und Lebenskraft verbunden. So lässt sich Schwellenraum lesen als das, was uns zu Wachstum verhilft. All jenen entgegen, die glauben, Grenzen taugten zum Einsperren.

 

Ulrike Draesner, Schriftstellerin, ist seit 2019 Mitglied der Akademie der Künste, Sektion Literatur.

  • Literatur

    Ulrike Draesner

  • Eine Gruppe von ca. 10 Menschen und eine Leinwand mit Buchstaben spiegeln sich in einem Fensterglas mit Aussicht auf das Brandenburger Tor

    Sektion Literatur

Literatur

  1. Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1995
  2. Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, Erstveröffentlichung 1921