#2 Betrifft: Tools?

Liebe Freund*innen der Künste,

Werkzeuge sind niemals neutral. Sie formen unsere Wahrnehmung, unsere Entscheidungen und schließlich das, was wir für möglich halten. Das gilt in der Kunst ebenso wie in Politik, Wissenschaft und Alltag. Die Frage nach Tools ist immer auch eine Machtfrage: Wer definiert, was zählt? Welche Messlatten gelten? Wer profitiert von welchem Format? Wer von „Tools“ spricht, spricht zudem über Bedingungen der Arbeit, über Aufmerksamkeit und darüber, wie Sinn entsteht.

Die Künste nutzen nicht nur Werkzeuge, sie erfinden sie auch. Das Nachdenken über Tools ist eine lebenslange, teils spielerische, teils quälende Suchbewegung nach den richtigen Mitteln. Deren Erforschung und Fortentwicklung sind ureigener Bestandteil künstlerischer Arbeit. Umgekehrt heißt das: Kunst ist selbst ein Werkzeug, mit dem wir unser Verhältnis zur Welt ohne Vorfestlegung immer wieder neu verhandeln. Und genau darin – in der Fähigkeit, sich nichtlinear mit innerer wie äußerer Wirklichkeit auseinanderzusetzen, neue Ausdrucksweisen zu finden und ihr Repertoire zu erweitern – erweisen sich die Künste als Mittel, um Offenheit und Veränderungsfähigkeit in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Verhärtungen ist das keine Nebensache, sondern Teil der demokratischen Infrastruktur.

Drei mögliche Tools für die Akademie der Künste

1. ÜBERSETZEN: Die Künste können zwischen Modellen und Welt vermitteln und Komplexität erfahrbar machen. Das heißt: Daten, Diskurse, Konflikte in ästhetische Erfahrungen überführen, die Urteilsvermögen stärken. Übersetzen heißt auch: Nichtwissen auszuhalten, Ambiguität sichtbar zu machen und die eigene Position zu verantworten. Ziel ist Orientierung – nicht durch Vereinfachung, sondern durch präzise Lesbarkeit.

2. KONZENTRIEREN: Aufmerksamkeit ist die knappste Ressource. Gefragt sind Zeit statt Tempo sowie Räume für Probe und Wiederholung, für Genauigkeit und Nachdenklichkeit. Gerade weil die Mittel knapper werden, brauchen wir experimentelle Settings und offene Formate, die ein reales „Potenzial des Scheiterns“, wie Stefan Kraus es formuliert, in sich tragen. Dieses Risiko ist kein Mangel, sondern ein produktives Werkzeug. Nur dort, wo Scheitern möglich ist, entsteht Tiefe – und mit ihr Neues.

3. INSTITUTIONALISIEREN: Kulturinstitutionen sind Orte der Differenz und deshalb stets Angriffsziele populistischer Bewegungen, die für einfache Antworten stehen. Als Einrichtungen, die Offenheit und Kritikfähigkeit organisieren, gehören sie zu den Sorgestrukturen der Demokratie. Damit sie wirken, brauchen sie eine verlässliche Finanzierung und inhaltliche Unabhängigkeit. So gesichert können sie ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nachkommen: Konflikte auszutragen, Widerspruch auszuhalten und Öffentlichkeit einzuüben.

Erinnerung als „Zukunfts-Tool“

In ihrem Essay „Kunst als Zukunfts-Tool?“ erinnert Angela Lammert daran, dass Werkzeuge „Skills“ voraussetzen – und diese wiederum Notation. Notation, verstanden als offenes, schichtendes Verfahren, hält das Wie der Praxis offen, macht Differenzen lesbar, ohne sie zu glätten, und verbindet das Denken mit dem Machen. Was als Rahmen gilt, welche Systeme greifen und wie wir sie anwenden, hängt davon ab, welche Gedächtnissysteme wir aktivieren und wie wir notieren. 

Hier liegt die besondere Stärke der Akademie der Künste: Ihr einmaliges Archiv ist ein aktives Gedächtnis, in dem Zeichen- und Abbildungssysteme, Partituren und Skizzen, Modelle und Manuskripte ineinandergreifen. Aus diesem Fundus entstehen Regeln und Ausnahmen, also Tools, die unsere Arbeit heute orientieren. Das Archiv legt Zusammenhänge offen und ist eine wesentliche Voraussetzung für das Arbeiten in den Künsten wie auch für die Meta-Arbeit ihrer Situierung und Vermittlung.

Das Thema Tools reicht jedoch über die Künste hinaus. Im Alltag nutzen wir vielfältige technische Kommunikationsmittel. KI und ihre Folgen werden überall diskutiert, ihre Möglichkeiten und Gefahren beschworen. Die entscheidende Frage lautet: Wann nutzen wir die Mittel – und wann beginnen sie, uns zu benutzen?

Aufbau

Dieser zweite Akademie-Brief besteht erneut aus einem Essay, einem Gespräch und einem künstlerischen Beitrag. Er enthält zudem das Programm der Akademie der Künste für Januar und Februar 2026 sowie ein von Rainer Esser im Namen der Gesellschaft der Freunde der Akademie der Künste verfasstes Postskriptum. Damit schließt der redaktionelle Teil mit dem vielleicht wichtigsten und altmodischsten Tool: der Freundschaft als Praxis gegenseitiger Verpflichtung. Ohne sie keine riskanten Projekte, kein langer Atem, keine Koalitionen über Gräben hinweg. 

In diesem Sinne: Bleiben Sie der Akademie der Künste freundschaftlich verbunden. 

 

Herzlichst,
Manos Tsangaris
Präsident der Akademie der Künste

Anh-Linh Ngo
Vizepräsident der Akademie der Künste