Procession into the Eco-Liminal
Petja Ivanova

Werk
Die Klimakrise wird oft anhand von Daten, Schäden und zukünftigen Risiken beschrieben. Petja Ivanovas Arbeit nähert sich ihr hingegen aus der Perspektive der Präsenz: der Wahrnehmungsbedingungen, die es ermöglicht haben, dass die Erde zu einem ausbeutbaren Objekt geworden ist. In ihrem Werk Procession into the Eco-Liminal wird diese Krise über die Sinneswahrnehmung erschlossen und es wird die Frage gestellt, wie ein Körper neu verortet werden kann und ob ökologische Verantwortung nicht in der Fähigkeit beginnt, sich berühren zu lassen.
Die Performance Procession into the Eco-Liminal fand im August 2024 in der Saeva-Dupka-Höhle in Bulgarien statt und ist Teil von Petja Ivanovas künstlerischer Forschung zum Soma, dem fühlenden Körper der Erde. In Anerkennung des symbolischen Wertes der Höhle und der Tatsache, dass das Magische und Metaphysische einen materiellen Bezug hat, fungiert sie als aktiver Ort der Transformation, an dem Körper, Geologie, Klang, Dunkelheit, Feuchtigkeit, Psyche, Darsteller*innen, Publikum und Bewegung in Beziehung treten. Die Höhle ist in dieser Arbeit nicht als eine Bühne zu verstehen, sondern als Einstiegspunkt in die Erfahrung und das Konzept der „Öko-Liminalität“.
Das Öko-Liminale beschreibt einen Zustand der Transformation, in dem das Selbst durchlässig für die Kräfte wird, die es umgeben. Wachstum, Verfall, Anpassung, Heilung, Trauer und Werden sind Schwellenerfahrungen. Lebendig zu sein bedeutet, immer wieder durch das verändert zu werden, mit dem wir in Kontakt kommen.
Philosophisch gesehen kann das „Öko-Liminale“ als Raum vor der festgelegten Bedeutung verstanden werden. Es gehört zu einem nonverbalen und vorkonzeptuellen Bereich: einem Zustand, in dem Wissen noch nicht als Sprache, Kategorie oder Erklärung organisiert ist, sondern als Atmosphäre, Druck, Rhythmus, Orientierung, Begrenzung, Intensität oder körperliche Reaktion empfunden wird.
Petja Ivanovas Arbeit untersucht diese Räume mittels einer künstlerischen Methodik, die sie als „Geo-Somatik“ bezeichnet. Dabei geht es darum, die Wirkung von Landschaft auf den Körper wahrzunehmen und Praktiken der Verbindung mit der lebendigen Welt zu entwickeln. Geo-Somatik betrachtet Land nicht als Beobachtungsobjekt, sondern als eine Kraft, die an der Subjektbildung mitwirkt. Sie markiert eine Abkehr von positivistischen und kartesianischen Wissensmodellen, in denen die Welt in beobachtendes Subjekt und beobachtetes Objekt, Geist und Körper, Kultur und Natur, Vernunft und Gefühl unterteilt wird.
Procession into the Eco-Liminal postuliert, dass durch somatische Resonanz entstandenes Wissen Teil ökologischer Intelligenz ist. Es sind dies Aspekte psychischer und verkörperter Formen des Wissens, die von westlich-imperialen Wissenssystemen oft an den Rand gedrängt wurden, weil sie sich nicht ohne Weiteres messen, extrahieren oder kontrollieren lassen und insofern die epistemischen Gewohnheiten infrage stellen, die Land als Ressource verfügbar machen.
Die positivistische Beziehung zur Erde hängt von Distanz ab. Sie schult den Betrachter darin, sich vom Betrachteten zu distanzieren, zu klassifizieren, bevor er eine Beziehung herstellt, zu messen, bevor er sich davon berühren lässt. Diese Distanz ist nicht neutral, sie ist nicht unschuldig, sie ist erlernt. Geo-Somatik wirkt dieser Konditionierung entgegen. Sie fragt, was möglich wird, wenn die Erde, das Land als aktive subjektivierende Kräfte empfunden werden, als etwas, das an der Bildung des Selbst mitwirkt, ohne dass menschliche Eigenschaften darauf projiziert werden.



Geo-Somatik bedeutet anzuerkennen, dass der Ort bereits auf uns und durch uns wirkt. Das heißt auch, dass verkörperte und psychische Formen des Wissens politische Bedeutung gewinnen. Denn sie durchbrechen die Bedingungen, die ausbeuterische Beziehungen aufrechterhalten. Sie erschweren es, Land als leblose Materie zu betrachten. Sie fördern Verbundenheit, Reaktionsfähigkeit, Verletzlichkeit und Fürsorge. Sie eröffnen eine Wahrnehmungsweise, in der das Berührt-Werden durch den Ort zu einer Form des Wissens und in der Beziehung zur Grundlage ökologischer Verantwortung wird.
Procession into the Eco-Liminal ist eine Arbeit, die das Eintreten in diese veränderte Beziehung unterstützt. In der Höhle ist der menschliche Körper nicht die souveräne Kraft, die der Landschaft Bedeutung verleiht. Die Performance fragt, was geschieht, wenn der Mensch nicht mehr der zentrale Akteur ist, sondern ein Teilnehmer innerhalb eines größeren Kräftefeldes. Der Ort – die Höhle – verstärkt diese Frage, denn sie ist nicht einfach eine geologische Formation: Höhlen sind Schwellenräume in der Geschichte der Wahrnehmung. In der Höhle begegnet der Mensch seinem eigenen Werden durch die Dunkelheit.
Procession into the Eco-Liminal lud das Publikum und die Darsteller*innen zu einer Erfahrung ein, in der die Kunst den oder die Einzelne für den Ort öffnet: Vom Ort berührt, von der Atmosphäre verändert, durch die Dunkelheit verunsichert oder von Klängen bewegt zu werden, ist kein Verlust des Selbst. Es ist eine Öffnung hin zu ökologischer Subjektivität.
Zur Realisierung der Performance beigetragen haben: Petja Ivanova, Camilla Strandhagen, Alexandra Gruebler, Nicole Bettencourt Coelho, Sarah Kantrowitz, Natalia Jordanova, Vasil Hristov. Sie wurde ermöglicht mit Unterstützung des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen und der Singer-Zahariev Foundation.
Zur Website: Procession into the Eco-liminal | Poeticfutures
Petja Ivanova war 2022 Preisträgerin des Mensch-Maschine-Stipendiums der JUNGEN AKADEMIE der Akademie der Künste.