#3 Betrifft: Grenzen?

Liebe Freund*innen der Künste,

Angesichts der geopolitischen Entwicklungen erlebt die Grenze als Denkfigur eine neue Konjunktur. Als machtpolitisches Instrument der Abschließung definiert sie Zugehörigkeit und legitimiert Ausschluss. Zugleich ist sie jedoch auch Bedingung von Sozialität: Sie markiert Geltungsbereiche kultureller, rechtlicher und symbolischer Ordnungen, ohne die gemeinsames Handeln, Verantwortung und Verständigung nicht möglich wären. Oder, wie Michel Foucault es in Dits et écrits formuliert, beginnt „der Mensch nicht mit der Freiheit, sondern mit der Grenze und der Linie des Unübertretbaren“. Erst durch sie wird er zu einem sozialen Wesen. 

Doch entgegen der behaupteten Eindeutigkeit sind Grenzen keine trennscharfen Linien, sondern umkämpfte oder temporär befriedete Konfliktzonen. Die Künste sind der Ort, an dem Grenzen methodisch überschritten, verschoben oder sichtbar gemacht werden. Zugleich operieren sie mit Formen, Regeln und Ordnungen, also mit Setzungen, ohne die ästhetische Erfahrung nicht artikulierbar wäre. Kunst ist in diesem Sinne nicht grenzenlos, sondern beruht auf selbstgesetzten Beschränkungen – sprachlich, materiell, formal. 

Diese Spannung ist nicht neu. Bereits Platon unterscheidet zwei ontologische Prinzipien, die einander bedingen: Apeiron (ἄπειρον), das Unbegrenzte als Quelle von Bewegung, Lust und Veränderung, und Peras (πέρας), Grenze, Maß und Proportion. Reines Unbegrenztes wäre Chaos. Erst Begrenzung ermöglicht Dauer, Gestalt und Ordnung. Diese Einsicht ist nicht nur metaphysisch, sondern auch ethisch und politisch. Sie betrifft das gute Leben, die Ordnung des Gemeinwesens und die Bedingungen menschlicher Selbstbestimmung.

Im Interview dieser Ausgabe macht Ulrich Peltzer deutlich, dass Grenzen weniger als Linien oder Territorien zu denken sind, denn als normative Gefüge historischer Erfahrungen. Normen strukturieren Bewegung, ermöglichen Widerstand und geraten in Krisenzeiten ins Rutschen. Für Peltzer ist Kunst keine moralische Instanz, sondern eine Praxis ästhetischer Erkenntnis. Sie eröffnet Erfahrungsräume jenseits des Gewohnten, ohne sich politisch instrumentalisieren zu lassen. Ihr Widerstandspotenzial liegt gerade in dieser Nicht-Verfügbarkeit.

Der literarische Beitrag von Ulrike Draesner verschiebt den Blick erneut. Grenzen erscheinen hier nicht als feste Markierungen, sondern als Schwellenräume, als liminale Zonen, in denen sich Bedeutungen, Körper, Zeichen und Ordnungen überlagern. Gegen die machtpolitische Fantasie eindeutiger Linien setzt Draesner die Idee der Grenze als Prozess, als relationale, zeitlich ausgedehnte Formation, als körperliche Erfahrung. Für künstlerisches Arbeiten sind Grenzen produktive Räume der Verwandlung.

Der Essay von Regine Keller schließlich führt diese Überlegungen in den Landschaftsraum zurück. Landschaft kennt keine politischen Grenzen; sie folgt geologischen, klimatischen und ökologischen Logiken. Wo Landnahme, Einhegung und territoriale Abschottung einsetzen, geraten diese Logiken in Konflikt. Als Landschaftsarchitektin zeigt Keller, dass ökologische Zusammenhänge die Fiktion nationalstaatlicher Souveränität unterlaufen. Die Folgen der Klimakrise machen vor Grenzen nicht Halt. Landschaft erscheint hier als Denkfigur für eine planetare Perspektive.

Gemeinsam machen die drei Beiträge sichtbar, was gegenwärtig auf dem Spiel steht: Die Reaktivierung der Grenze als politisches Machtinstrument geht mit der Verdrängung ihrer sozialen, rechtlichen, moralischen und ästhetischen Komplexität einher. Vor diesem Hintergrund stellt sich heute mit neuer Dringlichkeit die Frage, wie über Grenzen gesprochen werden kann, ohne autoritäre Logiken zu reproduzieren, die sogar den Freiheitsbegriff okkupiert haben. Der zeitgenössische libertäre Autoritarismus hat Entgrenzung zum Ideal und Regelbruch zur politischen Methode erhoben.

Diese Entwicklung bringt die Künste in eine widersprüchliche Lage. Während sich politische Akteure zunehmend künstlerischer Verfahren der Provokation, der Grenzüberschreitung und des Tabubruchs bedienen, steht die Kunst vor der Frage, wie weit Entgrenzung noch trägt, wenn gemeinsame Bezugspunkte erodieren, Regeln systematisch entwertet und Institutionen gezielt unterlaufen werden. Wie kann künstlerische Praxis ihrer Verantwortung gerecht werden, ohne sich funktionalisieren zu lassen?

Kunst lebt von der Freiheit, Maß zu überschreiten; Demokratie lebt von der Fähigkeit, Maß zu halten. Beide Sphären folgen unterschiedlichen Logiken, und genau dort, wo sie verwechselt werden, lauern Gefahren. Die gegenwärtige politische Lage zwingt dazu, auf dieser Differenz zu beharren. Doch Differenz bedeutet nicht Stillstand, sondern ein Konfliktverhältnis, das immer wieder neu ausgehalten und verhandelt werden muss.

Simone Weil beschreibt in ihren Cahiers Grenzen als etwas, das stets überschritten wird und im Überschreiten eine ausgleichende Schwingung erzwingt. Vielleicht liegt darin ein Schlüssel: Freiheit nicht als Auflösung aller Formen misszuverstehen, sondern als ausgleichende Bewegung zwischen Maß und Überschreitung zu begreifen, als Arbeit an jenen Linien und Schwellen, die gemeinsames Leben überhaupt erst möglich machen.


Manos Tsangaris
Präsident der Akademie der Künste

Anh-Linh Ngo
Vizepräsident der Akademie der Künste