Die versiegelte Gegenwart. Ökologische Irreversibilität und die Krise der Imagination
Iris ter Schiphorst
Essay
Die Krise, die keine mehr ist
Der Begriff der „Klimakrise“ gehört inzwischen zum moralischen Grundrauschen der Gegenwart. Gerade darin liegt seine problematische Leistung: Er beschreibt nicht nur eine ökologische Situation, sondern ordnet zugleich ein bestimmtes Verhältnis zur Zeit.
Eine Krise gilt in der politischen Moderne als vorübergehender Ausnahmezustand, als temporäre Abweichung innerhalb einer ansonsten stabilen Ordnung, die durch gezielte Eingriffe auf Linie gebracht werden kann. Jede Krise trägt somit das Versprechen einer Rückkehr in sich: Stabilisierung, Management oder Reparatur. Genau deshalb bleibt der Krisenbegriff mit einer technokratischen Vernunft anschlussfähig, die ökologische Zerstörung primär als administratives Problem behandelt.1
Doch was, wenn dieser Ausnahmezustand zur Normalform geworden ist?2 Dann verliert „Krise“ ihren temporären Charakter und wird zur Struktur der Gegenwart selbst: zu einer Ordnung permanenter Störung.
Die Transformation des Erdsystems entzieht sich dieser Krisenlogik. Nicht einzelne Umweltparameter verschieben sich isoliert; vielmehr gerät das Zusammenspiel atmosphärischer, biologischer und geologischer Bedingungen insgesamt ins Wanken. Diese Verschiebung vollzieht sich schleichend und ist zugleich nicht umkehrbar. Artensterben, kollabierende Wassersysteme, toxische Stoffkreisläufe und klimatische Kipppunkte markieren keine gewöhnlichen historischen Veränderungen mehr. Sie verweisen auf zeitliche Dimensionen, deren ökologische Irreversibilität3 die Horizonte technischer Steuerbarkeit weit überschreitet. Im Begriff der Klimakrise kollidieren somit zwei Zeitformen: das lineare, auf eine bessere Zukunft gerichtete Zeitverständnis der Moderne und die Endlichkeit ökologischer Prozesse, die sich nicht reparieren lassen. Die ökologische Krise ist damit keine klassische Krise. Sie ist die Konfrontation der Moderne mit ihrer eigenen Unumkehrbarkeit. Das ist der Grund, warum sie weitgehend unvorstellbar bleibt.
Die algorithmische Gegenwart
Wie verändert sich Gegenwart, wenn sie nicht mehr als Dauer, sondern nur noch als permanente Aktualisierung organisiert ist?
Die Konfrontation mit ökologischer Irreversibilität markiert eine Verschiebung der gesellschaftlichen Zeitverhältnisse. Während das Fortschrittsmodell der Moderne an biophysikalische Grenzen stößt, flüchtet das System in eine informationelle Echtzeit. Algorithmen verarbeiten die Welt nicht in historischen Prozessen, sie verarbeiten sie im Modus kontinuierlicher Echtzeitverarbeitung.4 Der Soziologe Hartmut Rosa bezeichnet die Moderne demnach als Beschleunigungsregime, in dem soziale und technische Prozesse zunehmend von Dauer entkoppelt operieren. Gegenwart, so seine Diagnose, wird nicht als stabiler Zusammenhang gedacht, sondern als fortlaufende Abfolge wechselnder Zustände. Diese Dynamik verändert nicht nur, wie schnell etwas geschieht, sondern auch, was überhaupt noch als Gegenwart gilt.5
Digitale Plattformen radikalisieren diese Struktur, indem sie Aufmerksamkeit über Intensität statt über Kontinuität organisieren.6 Sichtbar wird, was kurzfristig anschlussfähig ist. Was verschwindet, verschwindet nicht deshalb, weil es irrelevant wäre, sondern weil es keinen zeitlichen Halt mehr bildet. Gegenwart zerfällt damit in eine Abfolge isolierter Aktualisierungen. Dabei verschwindet nicht die Realität ökologischer Zerstörung, sondern ihre Einbettung in Zeit. Waldbrände, Hitzewellen, Überschwemmungen bleiben materiell präsent, werden jedoch in immer neue Informationszyklen integriert, ohne ihre historische Konsequenz wirklich erfahrbar werden zu lassen.7
Jean Baudrillard skizzierte bereits 1981 eine Kultur, in der das Reale unter der Masse seiner Simulationen verschwindet.8 Heute scheint sich diese Diagnose ökologisch zu radikalisieren: Die Zerstörung wird permanent repräsentiert und zugleich psychisch und ästhetisch neutralisiert.9 Man weiß von ihr, ohne ihre zeitliche Dimension wirklich zu integrieren. Die Gegenwart ist nicht nur beschleunigt. Sie ist versiegelt.10 Oder, im Sinne der Philosophin Marita Tatari, als Form der Immersion zu begreifen, als Einbettung des Bewusstseins in prozessuale Netzwerke ohne Anfang und Ende.11 Während die ökologische Realität irreversibel fortschreitet, operiert die algorithmisch organisierte Gegenwart innerhalb einer geschlossenen Zeitschleife. Das Resultat ist eine eigentümliche Form kollektiver Gegenwartsbindung: eine strukturelle Blindheit gegenüber jenen Prozessen, die das Fundament moderner Gesellschaften lautlos untergraben.
Die Kolonisierung der Imagination
Imagination meint hier das Vermögen, historische Zeit als Zusammenhang zu verstehen und Entwicklungen jenseits unmittelbarer Ereignisse zu erfassen. Genau diese Fähigkeit gerät durch permanente algorithmische Aktualisierung unter Druck. Darin besteht die Krise der Imagination.
Es sei leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus, konstatierte der Schriftsteller und Blogger Mark Fisher in seiner „Flugschrift“ Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? (2009, dt. 2013). Dieser Befund verweist auf eine tiefe Blockade: Zukunft erscheint nicht mehr als offener Geschichtshorizont, sondern als erstarrtes Spannungsfeld zwischen technologischer Fortschreibung und diffuser Katastrophe.
Die technokratische Moderne behandelt Zukunft als administrativ zu bewirtschaftendes Terrain. Prognosen, Datenmodelle und Verwertungslogiken vermessen den Zeithorizont im Voraus und überführen planetare Brüche in eine dauerverwaltete Gegenwart. Der Philosoph Peter Trawny bezeichnet dies als „technische Totalität“, in der die Welt lediglich verfügbarer und planbarer Bestand ist.12 Und genau deshalb ist ökologische Irreversibilität so unvorstellbar: Sie konterkariert die lineare Fortschrittserzählung der Moderne, deren Zeitmodell auf permanente Optimierung ausgerichtet ist. Ein unwiderrufliches Ende ist in dieser Ordnung nur noch als spektakuläres Endzeitszenario denkbar.13 Die Lähmung der Imagination gründet deshalb nicht allein auf der Angst vor dem Kollaps, sondern auf dem Unvermögen, Zukunft jenseits technokratischer Verwaltung, permanenter Verwertung und algorithmischer Steuerung zu denken.
Die ungleiche Zukunft
Die ökologische Zerstörung entfaltet sich nicht innerhalb eines homogenen sozialen Raumes, sie verschärft bestehende Asymmetrien. Während große Teile der Bevölkerung zunehmend in Infrastrukturen prekärer Gegenwart eingebunden werden, entstehen parallel Zonen selektiver Resilienz: private Sicherheitsarchitekturen, abgeschirmte Versorgungssysteme und technologische Schutzräume. Zukunft beginnt sich sozial zu segmentieren. Nach Bruno Latour vollzieht sich in diesem Prozess die Erosion einer „versicherbaren Welt“ – „versicherbar“ in dem Sinne, dass Versicherung nicht nur ein ökonomisches Instrument darstellt, sondern auch ein Zeitmodell der Moderne: Sie machte Zukunft kalkulierbar, indem sie Unsicherheit in Risiko übersetzte und damit einen gemeinsamen Horizont stabilisierte.14
Mit seinem Zerfall verschwindet die Vorstellung einer kollektiv geteilten Zukunft. An die Stelle gemeinsamer Vorsorge tritt zunehmend privatisierte Absicherung: Vermögende Akteure entziehen ihre Ressourcen dem solidarischen Gemeinwesen und investieren sie in exklusive Schutzräume und selektive Zukunftsvorsorge. Längst haben die globalen Eliten das historische Hauptversprechen der Moderne – eine gemeinsame und bessere Zukunft für alle – aufgegeben.15
Gleichzeitig verschiebt sich die Krisenlogik des Kapitalismus in spekulative Zukunftsvisionen. Ideologien wie Longtermismus und Projekte wie die Besiedlung des Mars verlängern das Fortschrittsnarrativ über die planetaren Grenzen und die irdische Zeit hinaus. Während immense Kapitalströme in extraterrestrische Szenarien fließen, wird die Stabilisierung des Systems Erde selbst zunehmend zum nachrangigen Ziel.
Gegen die versiegelte Zeit
Welcher Handlungsspielraum bleibt, wenn Zukunft kein gemeinsamer Horizont mehr ist?
Diese Frage lässt sich nicht allein mit Verweis auf neue Technologien oder ökologische Programme beantworten. Denn die ökologische Zerstörung manifestiert sich nicht nur im Kollaps des Klimas oder im Schwinden der biophysikalischen Ressourcen – sie zeigt vielmehr einen fundamentalen Bruch mit der Zeitordnung der Moderne an.
Eine Kultur, deren Aufmerksamkeit vollständig unter dem Diktat permanenter Renditenerwartung und algorithmischer Beschleunigung steht, verliert schrittweise die Fähigkeit zur historischen Orientierung – was die politische Dimension der ökologischen Zerstörung begründet. Eine mögliche Antwort auf die oben genannte Frage könnte also sein, dass politische Handlungsmacht mit der Rückgewinnung anderer Erfahrungsformen von Zeit beginnt: Formen, die nicht vollständig von Effizienz, Verwertung und permanenter Reaktion durchdrungen sind.
Eine solche Unterbrechung der herrschenden Zeitordnung erfordert Räume gemeinsamer Dauer, gemeinsamer Aufmerksamkeit und gemeinsamer Erfahrung. Traditionell zählten dazu Philosophie, ästhetische Praxis und kollektive Formen des Innehaltens.16 Die spätmoderne Kultur der Gegenwart tendiert allerdings dazu, auch diese Praktiken in Prozesse permanenter Verwertung zu integrieren. Was sich dieser Logik widersetzt, gerät unter materiellen Druck und wird als unproduktive Leerstelle abgewertet.17 Doch wo solche Räume verschwinden, kommt die Gabe abhanden, Welt noch jenseits unmittelbarer Gegenwart wahrzunehmen.
Ökologische Unumkehrbarkeit markiert deshalb nicht nur die Grenze eines Wirtschaftsmodells. Sie markiert möglicherweise die Grenze einer Zivilisationsform, die die Zukunft fast ausschließlich als Fortschritt, Expansion und technische Beherrschbarkeit organisieren konnte. Was auf dem Spiel steht, ist daher nicht allein die Stabilität unserer Lebensgrundlagen. Auf dem Spiel steht die Fähigkeit, Welt überhaupt als etwas Gemeinsames zu erfahren, das länger existiert als die Gegenwart ihrer Verwertung.
Iris ter Schiphorst, Komponistin, Musikerin und Autorin, ist seit 2013 Mitglied der Akademie der Künste, Sektion Musik, und seit 2021 deren Stellvertretende Direktorin.
Anmerkungen
- Das dem Kapitalismus und seiner Krisenlogik inhärente lineare Zeitmodell begreift Zeit als unendliche, messbare und unumkehrbare Linie, die primär auf Fortschritt, Effizienz und Verwertung ausgerichtet ist, wobei Krisen als notwendige Anpassungsprozesse für neue Wachstumsphasen begriffen werden. Wissenschaft und Technik werden instrumentalisiert, um den Wachstumsmotor rein technokratisch zu optimieren und Krisen räumlich zu verschieben, anstatt deren strukturelle Ursachen kritisch zu hinterfragen. Vgl. dazu Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft (Soziologische Texte, Bd. 40), Neuwied und Berlin 1967; Jürgen Habermas, Technik und Wissenschaft als „Ideologie“, Frankfurt am Main 1968. In der aktuellen Phase des Grünen Kapitalismus wird diese technokratische Steuerung auf die ökologische Krise selbst angewandt – anstatt das lineare Zeitregime des permanenten Wachstums strukturell zu verändern, zielt diese Strategie darauf ab, die ökologischen Herausforderungen durch neue Technologien (z. B. Dekarbonisierung, Geoengineering) und die Ökonomisierung von Ökosystemdienstleistungen (wie den CO₂-Zertifikatehandel) marktkonform zu regulieren. Die Naturwissenschaften werden eingesetzt, um ökologische Kipppunkte administrativ zu verwalten und die Funktionsfähigkeit des bestehenden Wirtschaftssystems unter Kriterien der ökologischen Nachhaltigkeit zeitlich zu stabilisieren; vgl. Stephan Kaufmann und Tadzio Müller, Grüner Kapitalismus. Krise, Klimawandel und kein Ende des Wachstums, Berlin 2009; Philipp Degens und Sighard Neckel (Hg.), Das Scheitern des grünen Kapitalismus. Analysen, Aussichten, Alternativen, Frankfurt am Main und New York 2024, S. 7–28.
- Da die ökologische Zerstörung planetare Grenzen unumkehrbar überschreitet, lässt sie sich nicht mehr als temporäre Phase vor dem nächsten linearen Wachstumsschub begreifen. Das System gerät in eine technokratische Gegenwartsschleife: Weil das progressive Fortschrittsversprechen der Zukunft kollabiert, verengt sich das politische und ökonomische Handeln auf ein permanentes, administratives Krisenmanagement im Hier und Jetzt. Diese zeitliche Blockade fixiert den Kapitalismus in einer Endlosschleife reiner Schadensbegrenzung und Selbsterhaltung, die eine echte Transformation verhindert. Vgl. dazu Philipp Staab, Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus, Berlin 2025, S. 45–75.
- Ökologische Irreversibilität meint unumkehrbare Schäden an Arten, Ökosystemen und biophysikalischen Kreisläufen nach Überschreiten kritischer Schwellenwerte.
- Im Zuge dieser algorithmischen Taktung vollzieht sich eine fundamentale Transformation der kapitalistischen Ökonomie: Das klassische Marktprinzip, nach dem Gewinne durch produktive Konkurrenz und die qualitative Verbesserung von Waren erzielt werden, weicht einem verschärften Renditediktat der reinen Extraktion. Im digitalen Plattformkapitalismus wird die Marktlogik zunehmend aufgehoben und durch eine Ökonomie der Zugangskontrolle ersetzt. Nicht derjenige akkumuliert Kapital, der das bessere Produkt herstellt, sondern derjenige, der die digitale und informationelle Infrastruktur beherrscht, die den Zugang zur Welt vermittelt. Diese Verschiebung von der Produktion zur technologischen Einhegung bildet die ökonomische Matrix für jene neofeudalen Tendenzen, die sich angesichts der Erdsystemkrise radikalisieren.
- Vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt am Main 2005, S. 113–158 und S. 339–351.
- Vgl. Nick Srnicek, Plattform-Kapitalismus, Hamburg 2018.
- Für den Neoliberalismus existiert die Natur nicht mehr in ihrer materiellen, lebendigen Eigenzeit, sondern wird aufgelöst in reine Datenströme, Risikokennzahlen und handelbare Zertifikate. Durch diese totale Informatisierung der Biosphäre wird ihr unumkehrbarer Verlust – beispielsweise infolge von Bodenerosion oder Artensterben – in reversible mathematische Äquivalente übersetzt. Die ökologische Krise markiert demnach keinen unüberwindbaren Kontrollverlust, sondern einen Innovationskatalysator, der das klassische Krisendenken auf die Natur anwendet und diese über den Preismechanismus als Datenpunkt in neue Verwertungszyklen einspeist. Vgl. dazu William D. Nordhaus, Managing the Global Commons: The Economics of Climate Change, Cambridge, MA 1994, S. 22–42 und S. 81–98.
- Vgl. Jean Baudrillard, Simulacra and Simulation, Ann Arbour 1994.
- Die ästhetische Neutralisierung der Krise bleibt ein Privileg relativ geschützter Konsumgesellschaften; in vielen Regionen des Globalen Südens erscheint die Krise längst als unmittelbare materielle Realität.
- Vgl. Bernard Stiegler, De la misère symbolique. Tome 1: L'époque hyperindustrielle, Paris 2004. Stiegler beschreibt die technologische Konditionierung als eine „Grammatisierung“ des Bewusstseins: Wer sich im digitalen Raum bewegt, dessen Denken und Wahrnehmung werden in die logischen Schablonen der Algorithmen gepresst. Die zeitliche Taktung blockiert die Fähigkeit zur langfristigen Imagination und fixiert das Bewusstsein in einer permanenten Aktualisierung.
- Vgl. Marita Tatari, Kunstwerk als Handlung – Transformationen von Ausstellung und Teilnahme, Paderborn 2017. Tatari begreift digitale Immersion als einen Zustand, in dem die konstitutive Lücke zwischen Subjekt und Umwelt – die Distanz, die kritische Reflexion und geschichtliches Bewusstsein überhaupt erst ermöglicht –, so gut wie verschwunden ist. Im Zustand der Immersion wird das Bewusstsein untrennbar mit den prozessualen, algorithmischen Abläufen verschmolzen. Zeit wird dadurch nicht mehr als Verlauf (mit Vergangenheit und Zukunft) erfahren, sondern als eine lückenlose, sich immerzu selbst aktualisierende Gegenwart, die reflexive Unterbrechungen nahezu unmöglich macht.
- Vgl. Peter Trawny, Technik. Kapital. Medium, Berlin 2015, S. 24–58. Trawny knüpft hierbei an Martin Heideggers Begriff des „Bestands“ aus dessen Technikphilosophie (Die Frage nach der Technik, 1953) an.
- Diese funktionale Reduktion korrespondiert mit jener totalen digitalen Immersion, die das Bewusstsein lückenlos in prozessuale Netzwerke einbettet und jeden geschichtlichen oder reflexiven Stillstand blockiert. Vgl. Tatari 2017, wie Anm. 10.
- Zur „versicherbaren Welt“ als Zeitmodell der Moderne vgl. Bruno Latour, Das terrestrische Manifest, Berlin 2018.
- Diese Entwicklung wird als Neu- und Technofeudalismus beschrieben. Statt durch klassischen Wettbewerb wird Profit heute über Monopole gesichert: Während Tech-Konzerne die digitalen Plattformen kontrollieren, monopolisieren globale Eliten die wichtigsten Zukunftstechnologien und kapseln sich in einer „Grünen Festung“ – einem exklusiven Schutzraum gegen Klimakrisen – ein. Für die globalen Peripherien bedeutet dies eine strukturelle Enteignung: Sie werden zur bloßen Rohstoffquelle für die Kernräume und verlieren den Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen. Vgl. Sighard Neckel, Refeudalisierung. Systemische Krisenmerkmale des Gegenwartskapitalismus, in: Berliner Journal für Soziologie, 32 (2022), H. 2, S. 203–225; ders., Zerstörerischer Reichtum. Wie extreme Ungleichheit die Gesellschaft spaltet, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2022, H. 12, S. 65–74; Douglas Rushkoff, Survival of the Richest. Escape Fantasies of the Tech Billionaires, New York 2022.
- Vgl. dazu exemplarisch Tadzio Müller, Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps. Wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben, Wien 2024. Müller plädiert angesichts des fortschreitenden Klimawandels für die Errichtung dezidiert kommunaler, vom Marktregime entkoppelter Zonen („Kollaps-Camps“), um Räume für emanzipatorische Nachbarschaftsnetzwerke jenseits kapitalistischer Verwertungszwänge bereitzustellen.
- Zur datenbasierten Verwertungslogik im Kulturbereich vgl. die Debatten um Modelle von Streaming-Ökonomie und GEMA-Verteilungsschlüssel.