#6 Betrifft: ... zwischen ...

Liebe Freund*innen der Künste,

diesen Herbst zeigt die Akademie der Künste die Ausstellung „Metaxy : Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau. Metaxy, altgriechisch für zwischen, steht hier für die Lücke, die entsteht, wenn die alte Ordnung zerbrochen und die neue noch nicht gefügt ist. Doch was geschieht in einem solchen Zustand eigentlich? Und welchen Wert hat ein Zwischenraum? Meist gilt das Dazwischen nur als Strecke zwischen zwei Punkten, die man möglichst rasch hinter sich bringt. Hier führt sie nach einer Zerstörung vom verlorenen Vorher zum offenen Nachher.

W. G. Sebald hat das in Luftkrieg und Literatur für die deutschen Städte nach 1945 beschrieben: In den verbreiteten Vorher-Nachher-Bildern zerstörter Straßenzüge erscheint die Ruine bereits als „erste Stufe des erfolgreichen Wiederaufbaus“, und die politische und moralische Katastrophe verschwindet hinter dem Versprechen der Erneuerung. Der Riss wird zu einer scheinbaren Kontinuität geglättet. Dieser Vorgang beschränkt sich nicht auf die Architektur. Das Glätten ist eine Grundoperation unserer Gegenwart, und man begegnet ihm überall dort, wo eine Lücke als Zumutung gilt und das Verlangen groß ist, sie zu schließen.

Gerade in der Politik ist dieses Verlangen stark. Eindeutigkeit gilt als Tugend, und der Abstand zwischen zwei Positionen wird geschlossen, bevor er überhaupt vermessen wird. Die sozialen Medien verschärfen das: Ihre Unmittelbarkeit lässt keine Zeit mehr, die Differenz auszuloten. Aber um Unterscheidung geht es schon längst nicht mehr. Politik ist zur bloßen Transaktion geworden. So will Donald Trump auf seiner Plattform, wie Kathrin Röggla in diesem Akademie-Brief notiert, sogar Millisekunden als Ware verkaufen. Zahlende Abonnenten erhalten seine Äußerungen, die den Markt bewegen können, früher als alle anderen. Der Hochfrequenzhandel macht es vor: Handelsplätze wie Frankfurt, Zürich oder New York sitzen nicht umsonst an den großen Internetknoten, wo die Latenz am geringsten ist und der Bruchteil einer Sekunde zum Wettbewerbsvorteil wird.

Ausbeuten und Schließen, ökonomisch wie politisch, fallen hier in eins. Der Zwischenraum schrumpft so weit, dass nur noch Algorithmen in ihm operieren können. Am Ende ist die Lücke interpoliert und verschlossen. Die menschliche Gegenwart verschwindet.

Dieselbe Glättung erfasst auch die Wahrnehmung von Zeit. Der reibungslose Neuanfang braucht eine Stunde Null, ein sauberes Nacheinander von Vorher und Nachher. Sasha Marianna Salzmanns Figuren leben anders, in einer Gleichzeitigkeit, in der Zweiter Weltkrieg, Stalinismus, die russische Invasion der Ukraine und der Krieg in Gaza nebeneinander bestehen und keines dieser Ereignisse das andere ablöst. Auch das ist ein Zwischenraum, den keine Chronologie schließt. Die Kausalketten, schreibt Salzmann, entstünden erst im Rückblick, aus dem Bedürfnis nach Überblick.

So wird verständlich, warum Salzmann das Dazwischen den ehrlichsten Ort nennt. Gemeint ist die Anstrengung, die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Wirklichkeiten auszuhalten, ohne sie aufzulösen. Kunst mittelt nicht zwischen den Toten zweier Konfliktparteien, um einen erträglichen Mittelwert zu errechnen. Sie kann das Leid beider gegenwärtig halten, auch wenn daraus keine gemeinsame Erzählung wird.

Die Akademie der Künste stellt sich dieser Anstrengung, indem sie ihren eigenen Standort befragt. Im Rahmen der Interbau 1957 wurde das Hansaviertel völlig neu geordnet; für den Neubau der Akademie wurden Grundstücke zusammengelegt. Die Planung setzte sich über die frühere Straßenführung und die Fundamente der zerstörten Wohnbebauung hinweg und überbaute die Spuren der Menschen, die hier gelebt hatten, darunter jüdische Bewohner*innen, die enteignet, vertrieben und ermordet wurden. Wenige Schritte entfernt, in der Klopstockstraße, hatte das Reichsgesundheitsamt seinen Sitz, dessen Rassenpolitik die Verfolgung der Sinti und Roma vorbereiten half; auch davon ist im heutigen Stadtraum nichts mehr abzulesen. Was hier verschwand, war nicht nur Bausubstanz, sondern die Lücke selbst, in der sich diese Gewalt noch hätte lesen lassen. Für die Ausstellung wurden die Wände der ehemaligen Häuser rekonstruiert und mit Werner Düttmanns Bau überlagert. Dieses Palimpsest raut die geglättete Geschichte wieder auf und öffnet die Lücke, die der Wiederaufbau geschlossen hat.

In diesem Zwischenraum kann sich die Kunst einnisten und dafür sorgen, dass die Differenz zwischen den Geschichten nicht zugeschüttet wird. Ob darin etwas Neues wächst oder eine offene Wunde klafft, ist nicht entschieden.

 

Manos Tsangaris
Präsident der Akademie der Künste

Anh-Linh Ngo
Vizepräsident der Akademie der Künste