„Hinter die Worte schauen“
Manos Tsangaris und Anh-Linh Ngo im Gespräch mit Akademie-Mitglied Monika Rinck
Wir konfrontieren die Dichterin bewusst mit Tönen und Argumenten, die den gegenwärtigen öffentlichen Diskurs prägen, auch mit solchen, die befremden oder provozieren. Es geht darum, ihre Voraussetzungen und Grenzen sichtbar zu machen. Die Fragen suchen daher weniger Zustimmung als Widerspruch, um den Raum für Differenz zu weiten.
Interview
Wer die Sprache beherrscht, beherrscht den Streit. Begriffe wie „Sprachverbot“, „Genderzwang“ oder „Cancel Culture“ setzen bereits den Rahmen, in dem diskutiert wird, selbst dann, wenn man widerspricht. Wie erlebst Du als Dichterin und Übersetzerin diese Macht von Frames und Metaphern?
Ich sitze vor Euren Fragen und habe sofort Umgang mit den negativen Gefühlen, die die Aufgabe, sie zu beantworten, in mir auslöst. Man merkt den Fragen auch einen gewissen Missmut an, der auf Konsens rechnet. Aber: Knowing who to get mad at is part of the work. Wenn Wut die Bereitschaft ist, etwas zu verschlimmern (nach Silvan S. Tomkins knapper Definition) – was fange ich dann mit ihr an, wenn es mir doch eigentlich um vernünftige Verbesserung eines Austauschs geht? Es ist schon wichtig, sich die Gefahr klarzumachen, die von einer Schwächung sprachlicher Auseinandersetzung zugunsten von Formen gewalttätiger Aushandlung ausgeht. Aber wir müssen genau sein: In welchen Kontexten werden „Rahmen“ wie gesetzt? Welche Form von Herrschaft ist gemeint, wenn davon die Rede ist, dass jemand oder eine bestimmte Gruppe die Sprache beherrscht oder gar verbietet? Wenn wir genauer werden, dann sind wir schon in der Lage, den Rahmen zu verändern, in dem gesprochen wird.
Welche Möglichkeiten siehst Du, dem sprachlich oder poetisch zu begegnen?
Ich empfehle zunächst, den kulturkämpferischen Konstrukten nicht in erster Linie poetisch, sondern linguistisch (und psychoanalytisch) zu begegnen. Jason Stanley zeigt in seiner Studie How Propaganda works wie einzelne Begriffe aktiv umcodiert werden, eines seiner Beispiele ist der Begriff „welfare“, der heute in den USA deutlich rassistisch kodiert ist, und wie andere Benennungen die Belange der so bezeichneten Gruppen von vorneherein als indiskutabel kennzeichnen. Oder: Using an ideal against itself. Ein Ideal gegen sich selbst in Stellung bringen, indem man die Freiheit im Namen der Freiheit einschränkt.
Die Frage lautet demnach nicht: Was bedeutet das, sondern wie bedeutet das. Das Mitgemeinte tritt in den Vordergrund, übernimmt die gesamte semantische Fläche und profitiert davon, dass sich das Mitgemeinte nur schwer gezielt widerlegen lässt. Man kann aber doch darauf hinweisen. Dauert halt nur. Wenn allerdings im Diskurs auf der anderen Seite Entsicherungstendenzen befördert und ganz klar die Verrohung der Gesellschaft und die Ausgrenzung bestimmter Personengruppen mitbefördert werden, ist das nicht ausreichend. Dann hilft eher Organisation.
Was die Poesie betrifft, kommt es auf den Kontext an. Überraschende Verbindungen herstellen. Nicht reagieren auf Sprache, die wie ein Hindernis ausgespuckt wird. Oder sie übertreiben. Hyperbel und Reduktion (oder: Bockigkeit) gleichermaßen in Betracht ziehen. Mehrsprachigkeit. Andere Begriffe in den Diskurs einbringen. Sich weder in den Hochmut noch in die Verbitterung begeben. Beweglich sein. Nerven. Richtig super nervig werden, langatmig auch, immer wieder nachfragen. Übersetzen. Sich die Machtverhältnisse klarmachen. Kein geschlossenes Weltbild vertreten. Gegen Immunisierung vorgehen. Widerspruch aushalten. Realitätserweiterungen in Betracht ziehen. Ästhetische Kritik an glatter Maschinensprache üben. Alles deuten wie ein Gedicht, mit der gleichen Akribie. Und mehr.
Viele aktuelle Debatten kreisen immer wieder um dieselben Schlagworte: Migration, Gender, Klima, Postkolonialismus. Wie ließe sich aus dieser Falle der diktierten Themen ausbrechen und andere Fragen, andere Sprachen ins Spiel bringen?
Es bleibt ja allen unbenommen, sich mit anderem zu befassen. Ich würde die Frontlinie aber gar nicht zwischen den Feldern, die mit diesen Schlagwörtern überschrieben sind, und der poetischen Sprache als deren Gegenüber ziehen. Es finden doch im Klimadiskurs sehr interessante Bemühungen um ein Umdenken und ein anderes Sprechen statt. Ähnliches ließe sich für die anderen Felder sagen. Wir haben mit der Analyse und Neuerfindung von Sprechweisen doch noch gar nicht richtig angefangen. Sich anschauen: Wie wird auf diesen Feldern gesprochen, und welche Leute kommen nun endlich zu Wort. Dabei kann die poetische Funktion der Sprache durchaus auch eine politische Funktion haben. Statt nur darauf zu zeigen, wie bestimmte Schlagwörter als diskursbeendende Triggerpunkte funktionieren können, ginge es darum, auf den Reichtum und das Potenzial der Diskursräume aufmerksam zu machen, die sich unter diesen Schlagworten befinden. Es gibt immer wieder gute Debatten und klärende Auseinandersetzungen mit diesen Themen, in denen sich etwas lernen lässt.
In Situationen, in denen das nicht der Fall ist, empfiehlt es sich, die Metaebene zu beziehen und zu untersuchen, wie diese Blockaden genau funktionieren. Migration ist oft ein Wort dafür, dass wir nicht über den Klimawandel reden. Gender ist ein Wort dafür, dass wir nicht über Arbeitsverteilung, Chancengleichheit und den Zustand der schulischen Infrastruktur reden. KI ist ein Wort dafür, dass wir nicht über Analphabetismus und Steuergerechtigkeit reden. Wenn ich mir klarmache, dass in vielen Fällen gesprochen wird, um nicht zu sprechen, frage ich nicht nach dem Inhalt, sondern nach der Motivation.
Indes steigt die Ungleichheit in Deutschland weiter. Das reichste Zehntel der Bevölkerung besaß im Jahr 2021 fast 60 Prozent der Vermögen, die ärmere Hälfte nur knapp über drei Prozent. Damit ist Deutschland, was die Ungleichheit angeht, in etwa gleichauf mit Indien. So genannte Kulturkämpfe scheinen davon abzulenken. Ob sie eigens dafür angefacht werden, von Chatbots angetrieben, von Thinktanks installiert, vom Feuilleton lanciert, von Lobbyisten unterstützt oder sich selbsttätig formieren, ist dabei eigentlich unerheblich. Es braucht keine Verschwörungstheorien, um Interessen zu erkennen und auszudeuten.
Was vermag Poesie, oder eine poetische Haltung, wenn Sprache selbst zur Waffe wird?
Viele fordern: „Man muss klar dagegenhalten.“ Andere warnen: „Je mehr man dagegen ankämpft, desto stärker verfestigt sich der Kampf.“
Was genau ist denn hiermit gemeint? Was meint „dagegen“? Wogegen? Auch hier wieder: Präzision! Poetische Sprache steht auf der Seite der Singularität. Ich glaube nicht, dass der Kulturkampf nachlässt, wenn man die Widerrede einstellt. So wie ich auch nicht annehme, dass Gewalt gegen Frauen nachlassen würde, wenn Frauen sich nicht mehr wehren.
Soll man sich auf den Kulturkampf einlassen oder ihn eher verweigern? Wie könnte ein produktives „Sich-Verweigern“ aussehen, ohne zu verstummen?
Ich würde zunächst den Sammelbegriff „Kulturkampf“ hinterfragen. Was genau, welche Verbindungen und Konflikte werden unter diesem Begriff zusammengefasst? Um welche Kulturen geht es, und was ist damit gemeint? Dies ist auch insofern interessant, als mit Kultur auch das benannt wird, was man vor 100 Jahren Volksgut nannte – und was im Kampf um kulturelle Hegemonie mitverhandelt wird.
Welchen Kulturbegriff lege ich zugrunde? Welchen mein Gegenüber? Im Singular oder im Plural? Und wann bejahe ich das Wort Kampf in dem Kompositum? Kampf suggeriert im Gegensatz zu Konflikt und Streit die Bereitschaft zur körperlichen Auseinandersetzung. In gewisser Weise ist im Begriff des Kulturkampfes die Wirkmacht der Sprache bereits geschwächt. Oder herausgefordert? Schließlich geht es um etwas, für das sich zu kämpfen lohnt. Ich muss mir klarmachen, wo ich mit dem Begriff des Kulturkampfes die Grenzen der Sprache setze, und ob das Gesprächsangebot bereits von einem reduzierten Sprachbegriff und insgeheim von einer einzig möglichen, hegemonialen und überlegenen Kultur im Singular ausgeht.
Immer wieder: Worum geht es denn genau? Mit welcher frischen Stellvertreterdebatte haben wir es hier wieder zu tun? Oder ist es diesmal gar keine? Was sind die Wünsche, die dahinterstehen? In welcher Welt lebten wir, wenn mein Gegenüber Recht hätte? Befinden wir uns in der Arena der Wörtlichkeit oder der Arena der Übertragung? Und dann das, was immer gilt: Korrekte Zahlen und ihre Quellen parat haben. Unproduktive Zusammenhänge meiden. Sich nicht vorführen lassen. Schauen, wo Widerspruch sinnvoll ist, und wo man einfach nur ermüdet werden soll. Dann besser weggehen. Und die Frage im Sinn behalten: Wem dient es denn, wenn die Leute nicht mehr miteinander sprechen können? Oder nicht mehr dazu in der Lage sind, über Meinungsverschiedenheiten hinweg, gemeinsam zu handeln?
Kulturkämpfe dienen auch dazu, Lager und Identitäten festzuschreiben. Kann Poesie mit ihrer Offenheit und Maskierung nicht gerade andere, beweglichere Formen von Identität aufzeigen?
Ich würde zunächst danach fragen, ob es wirklich so ist, dass Kulturkämpfe dazu dienen, Identitäten festzuschreiben. Handelt es sich nicht vielmehr um die Durchsetzung gesellschaftlicher Rollenbilder, die oft mit Abwertung und der Reduktion von Eigenschaften und ihrer Zuweisung zu tun haben, kurz gesagt: Mit Zurichtung. Das ist ja nicht unbedingt identisch mit Identität. Was Poesie kann, ist auch eine solche Frage, die sich eigentlich nur von Fall zu Fall beantworten lässt. Wenn ich ganz allgemein sprechen soll, würde ich sagen, dass poetische Sprache für mich oft den Ausweg aus einhakenden Mechanismen von Identitätslogik markiert. Aber sie kann genauso gut die Sprache sein, in der Menschen ihren sprachlichen Ausdruck finden, deren Position zuvor an den Rand gedrängt wurde und unhörbar war.
Viele werfen den sogenannten „woken“ oder „linken“ Milieus vor, mit Identitätspolitik selbst zur Polarisierung beizutragen. Wie blickst Du auf diesen Vorwurf? Trägt die Idee der Progression wirklich selbst Anteile an der gegenwärtigen Krise – und wenn ja: worin liegen sie?
Genau das ist die Logik des Missbrauchs: See what you made me do, die man an vielen Stellen findet. Diese Logik rast voraus in eine brutale Zukunft der imaginären Bedrohung, die es eigentlich noch gar nicht gibt, sammelt dort die Legitimation des Angriffs und stürzt mir von dort aus wieder entgegen. Hierzu gehörten auch all die Forderungen, den Aggressor bloß nicht zu verärgern. Das kennt man aus dysfunktionalen Familien mit gewalttätigen, alkoholkranken Vätern genauso wie in Bezug auf den russischen Angriffskrieg und die Einstampfung der US-amerikanischen Universitäten durch das Trump-Regime.
Die Akademie der Künste ist ein Ort der künstlerischen Freiheit und zugleich Resonanzraum der Gesellschaft. Wie kann sie in einer polarisierten Zeit Haltung zeigen, ohne selbst in einen Kampfmodus zu verfallen?
Sie könnte versuchen, eine gute Form des Zuhörens zu ermöglichen. Einen großzügigen Raum zu bieten, unterstützt durch ein Programm, dessen Verwirklichung nicht zu viele Kräfte abziehen sollte von der Möglichkeit spontaner Interventionen. Angesichts der Kürzungen ist weniger vermutlich ausnahmsweise wirklich mehr. Handlungsfähig bleiben. Bessere Gastronomie. Das Tempo verändern. Sich nicht hetzen lassen. Neue Mischungen anrühren. Einen anderen Gang einlegen. Die Fassade und die hervorgehobene Stellung in der Stadt nutzen. Türen auf. Die Räume auch anderen Gruppen öffnen. Das an der Sprache stärken, was nicht automatisierbar ist. Die eigenen Schwächen kennen. Zuhören und umkippen lassen. Ruhig bleiben. Hinter die Worte schauen. Sich mit den Affekten befassen. Räume verteidigen, in denen es möglich ist, eine andere Form der Sprachverwendung zu schätzen und zu begreifen. Überraschende Verbindungen herstellen. Weiter nachdenken.
Wenn Du auf die gegenwärtige Schärfe der öffentlichen Sprache blickst: Welches Bild, welche Metapher hilft Dir persönlich, diese Situation zu verstehen?
Eine Zeile von István Kemény: Mein trauriger Schatz, mein heiler Verstand.
Monika Rinck ist Schriftstellerin und seit 2012 Mitglied der Akademie der Künste, Sektion Literatur.

