Monika Rinck – Gedichte

Schlaflied

Es gibt Nachrichten über Sachen außerhalb deiner Verfügung, / Müder. Du lässt das Steuerrad los, denn es geht jetzt schon bald / bald, bald ganz von allein, du wirst dein eigener Beifahrer sein! / Klingt jetzt eher beunruhigend, weil du ja gar keinen hast. Stimmt. / Doch die Entwicklungsdynamik ist ungebrochen hoch und nur so / ein paar kalifornische Penner sind offenbar kurz vor ihrem Tod / noch mit der Entwicklung irgendwie kollidiert, optisch, akustisch, / taktil, du musst nichts mehr tun, schau dich um, die Koje ist oben, / die Streifen vergleiten, nur halt eben wahrnehmungsbereit bleiben, / hallo, das meint jetzt dich, einschließlich Längs- und Querführungen, / damit du deiner Pflicht nach Absatz 2 jederzeit nachkommen kannst, / selbst wenn du dich abgewendet hast vom Geschehen, wehe dir, / und das System, falls nötig, übersteuern oder deaktivieren kannst, / als würdest du zuhause sitzen, auf Basis der Standard-Sensoren, / oder wenn die hoch- oder vollautomatisierten Funktionen nicht ganz / oder gar nicht vorliegen, eingreifst, als Insasse im Fahrzeuginnenraum / der Vektoren, je tiefer man schürft, umso weiter dringt man hinein. / Wenn der Sensor am Ausfädelungsstreifen die Schilder, die Spuren, / das Spreu umverteilt, die Sprache leer wieder hervorwürgt und spricht, / und die Leute, sie merken es nicht. Das bricht dir wirklich das Herz. / Ach, was werde ich müde, Müder. Was für eine Härte breitet sich aus. / Die Dinge verschwinden indes, sie haben sich mit dem Nichts vermählt, / Entleerung und Vernichtung des Raums durch: Ich weiß es ja kaum, / sag du: Wohin mit dem Transport all der Müdherzigen, wenn sie jetzt / ganz alleine fahren, als einsamste Fracht? Ramses ist jetzt übrigens / im Odysseum, das ist sein letzter Stopp in Europa. Schlaf jetzt ein. / Die Amöben transportieren neue Gefahren, Krankheiten, Automaten. / Müder, geh in den Sleep Modus, starre die Sachen jetzt nicht mehr an, / schlaf ein, denn es fährt auf den Bahnen der Libido nicht der Geliebte, / der Todestrieb fährt heran, und du wirst dein eigener Beifahrer sein.

Aus: Monika Rinck, Höllenfahrt & Entenstaat, Berlin 2024

Merksatz

Wenn es runtergeht wie Butter, 
ist es vermutlich Propaganda. 

Aus: Monika Rinck, ALLE TÜREN, Berlin 2019 

Es blinkt ein gewaltiger Stern über dem Abgrund

Die Sonne ist ein mächtiger Stern. / 

Sonneneruptionen. Hitzekollaps. Ein geomagnetischer Sturm! / Energiereiche, geladene Teilchen bis in die Tiefsee! / Verglühte Raumfähren in irgendwelchen aufgebrühten Stratosphären. / Supernoven und so weiter. Ernteausfall auf der Erde. Krümel. Krümel. / Erosion des Ackerlands. Riesige Sandwolken unweit von Konstanz. /

Doch welcher Stern ist mächtiger noch, viel mächtiger als der Sonnenstern? / Ich helfe euch gern: So mächtig ist jener Stern, an den ich denke, hört her. /

Er löscht die Legacy, er löscht halb Bayern ganz aus, / er löscht die Norm und die Grammatik, er löscht das Recht, / löscht den Verband, den Verbund, plündert die Akademien / und lässt die geplünderten Akademien einfach so liegen, / das Feuilleton ist längst gelöscht, die der, die das, die – / er löscht, löscht, löscht und hört nicht mehr zu löschen auf. /

Am Ende löscht er (aargh!) die Sonne aus sogar, / er löscht alle andern Sterne aus, wirft sie hinab. / Er löscht als mächtigster Stern jeden einzelnen Stern / in seiner Umgebung und wirft ihn wie Hagel auf Bottrop! /

Vielleicht habt ihrs schon erraten oder eine Ahnung habt ihr jetzt wohl doch? / Es ischt DER GENDERSTERN! /

Er hat euch gern. Und hat mit dem Löschen gerade schon / an eurer einen Seite begonnen. Und kommt jetzt zur anderen. /

Dies ist übrigens alles mit Zitronensaft / auf Löschpapier geschrieben und dann tapfer / überbügelt. Zündets einfach an und es ist weg.

Aus: Monika Rinck, Höllenfahrt & Entenstaat, Berlin 2024