Der ehrlichste Ort
Manos Tsangaris und Anh-Linh Ngo im Gespräch mit Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann beschreibt das Dazwischen als Normalzustand. Daraus entsteht ein Blick auf die Welt, in dem Erinnerungen, Zeiten und Perspektiven sich überlagern, statt einander abzulösen. Wer sich auf diese Gleichzeitigkeit einlässt, muss die eigene Position immer wieder neu befragen. Das verlangt Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegenüber.

Interview

Der Denkraum dieses Akademie-Briefs ist das Dazwischen. Hintergrund ist die Herbstausstellung der Akademie der Künste „Metaxy : Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau“, die den altgriechischen Begriff für zwischen aufgreift. Uns interessiert hier weniger die Ausstellung als die Frage, was in diesem Zustand eigentlich geschieht. Viele erleben das Dazwischen als Mangel: Man gehört weder ganz hierhin noch dorthin. Dein Schreiben legt nahe, dass dort Neues entstehen kann. Was bedeutet es für Dich, dazwischen zu sein?

Das Dazwischen kenne ich als Normalzustand. Ich bin in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt – in der Sowjetunion. Als Teil einer Minderheit, der immer schon signalisiert wurde, dass sie es sich nicht allzu gemütlich machen sollte – der jüdischen. Ich bin in einem Deutschland der brennenden Asylheime als sogenannter Kontingentflüchtling groß geworden. Ich lebe als nicht-binärer Mensch in einer binären Welt, die Liste ließe sich noch weiterführen. Aber ich habe nichts von diesen Aspekten meiner Identität als Mangel empfunden. Im Gegenteil: Alle Erfahrungen, die mit diesem Dazwischen einhergehen, trainieren meinen Seh- und Empathie-Muskel. Ich glaube, als schreibender Mensch komme ich der Welt so näher, weil ich aus unterschiedlichen Perspektiven schaue. Schauen muss. Mit einer Art Facettenblick. Und weil meine Koordinaten manchmal so ungewiss waren, musste ich mir meine Zugehörigkeitsräume oft selbst suchen, sie waren nicht selbstverständlich, und das hat viel Gutes: Freundschaften und politische Allianzen, die mit den Jahren wachsen, können stabiler sein als Nationalstaaten. 

Wenn man zwischen mehreren Welten lebt, muss man Widersprüche aushalten, statt sie aufzulösen. In Deinen Büchern scheint das zu einer poetischen Methode zu werden. Warum fällt es Gesellschaften heute so schwer, Mehrdeutigkeit zu ertragen? Warum wächst der Wunsch nach eindeutigen Zugehörigkeiten und klaren Positionen gerade jetzt?

Ich kann es nachvollziehen: Menschen sehnen sich danach, dass die Kontinentalplatten unter ihren Füßen nicht noch weiter auseinanderdriften. Es ist schwer auszuhalten, dass Sicherheit nur mehr eine Illusion ist. Die Richtung, in die es gerade geht, ist eindeutig: Wir bewegen uns auf eine Zeit immer größer werdender Ungleichheit zu. Und Verteilungskämpfe haben die Menschen noch nie besser gemacht. Leute sind verunsichert. Leute sind gekränkt. Der Teil der Welt, der gelernt hat, über sich als den privilegierten zu denken, beginnt zu verstehen: Wir sind jetzt wie der Rest der Welt, die Ressourcen werden auch bei uns knapp, und das strapaziert die dünne Decke des zivilisierten Miteinander. Viele suchen jetzt nach einem, der schuld daran ist, dass wir nicht so bequem weitermachen können wie bisher. Und finden ihn im vermeintlich Anderen. Man kann aus dem Umstand, dass wir in die Dunkelheit schlittern, unterschiedliche Schlüsse ziehen. Man könnte zum Beispiel beschließen, sich gegenseitig mit Licht zu versorgen – mit Unterstützung, Empathie, Anerkennung. Also gegen den Zeitgeist zu halten. Das tun ja auch viele. Ich weiß nicht, ob es genügen wird, aber die gibt es auch.

In Danja, mein dementes Jahrhundert verliert Dein Großvater nach mehreren Schlaganfällen sein Gedächtnis. Gleichzeitig scheint er das ganze 20. Jahrhundert in sich zu tragen. Beim Lesen entsteht der Eindruck, dass Erinnerung weniger im Kopf als in Körpern, Gesten und Beziehungen lebt. Wo sitzt Erinnerung für Dich?

Erinnerung sitzt in den Sinnen, ganz klar. Oft reicht ein Geruch, und wir können mit geschlossenen Augen einen vertrauten Menschen wiedersehen, den wir vermissen. Oder wir hören ein Lied, eine Melodie und reisen damit zurück an einen Ort, der unerreichbar geworden ist. Erinnerung begegnet uns nicht in den Geschichtsbüchern, sie ist auch nichts, was feststeht, und da liegt auch die Krux: Darum kann sie so leicht manipuliert werden. Weil Erinnerung vor allem mit Emotionen zu tun hat und nicht mit Fakten. Wir bilden uns alles Mögliche ein, malen uns Situationen schön, die schrecklich waren, und glorifizieren andere. Ich habe Erinnerungen an meinen Großvater, die sich stetig verändern. Sie machen ihre Metamorphosen durch, besonders nach seinem Tod. Das ist natürlich unheimlich fruchtbar fürs Schreiben. Dort wird sowieso nicht Erinnerung festgehalten, dort entsteht ein Leben, wie es gewesen sein könnte.

Einer der stärksten Sätze lautet: „Es ist das Jahrhundert, das vergisst, nicht er.“ Damit verschiebst Du die Frage vom individuellen Erinnern zum kollektiven Gedächtnis. Worin liegt die größere Gefahr: im Vergessen selbst oder im Wunsch, Geschichte in eindeutige Erzählungen zu zwingen?

Ich bezweifle, dass wir vergessen haben, was im letzten Jahrhundert geschehen ist. Es ist alles aufgeschrieben, protokolliert, archiviert. Die Städte sind voller Denkmäler und Gedenkstätten. Aber viele wollen es nicht wissen, es ist ihnen egal. Es ist ein willentliches Vergessen, und das ist das Schlimmste. Die Ignoranz. All die Toten, all die Massaker, die Zerstörung. Es scheint nicht so zu sein, dass das die große Mehrheit bewegt. Wenn es so wäre, würden wir andere Schlüsse daraus ziehen. Wir würden andere Parteien wählen. Wir würden auf einer anderen Form von Erinnerung und Gedenken bestehen und würden nicht alles abwehren, was eine Veränderung von Lebensgewohnheiten und scheinbar bestehenden Ansprüchen bedeutet. 

In Deinem Text, den wir im Katalog abdrucken, existieren Zweiter Weltkrieg, Stalinismus, Migration, die russische Invasion der Ukraine, der 7. Oktober und der Krieg in Gaza gleichzeitig. Vergangenheit erscheint nicht als etwas Abgeschlossenes. Leben wir in einer linearen Zeit oder in einer Gleichzeitigkeit verschiedener Geschichten?

Möglicherweise ist es genau das, was so vielen von uns zu schaffen macht: die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und damit die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Perspektiven auszuhalten. War es je anders? Ich glaube, wir erleben es im digitalen Zeitalter nur viel stärker, sind dieser Form der Ungeordnetheit viel stärker ausgesetzt. Schon in der Schule im Geschichtsunterricht, aber genauso in den Nachrichten wird uns eine Linearität der Ereignisse präsentiert. Zuerst geschah dies, daraufhin das. Als gäbe es in jedem Fall eine Folgerichtigkeit. Dabei entstehen diese Kausalitätsketten ja erst, wenn man zurückblickt und dabei den Anspruch erhebt und dem Bedürfnis folgt, einen Überblick herzustellen über die Fülle des Gleichzeitigen. 

Mit dieser Gleichzeitigkeit verändert sich auch der Raum. Danja sieht überall Türen, fragt nach Tunneln, Erinnerungen heften sich an Orte. Sind Räume für Dich Behälter von Geschichte oder entstehen sie erst durch die Geschichten, die sich in ihnen überlagern?

Orte und besonders auch ihre Architektur sind tatsächlich einzigartige Geschichtenerzähler*innen. In ihnen steckt so viel Veranschaulichung, so viel Vergegenwärtigung. Die Einschusslöcher in Berliner Hausfassaden, die Hinterhofbrachen als Folge von Bombentreffern, das System von Tunneln unter Gaza, nach dem mein Großvater in seinen letzten Wochen immer wieder fragte. Das Licht, das er trotz allem sah. Offenbar fiel es durch Türen an der Zimmerdecke, von denen er zuletzt so oft sprach. Orte sind also nicht nur die Speicher von Geschichte und Geschichten, sondern sprechen auch selbst.

Du streust in Deinem Text immer wieder Brocken Russisch, Ukrainisch, Hebräisch ein. Die Erfahrungen scheinen sich keiner Sprache vollständig anzuvertrauen. Entsteht Literatur gerade dort, wo eine Sprache nicht ausreicht?

Das ist ein sehr schöner Gedanke. Für mich entsteht Literatur aus dem Zweifel, aus einer Fragestellung, aus der Verzweiflung und oft genug aus der Wut. Auch aus der Überforderung. Wie der Zustand, der aus einem sprachlichen Nicht-verstehen-Können entsteht. Vor allem im Theater, auf einer Bühne lässt sich ein solcher Zustand über die Vielsprachigkeit erlebbar machen. Das Publikum muss nicht alles verstehen, im Gegenteil: Die Erfahrung des Nicht-Verstehens ist ein notwendiger Teil der Erzählung. Literatur, Kunst im Allgemeinen, kommt aus dem Uneindeutigen, aus der Verunsicherung. Aus dem Erleben des besagten Dazwischen. So kenne ich das zumindest. Wenn man sich ganz sicher mit einem Thema ist, schreibt man ein Sachbuch. Und was die Mehrsprachigkeit konkret in meinem Theaterstück angeht: Sie hat eine atmosphärische Funktion, ja, aber sie ist ganz wesentlich auch Teil der Geschichte, die ich erzähle. Immerhin geht es um einen Mann, der in so vielen Sprachen gelebt hat. Mir war es wichtig, dass das Stück auf Ukrainisch beginnt. Denn mein Großvater, der in der Westukraine groß geworden ist und immerzu behauptet hat, die Landessprache dort nicht gesprochen zu haben, redete nach seinem ersten Schlaganfall plötzlich Ukrainisch mit mir. Nicht Russisch. Nicht Jiddisch. Also die Sprachen, die angeblich seine beiden Sprachen gewesen waren.

In Deiner Rede Vor dem Paradies schreibst Du: „Wir Schreibenden gehören keinen Nationen. Wir gehören ihnen an. Aber wir gehören ihnen nicht.“ Welche Freiheit gewinnt Literatur aus dieser Zwischenposition – und welchen Preis zahlt sie dafür?

Sie kann nur gewinnen. Sobald sich Literatur in den Dienst nehmen lässt, eines Staates, einer Nation, eines Systems, verliert sie ihre Kraft und wird vergessen werden. Sie wird ersetzbar. Bald werden Bots diese Literatur en masse und viel besser produzieren, als wir es können. Als ich Vor dem Paradies schrieb, habe ich viel Kleist gelesen und mich gefragt, welche seiner Texte wohl bleiben werden. Wohl kaum seine glühend nationalistischen Texte. Aber mit Sicherheit Penthesilea. Mit Sicherheit Das Erdbeben in Chili. Werke, die auf unnachahmliche Weise veranschaulichen, wie fehlbar wir alle sind. 

Nach dem 7. Oktober haben sich viele Debatten in moralische Frontstellungen verwandelt. Du beschreibst sehr eindringlich, wie Menschen versuchen, den Schmerz der anderen aus ihrer eigenen Erzählung auszuschließen. Ist die Fähigkeit, widersprüchliche Wirklichkeiten gleichzeitig anzuerkennen, heute selbst eine politische Haltung?

Zumindest ist es ein enormer Kraftakt, nicht von der Welle an hysterischer Meinungsmache mitgerissen zu werden. Denn daran krankt doch unser politisches Miteinander: an den sinnentleerten Forderungen nach bloßen Worthülsen, die eine Positionierung markieren sollen. Manchmal denke ich, wir alle sind voll davon wie Gefäße, übervoll. Es ist kein Platz mehr für einen Gedanken an das Leid der vermeintlichen anderen. Aber es muss eine simple politische Haltung möglich sein, auf die wir uns alle einigen können: Es gibt keine Rechtfertigung dafür, dass Menschen getötet werden. Kein Leid ist weniger oder mehr wert. Es darf nach „Ja, der 7. Oktober war ein Verbrechen …“ oder nach „Ja, der Krieg in Gaza ist ein Verbrechen …“ kein „aber“ mehr kommen.

Du schreibst: „Wer sich die Toten der Anderen wegdenken möchte, wer Menschen aus der gemeinsam geteilten Zeit wirft und sie damit der gemeinsam geteilten Welt verweist, beschädigt das Gedenken an die Shoah.“ Ist Gedenken weniger die Frage, woran wir erinnern, als wen wir heute als Teil unserer gemeinsamen Welt anerkennen?

Trauer und Gedenken sind weltweit eine zentrale kulturelle Praxis. Und von Anbeginn der Menschheit stellte sich die Frage, welches Leben als betrauernswert gilt. Wen erkennen wir als Menschen an und wen entmenschlichen wir, um unsere Verbrechen zu rechtfertigen? Was die spezielle Situation in Deutschland angeht, stellt sich die Frage: Was meinen wir mit „Nie wieder“? Soll ES nie wieder passieren, oder soll es EINER BESTIMMTEN GRUPPE nicht mehr passieren? Und was sagt es eigentlich über uns aus, wenn wir das Recht auf Unversehrtheit nur einer bestimmten Gruppe zusprechen und anderen nicht? 

In „Metaxy“ verstehen wir Wiederaufbau nicht als Rückkehr zu einem früheren Zustand, sondern als einen Prozess, in dem neue Beziehungen entstehen, ohne die Brüche der Vergangenheit zu verdecken. Auch Deine Texte erzählen nicht von Heilung, sondern davon, in den Brüchen zu leben, im Dazwischen. Ist das vielleicht die Voraussetzung für jeden Wiederaufbau: dass eine Gesellschaft erst lernen muss, diesen Zustand auszuhalten?

Die meisten Gesellschaften auf diesem Planeten existieren in Brüchen, in einem Dazwischen. Ihre Ländergrenzen verschieben sich, oder sie leben mit Krieg oder inmitten politischer Umwälzungen, oder das sich rasant verändernde Klima affiziert den Alltag und limitiert den Zugang zu überlebenswichtigen Ressourcen. Es ist ja eigentlich nur ein kleiner Teil der Welt – der, den wir gelernt haben, den Westen zu nennen –, der meinte, sich in ahnungsloser Unberührtheit wähnen zu können. Man könnte meinen, immer schon hätten Menschen hier im Sicheren, in einer ungebrochenen Erzählung von Wohlstand und Wachstum gelebt. Dabei ist die Geschichte Europas und Nordamerikas eine Geschichte von Kriegen, Ausbeutung, Genoziden und Enteignung. In keinem Augenblick unserer Geschichte ging es gerecht zu. Das, was mich verstört, ist der Wunsch vieler in unseren Breitengraden, in einem Märchen zu leben. In einer Version einer Geschichte, in der es heißt: Für uns war einmal alles gut. Und jetzt kommen all diese anderen und stören unseren Frieden. Sie wollen einen Teil von unserem Kuchen, den wir allein mit unserer harten Arbeit und unseren Werten gebacken haben. Wir halten diese anderen jetzt an unseren Grenzen ab, und dann haben wir unsere Ruhe, und unser verdienter Wohlstand bleibt ungefährdet. 

Wenn eine Gesellschaft vorankommen will, muss sie in der Realität leben wollen. Nicht in einem Märchen. Das Leben in Umbrüchen ist Realität. An diesen Umbrüchen ist jede*r Einzelne von uns beteiligt und dafür mitverantwortlich. Keine*r kann sich da rausnehmen. Man kann nur etwas aufbauen, wenn man sich an die Gesetze der Physik hält. Wir alle spüren die Brüche, auch wenn wir sie nicht wahrhaben wollen. Und das, was wir dabei spüren, ist eine Schwerkraft, die für alle gilt.

Ist das Dazwischen für Dich der eigentliche Ort der Freiheit?

Freiheit ist nicht primär das, was ich damit verbinde, aber das Dazwischen ist für mich der ehrlichste Ort. Nur dort kann für mich Kunst entstehen. 

 

Sasha Marianna Salzmann lebt und arbeitet als Schriftsteller*in und Kurator*in in Berlin.