Postscriptum: Metaxy : Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau
Aus der „Interbau 1957“ (Internationale Bauausstellung Berlin) gingen das heutige Hansaviertel und die Nachbarschaft der Akademie der Künste am Hanseatenweg hervor. Die Zukunftsvisionen der stadt von morgen überformten beim Wiederaufbau die noch vorhandenen Straßenverläufe, Grundstückszuschnitte oder historischen Fundamente des im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Gründerzeitviertels. Die technischen Bauleistungen markierten einen Neubeginn, blendeten dabei aber eine kritische Auseinandersetzung mit den Sedimenten der nationalsozialistischen Vergangenheit und ihren Enteignungen, Vertreibungen und Vernichtungen aus. Aus den Grundstücken Brückenallee 2 bis 9 sowie angrenzender Parzellen entstand im Zuge der Erneuerung auch die Adresse Hanseatenweg 10 – der heutige Standort der Akademie der Künste. Die Überlagerung der ehemaligen und neuen Grundstücksgrenzen wird in dem in der Ausstellung gezeigten Lageplan zum Zwecke der Bebauung (1959) des Architekten Werner Düttmann (Akademie der Künste, Berlin, Werner-Düttmann-Archiv, Nr. 544, Bl. 5) gut sichtbar.
Ausgehend von den Recherchen zum eigenen Standort im Hansaviertel – als exemplarischem Ort des Wiederaufbaus – eröffnet die Ausstellung eine globale Perspektive auf den gesellschaftlichen Umgang mit solchen Prozessen. Denn in Zeiten von weltweiten Kriegen und Klimakatastrophen ist Wiederaufbau eine dringende geopolitische Herausforderung. Anstelle einer vermeintlichen Stunde Null, die nach der Zerstörung zu einer Rekonstruktion der gesellschaftlichen Ordnung und Machtverhältnisse übergeht, steht Metaxy – altgriechisch zwischen – für eine Zwischenphase, in der eine Gesellschaft sich den Problemen widmet, die zur Zerstörung geführt haben. Die internationalen künstlerischen und räumlichen Beiträge zeigen beispielhaft, wie wichtig die komplexen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Aushandlungsprozesse sind, die den Wiederaufbau in den verschiedenen Kontexten begleiteten. Sie zeigen, dass er untrennbar mit Fragen nach Eigentum, Rückkehr, Erinnerung und gesellschaftlicher Verantwortung verbunden ist und weit über das Errichten neuer Gebäude hinausgeht.
An der Ausstellung sowie dem diskursiven und performativen Veranstaltungsprogramm sind folgende Künstler*innen und Raumpraktiker*innen beteiligt: Hala Alnaji, Archigrest, Marina Tabassum Architects, Maja Bajević, Centre for Documentary Architecture, Kees Christiaanse, Tiffany Chung, Co-Haty, Salma Samar Damluji, Nir Evron, Ola Hassanain, Paul Hübner, Open Group, Anton Kolomyeytsev, Omer Krieger, V. Mitch McEwen, megouem, Kioomars Musayyebi, Ute Richter, Sasha Marianna Salzmann, Immanuel Schumacher, Arinjoy Sen, Nurit Stark, Syrbanism, topoScape, Feda Wardak, Eyal Weizman, Ines Weizman, Julita Wójcik, Lebbeus Woods, Ina Wudtke
Annette Maechtel ist Sekretär der Sektion Baukunst.