#5 Betrifft: Klima?

Liebe Freund*innen der Künste,

die Klimakrise ist längst keine Zukunftsfrage mehr. Sie bestimmt unsere Lebenswirklichkeit. Und doch wird der Diskurs darüber gesellschaftlich an den Rand gedrängt. Während Hitzerekorde, Dürren, Überschwemmungen und Brände zur neuen Normalität werden, verändert sich zugleich das kulturelle Klima. Die öffentliche Debatte verhärtet sich, politische Prioritäten verschieben sich, autoritäre und nationalistische Bewegungen gewinnen an Einfluss. Nicht selten gehen damit politische Agenden einher, die den menschengemachten Klimawandel relativieren oder leugnen. In diesem gesellschaftlichen Klima verliert gesichertes Wissen an Durchschlagskraft.

Noch nie wussten wir so viel über das Klima. Dennoch bleibt die politische und gesellschaftliche Wirkung dieses Wissens begrenzt. Die Forderung der Klimabewegung, „Listen to the science!“, verweist auf einen blinden Fleck der Debatte: die Vorstellung, wissenschaftliche Evidenz lasse sich unmittelbar in politisches Handeln übertragen. Wissenschaftliche Erkenntnis kann politische Entscheidungen beeinflussen, aber gesellschaftliche Aushandlungen nicht ersetzen. Die Klimakrise betrifft deshalb nicht nur Energiepolitik oder technologische Transformation, sondern ebenso Wahrnehmung, Vermittlung und gesellschaftliche Vorstellungskraft.

Mit „Klima?“ benennen wir diese doppelte Struktur. Worin besteht der Zusammenhang zwischen dem physikalischen System unseres Planeten und der gesellschaftlichen Stimmung? Beide Ebenen sind eigenen Logiken unterworfen und lassen sich dennoch nicht voneinander trennen. Denn ob wissenschaftliche Erkenntnisse gesellschaftliche Folgen haben, hängt auch davon ab, in welches kulturelle und politische Klima sie eingebettet sind. Die Geschichte zeigt, dass Wissen selten aus sich selbst heraus handlungswirksam wird, sondern seine Wirkung innerhalb kultureller, politischer und affektiver Konstellationen entfaltet.

Die Künste bewegen sich seit Langem in diesem Spannungsfeld. Sie reagieren auf ökologische Zerstörung ebenso wie auf ihre gesellschaftliche Verdrängung und fragen danach, wie sich etwas erfahrbar machen lässt, das sich unmittelbarer Wahrnehmung entzieht. Denn Klima erscheint nicht wie Wetter als direktes Ereignis, sondern als abstraktes Gefüge aus Zeiträumen, Daten und schleichenden Veränderungen, als eine longue durée. Wie lassen sich planetarische Maßstäbe imaginieren?

Wissenschaftliche Modelle erzeugen Erkenntnis, aber nicht automatisch Erfahrung. Daraus ergibt sich eine mögliche Bedeutung von Kunst: andere Formen von Aufmerksamkeit und Imagination offenzuhalten. Sie besteht nicht darin, wissenschaftliche Fakten zu illustrieren, sondern das Bild zu verändern, das sich eine Gesellschaft von sich selbst und ihrer Zukunft macht.

Gerade dieser Anspruch gerät heute unter Druck. Der ökologische Diskurs bewegt sich zwischen moralischer Überforderung und politischer Ermüdung. Klimafragen konkurrieren mit Kriegen, ökonomischen Krisen und identitätspolitischen Konflikten um Aufmerksamkeit. In diesem aufgeheizten kulturellen Klima stellt sich die Frage neu, welche Rolle Kunst und Kultur spielen können. Reicht es, Bewusstsein zu schaffen? Oder müssen künstlerische Praktiken neue Formen von Wahrnehmung, Erfahrung und gesellschaftlicher Praxis eröffnen?

Hier setzt das Gespräch mit Christoph F. E. Holzhey an. Ausgehend von seiner Arbeit zu Unsicherheit, Ambivalenz und Wahrnehmung diskutieren wir, warum wissenschaftliche Erkenntnis politische Entscheidungen informieren, aber nicht an ihre Stelle treten kann. Holzhey widerspricht technokratischen Lösungen ebenso wie rechter Wissenschaftsleugnung und fragt nach den Spielräumen, die unter Bedingungen irreversibler Veränderungen bleiben. Im Zentrum stehen das Spannungsverhältnis zwischen planetarischen Maßstäben und individueller Erfahrung und die Frage, welche ästhetischen Formen diese Distanz erfahrbar machen können.

Iris ter Schiphorst hingegen rückt die ökologische Krise als Krise der Zeitordnung in den Blick. Zwischen algorithmischer Beschleunigung, permanenter Aktualisierung und dem Verlust gemeinsamer Zukunftsvorstellungen gerät die Idee eines kollektiven Zeithorizonts unter Druck. Privilegierte Akteure ziehen sich in exklusive Formen der Absicherung zurück, während Gegenwart in parallele Wirklichkeiten zerfällt. Gerade deshalb gewinnen Kunst und ästhetische Praxis eine neue gesellschaftliche Relevanz: als mögliche Unterbrechungen eines Gegenwartsregimes, das historische Erfahrung in permanente Aktualisierung und Zirkulation auflöst.

Die künstlerischen Arbeiten von Petja Ivanova führen diese Fragen schließlich auf die Beziehung zwischen Körper, Technologie und Umwelt zurück. Ihre Arbeit Procession into the Eco-Liminal ist eine Art dokumentarischer Recherche, die digitale Ökologie mit spekulativen Bildräumen verbindet: Landschaften sprechen, Körper verschmelzen mit Wetterphänomenen und ökologische Prozesse erscheinen nicht als äußere Natur, sondern als etwas, das uns durchdringt und formt.

Die ökologische Krise verläuft nicht getrennt von unseren gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen. Sie verändert Wahrnehmung, Sprache, politische Prioritäten und Formen des Zusammenlebens. Ob wissenschaftliche Erkenntnisse gesellschaftliche Folgen haben, entscheidet sich daher auch daran, ob sie erfahrbar werden und neue Möglichkeiten gesellschaftlichen Handelns vorstellbar machen.

 

Manos Tsangaris
Präsident der Akademie der Künste

Anh-Linh Ngo
Vizepräsident der Akademie der Künste