Kleines Manifest der Zwischenräume
Kathrin Röggla
Essay
Zwischen den Stühlen sagt man, oder zwischen den Menschen, mal so und mal so. Manchmal auch zwischen den Zeilen. Da lesen wir alle gerne. Das gehört dazu. Text ist eben eine offene Sache, selbst in der Behördensprache kann man das noch tun, doch da finden wir weniger etwas zwischen den Zeilen, sondern hinter den Zeilen. Etwas ausmachen, was nicht direkt dasteht, was vielleicht noch drohen könnte. Kontexte ausloten, den Rahmen des Ganzen nachzeichnen, der sich gerne verbirgt. Zwischen den Zeilen, das ist mehr der Liebesbrief, der literarische Text, die poetische Andeutung. Das Ungesagte, das in der zwischenmenschlichen Kommunikation permanent stattfindet und ebenso starke Wirkungen zeitigt wie das Gesagte.
Indiz für menschliche Bewegung
Der Zustand Zwischen ist insofern auch ein Indiz für eine zugewandte menschliche Bewegung. Letztens kam er mir im Nachdenken über Large Language Models in den Sinn – ja, die berühmte KI, die diesen Zwischenraum nur maschinell zu öffnen versteht, und errechnete Sprache gegen die menschliche stellt. Der Raum, der damit aufgemacht ist, positioniert den Menschen gegen die Stochastik, und ersterer verliert nach und nach, er wird immer weniger, weil Menschen nur Menschen sein können als Zwischenmenschen.
Wahrscheinlichkeitsrechnungen machen kein Zwischen auf, sie sind immer schon als Rahmen und Überschrift befestigt. Und dann ist da noch dieser geschlossene Kreislauf: Das Mehrheitsdenken läutet den Siegeszug der KI ein, und die KI verfestigt dann die Mehrheiten. Soweit zum unheilvollen Zustand, in dem wir derzeit stecken. Zudem ist das, was immer schon gewollt wird und immer schon gesagt ist, die Wahrscheinlichkeit einer immer schon vergangenen Sprache, eben Vergangenheit, während das Zwischenmenschliche stets einen Zukunftsaspekt in sich trägt. KI delegiert darüber hinaus die sprachliche Verantwortung an eine digitale Mehrheitsbehauptung, sie ist eine verantwortungslose Sprache. Die Erstaunlichkeit, die in dieser automatischen Resonanz liegt, wurde lange genug beschrieben, jetzt beginnt der Alltag damit, das Implementieren und Einbauen, die Richtlinien und das Verwalten. Welche KI nutzt Du so, fragt sich mittlerweile die Verwandtschaft bei dem einen jährlich stattfindenden gemeinsamen Essen gegenseitig, um zu zeigen, man ist noch am Leben. Es gibt natürlich meist verschiedene Antworten darauf, die dann natürlich wie aus der Pistole geschossen kommen. Dead ends in conversation and language at the same time.
Wenn die Zeit nicht mehr stimmt
Zwischen den Zeiten – das hat man sich immer gerne angeheftet, wenn man nicht mehr weiterwusste. Wenn Disruption übernimmt und alles in Unordnung gerät, wenn die Zeit nicht mehr stimmt. Zwischen den Zeiten werden Menschen zu Gespenstern und die echten Gespenster verlieren sich, sie irren und bilden einen Gegenstrom zu uns, sie sind Gegenrichtung. Während wir geradeaus losziehen, sozusagen als Verkehrstote der Zukunft, stolpern sie uns einfach nur überflüssig geworden entgegen. Kein Spukeinsatz mehr möglich, sie haben zu viel Konkurrenz in uns geisterhaft gewordenen Menschen. In der Nahrungskette Geister-Mensch-KI stehen eben die Gespenster ganz unten. Zwischen den Zeiten gibt es auch kein Nachdenken über die Vergangenheit, man ist zu sehr beschäftigt, das Kommende nicht zu verstehen. Dieser Zwischenraum zwischen zwei großen Epochen ist weird fiction, die gerne im Nachhinein gesponnen wird und als besonders interessant ausgewiesen: Stoff für eine Binge-Watching-Serie. Geschichte ist diskontinuierlich, heißt es dann in einem kommentierenden Satz, manchmal tritt sie auf der Stelle, das Alte funktioniert nicht mehr, das Neue ist noch nicht ganz da, zwischen Zeigen und Verbergen findet sich die Spannung eines Epos. Aber was verstehe ich schon davon, ich Zeitgenössin.
Toxic male fiction
Derzeit drängt sich jedenfalls der Eindruck auf, jemand hat sich dazwischengedrängt, der vorher nicht da war. Und jetzt macht er alles kaputt, ist aber selbst produziert, hergestellt, aufgrund eines Wunsches, den wir geäußert haben müssen, irgendwann. Jemand, der sich endlich traut zu sagen, was uns alle angeblich umtreibt. Und plötzlich übernimmt er alles – toxic male fiction. Der neueste Scherz: Trump verkauft den Zwischenraum von Millisekunden Wissensvorsprung auf Truth Social im Abo, wesentlich für Investoren und Finanzmenschen, die offene Korruption kann sich also auch durch Zwischenräume verwirklichen. Und die Midterms, die Zwischenwahlen, jene Zwischenprüfung des amerikanischen Präsidenten in diesem November werden auf die eine oder andere Weise ausgesetzt werden, wird vermutet: Er bereitet das schon durch Reden, die den Mythos der geklauten Wahl von 2020 beinhalten, vor.
Zwischenstand
Zwischenergebnisse diesbezüglich werden derzeit andauernd ausgegeben, der Zwischenstand ist allseits beliebt, er zeigt an, wo wir stehen, den Spielstand zwischen den Zähnen, wo er vermahlen werden kann als Liveticker, und schon wissen wir, aha, ein Rücktritt ist erfolgt, aha, ein Torwartfehler war es, aha … Die XXL-WM wurde zum Stimmungskiller, weil die Deutschen, weil die Belgier und Franzosen, weil die Engländer draußen waren und andere nach vorne sahen. Während die Fußballweltmeisterschaften ihr Glaubwürdigkeitsproblem hatten, schon alleine wegen dieser Pflichttrinkpausen, negierte der Liveticker eifrig weiter das Zwischenstadium, er suggerierte den steten Fluss, eine weitere Fiktion, mit der wir unser Geschichtsbild antreiben. Es ist aber niemals derselbe Fluss, in den wir steigen, um was zu tun? Etwa hinüberzuschwimmen, aber wohin? Ins Nachbarland?
Welt-Raum-Müll
Zwischen zwei Ländern also ein Grenzfluss, das haben wir festgestellt. Zwischen zwei Ländern auch Frontlinien. Dort gibt es bereits Vogelnester aus Glasfaserkabeln. Denn dank des Jamming, der Funkstörung des Flugverkehrs in der Donbass-Region werden Drohnen mit kilometerlangen Glasfaserkabeln ausgestattet, die nach Abschuss der Drohne wie lange Fäden vom Himmel schweben und sich über die Landschaft ziehen. Wie Spinnennetze sieht es aus, wie eine weiße Bildunterbrechung, die irgendwann zu neuem Rohstoff wird, am Ende zu Mikroplastik. Aber davor picken sich die Vögel das Material für ihre Nester heraus: Zwischenverwertung!
Der österreichische Schriftsteller Stefan Schmitzer liest in der Kölner Änderungsschreiberei aus seinem Buch space waste und macht mir klar, dass zwischen auch eine gute Beschreibung für jeglichen Müll ist. Objekte, die aneinandergepresst werden, auf Müllkippen, die aufeinander fallen mit merkwürdigen dumpfen Plastikgeräuschen, jenes Zwischengeräusch par excellence – plumps –, um den Ort zu markieren, in dem sich wirklich niemand aufhalten will, dem Zwischenraum der verbrauchten Objekte, die nicht mehr Waren sein können, und die nun auch den Weltraum bevölkern. Die Frage, ob Waren eigentlich etwas sein müssen, dass potenziell gekauft werden kann, erübrigt sich langsam. Denn müssen Waren von irgendjemanden noch abgenommen werden? Oder hat sich das erledigt? Wer Adrian Daubs Was das Valley herrschen nennt liest, hat die Antwort.
Zwischen Himmel und Erde Elon Musks Weltraummüll. Zwischen Himmel und Erde eine Wasserhose am Bodensee, wie sie dort bisher noch nicht üblich war. Zwischen Himmel und Erde ein Vogelschwarm, der seine Orientierung verloren hat und auch uns auf falsche Fährten lockt, und nein, zwischen den Himmelsrichtungen gibt es keinen Platz. Aber unten, ja beinahe ganz am Boden gibt es noch den Zwischenwirt. Bis alles auf den Menschen übertragen werden kann, benötigt es eben jede Menge Schweine und Hühner und Rinder, so sehen es die Viren. Deswegen haben die auch ein lebhaftes Interesse an dieser krassen Nutztierhaltung, wie ich sie in Kalifornien, im Valley gesehen habe, mit tausenden im Dreck stehenden Huftieren, zwischen den Tieren war kein Spalt, das habe ich auf der Interstate gesehen.
Kluft ohne Spielraum
Selbst zwischen den Autos bleiben Lücken, notwendige Abstandslücken, durch die Kinder hindurchbalancieren und Verstecken spielen. Das ist in meinem gerade entstehenden Roman der Ort, an dem sie das am besten tun können. Sie haben damit angefangen auf einer platten Wiese am Waldrand, aber inzwischen sind so viele Autos gekommen, um auf der Bauernwiese zu parken, da macht das Versteckspiel durchaus Sinn. Man muss sich nur ducken in all der Gleichförmigkeit. In diesen Autolücken kann allerdings einiges verloren gehen. Auch die Kinder tauchen am Ende nicht mehr alle auf. Es ist ein Versteckspiel, das zu weit gegangen ist, wie man sagen wird, und es ist die Antwort auf das, was sich zwischen den Generationen gerade so abspielt. Da klafft die größte Lücke. Denn wir haben ja Zeit gehabt, und sie haben keine Zeit mehr. Die Generationskluft zeigt sich in jeder Verlautbarung der Bundesregierung: All die Rentenpläne, Wehrdienstpläne, Klimapläne, fossilen Ausdauerpläne gehen zu Lasten der nächsten Generationen. Earth Overshoot Day am 1. Januar! Wie sollen die Jungen zukunftsfähig bleiben bei all den düsteren Aussichten und dem vertrackten Verteilungskampf, der lange schon begonnen hat, nun aber keine Spielräume mehr kennt.
Verlust der Sprache
Frieden ist nicht die Zeit zwischen zwei Kriegen, das möchte ich wahrlich nicht äußern. Warum heißt es nicht: Krieg ist die Zeit zwischen zwei Friedenszeiten? Das sind abstrakte Größen, wird man mir entgegnen, im Zeitalter der hybriden Kriege, der heißkalten Kriege, der eigentlich fortdauernden Kriege. Wir erinnern uns nur nicht richtig an unsere Gegenwart. Vielleicht fehlt uns auch die Sprache dafür. Oder sie kommt uns mehr und mehr abhanden. Angeblich sprechen wir seit 25 Jahren pro Tag täglich 338 Wörter weniger, das entnehme ich einem Bericht in der SZ vom 30. März – Titelseite! Wer rechnet mit? Ich komme auf keine Lösung, was das sein soll, es müssen mehrere Romane pro Tag sein, die uns verloren gehen, aber das kann ja nicht sein.
Wie geht überhaupt die Sprache des Dazwischen? Macht das Satzzeichen Doppelpunkt mehr Zwischen auf als der Bindestrich? Es sind gewiss die Satzzeichen, die wir öfter verwenden sollten, und weniger die Nomen. Oder der Sprachwechsel: Mitten im Satz ins Englische fallend, ins Vietnamesische, ins Deutsche wechselnd, zwischen den Sprachen stehend. Keine kann ich richtig, keine gehört mir, lese ich in einem Text der Kölner Künstlerin Anchi Trinh. Vielleicht muss es das auch nicht sein – Zwischen-den-Sprachen-Stehen ist ein immer allgemeiner werdender Zustand. Doch leicht habe ich reden, die ich mich am Deutschen festkralle.
Zwischen Skylla und Charybdis
Zwischen Leben und Tod, das ist der Zustand, in den wir niemals hineinwollen. Zwischen Skylla und Charybdis, zwischendurch mit uns und zwar ganz ohne Gesangswahrnehmung. Zwischen heute und morgen, nein, zwischen Leben und Tod, das nicht, wir würden nur festhängen, das ist Erstarrung, das ist Ohnmacht, das ist Handlungsunfähigkeit. Zwischen heute und morgen sagen wir dann nicht mehr. Die Zeit hat sich dann aufgebraucht. Jemanden in diesem Zustand zu begleiten kann gefährlich sein, es ist aber unbedingt notwendig, eine Person in diesem Zustand nicht allein zu lassen.
Das ist das Ende des Textes.
Und doch.
Postskriptum
Zwischen dem Ende eines Textes und dem Anfang eines nächsten gibt es einen nicht unwesentlichen Zwischenraum der Möglichkeiten. Den möchte ich mit einem Postskriptum füllen, gewissermaßen als Kontrapunkt zum eben Geschriebenen: Auf der Gedenkveranstaltung für unser langjähriges Akademie- und auch Senatsmitglied, den Kurator und Miterfinder Wulf Herzogenrath wurden wir an dessen Lebensessenz erinnert – den Zustand des Dazwischen-Seins, so führte der langjährige Kolumba-Leiter Stefan Kraus in seiner Trauerrede an, Inter-esse, die Passion der Vermittlung, des Weiterdenkens. Sie hat das Lebenswerk dieses Dazwischen-Menschen bestimmt, der uns in der Bildenden Kunst, in der Musik, im Fluxus wie in der Videokunst so viel geschenkt hat. Dazwischen: Lieblingswohnort der Geschenke.
Kathrin Röggla ist seit 2012 Mitglied der Akademie der Künste, Sektion Literatur; von 2015 bis 2024 war sie Vizepräsidentin der Akademie der Künste.