Die Gebrüder Skladanowsky
Ein Abend mit Wim Wenders u. a. zum 130-jährigen Jubiläum des Kinos

Datum und Uhrzeit:5.1.2026, 16 UhrFilm, Fotografie, Medienkunst

Zum Ausklang des Jubiläumsjahres wurden die Leistungen der Filmpioniere Skladanowsky mit einem besonderen Kinoabend am Hanseatenweg gefeiert. Lesen Sie hier die Begrüßungsrede von Anh-Linh Ngo, Vizepräsident der Akademie der Künste, im Wortlaut.

Zum 130-jährigen Jubiläum des Kinos <em>Die Gebrüder Skladanowsky</em>, 19.12.2025, Akademie der Künste, Hanseatenweg
Zum 130-jährigen Jubiläum des Kinos Die Gebrüder Skladanowsky, 19.12.2025, Akademie der Künste, Hanseatenweg
© Donata Wenders

Vor 130 Jahren, am 1. November 1895, zeigten Max und Emil Skladanowsky im Berliner Varieté Wintergarten erstmals ein Filmprogramm: neun kurze Sequenzen, die wir gleich in einer restaurierten Fassung sehen werden.

Etwa acht Wochen später folgte in Paris die erste öffentliche Filmvorführung der Lumière-Brüder. Dabei soll eine Sequenz mit einem auf das Publikum zufahrenden Zug die Menschen so erschüttert haben, dass sie vor Schreck aufsprangen. Dass diese Anekdote filmhistorisch fragwürdig ist, ist sekundär. Als „Gründungsmythos eines neuen Mediums“ (Martin Loiperdinger) verweist sie nämlich auf etwas Entscheidendes: auf die affektive Wirkung und immersive Kraft des Kinos, die eine kollektive Imagination erzeugt – einen gemeinsam erlebten Zeitraum.

Im dunklen Kinosaal synchronisiert sich Wahrnehmung und gewinnt eine soziale Dimension. Genau diese Erfahrung ist heute fragil geworden.

Dieser Strukturwandel der Wahrnehmung verdichtet sich in einer habituellen Veränderung: Die Moderne, so der Autor Niklas Maak, war davon geprägt, dass wir gemeinsam nach vorne blickten. In den beiden paradigmatischen Orten der Moderne – im Kino wie im Auto – schauen wir in eine Richtung: auf eine gemeinsame Erzählung, auf ein gemeinsames Ziel. Heute blicken wir allein auf unsere Bildschirme – in den intimsten Momenten und an den öffentlichsten Orten.

Das Kino ist heute, 130 Jahre nach seiner Erfindung, nicht deshalb gefährdet, weil es technisch überholt wäre, sondern weil der Raum gemeinsamer Erfahrung unter Druck geraten ist.

Inmitten dieser Zersplitterung der Wahrnehmung widersetzt sich das Kino der digitalen Logik der sofortigen Verfügbarkeit und permanenten Ablenkung, des Durchscrollens und Wegwischens. Es verlangt Präsenz: körperliche Anwesenheit und die Bereitschaft, sich dem Fluss der Zeit auszusetzen.

Lässt sich vor diesem Hintergrund des digitalen Strukturwandels der Öffentlichkeit die Krise des Kinos noch aufhalten? Oder müssen wir eingestehen: „Dieses wird jenes töten.“?

Dieser düstere Satz findet sich im fünften Buch von Victor Hugos Der Glöckner von Notre-Dame. In einer medientheoretisch bemerkenswerten Szene zeigt der Erzdiakon Claude Frollo mit der einen Hand auf ein gedrucktes Buch, mit der anderen durch das Fenster seiner Zelle auf die Kathedrale und ruft aus: „Wehe! Dieses wird jenes töten.“[1]

Buch gegen Bauwerk. Papier gegen Stein.

Victor Hugo legt hier seiner Figur eine macht- und medientheoretische Einsicht in den Mund: Die Erfindung des Buchdrucks im Übergang zur Neuzeit erodiert nicht nur die Bindungskraft religiöser und weltlicher Autoritäten, sondern auch die narrative Kraft der Architektur. Das Buch löst die Architektur als zentrales Medium des Wissens ab. Was zuvor in Stein eingeschrieben war – Weltdeutung, Ordnung, Erinnerung – wird künftig auf Papier verhandelt.

Hugo reflektiert hier eine Erkenntnis, die bis heute gilt: Jeder Medienwandel verändert nicht nur Ausdrucksformen, sondern auch Denkweisen.

Anderthalb Jahrhunderte später taucht diese Erkenntnis in der Popkultur wieder auf. 1979 markieren The Buggles mit ihrem Song Video Killed the Radio Star den Beginn einer bis heute wirksamen medialen Verschiebung, in der nicht nur Bild gegen Wort antritt, sondern bereits der Konflikt zwischen maschineller Intelligenz und menschlicher Kreativität angelegt ist. In der Eingangsstrophe heißt es:

„They took the credit for your second symphony
Rewritten by machine and new technology.“

Diese Sorge ist uns im aktuellen Diskurs über KI sehr vertraut. Sie begleitet jeden tiefgreifenden Medienwandel.

Um nicht kulturpessimistisch zu enden, lässt sich nüchtern feststellen: Das Buch hat die Architektur nicht obsolet gemacht, sondern ihre Funktion verändert. Architektur ist nicht mehr das „große Buch der Menschheit“, wie Hugo formulierte, sondern der Raum des Alltags – des Körpers und der Erfahrung.

Auch der radio star ist nicht verschwunden, sondern lebt in neuen Formaten weiter, in Streaming und Podcasts.

In diesem Sinne lässt sich auch das Verhältnis von Kino und Internet jenseits kulturpessimistischer Deutungen denken: Das Internet verschiebt und schärft die Funktion des Kinos. In einer Gegenwart, in der Öffentlichkeit fragmentiert und algorithmisch organisiert wird, bleibt das Kino einer der wenigen Orte, an denen Erfahrung nicht vereinzelt, sondern erzählerisch gebündelt und gemeinsam erlebt wird. Diese Erfahrung ist nicht ersetzbar. Deshalb muss sie als öffentliche Ressource gesellschaftlich geschützt werden. Sie braucht Orte, Programme, kuratorische Verantwortung und langfristige Sicherung.

Und genau hier beginnt die kulturpolitische Verantwortung.

Kulturpolitik besteht nicht darin, Marktlogiken zu verlängern oder Deals mit der Filmindustrie abzuschließen. Ihre politische Aufgabe ist es, Entwicklung und Risiko zu ermöglichen, damit ästhetische und gesellschaftliche Relevanz entstehen kann, wo der Markt allein versagt.

Vor allem muss sie Kinos als Teil einer demokratischen Öffentlichkeit begreifen: als Orte, an denen Filme gemeinsam gesehen, diskutiert und erinnert werden.

Zu dieser Infrastruktur zählen kommunale Kinos und Programmkinos ebenso wie Archive – auch das Archiv der Akademie der Künste, das derzeit politisch unter Druck steht –, Filmmuseen und Ausbildungsorte. Sie pflegen das filmische Erbe und ermöglichen neue Formen des Erzählens.

130 Jahre nach seiner Erfindung ist das Kino als Kunstform nicht am Ende. Als zeitbasiertes und narratives Medium macht es individuelle Erfahrungen erzählbar und gemeinsam erlebbar. Es erzeugt nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Anteilnahme, jene affektive Kraft, von der der Gründungsmythos des Kinos berichtet. Ohne diese Form von Empathie und Einfühlung ist ein demokratischer Diskurs kaum denkbar.

In dieser gemeinschaftsstiftenden Kraft des Erzählens liegt die Zukunft des Kinos.

Vielen Dank.

 

[1] Victor Hugo: Notre-Dame de Paris (1831), Buch V, Kapitel 2: „Ceci tuera cela“ („Dieses wird jenes töten“)

Veranstaltung:
Die Gebrüder Skladanowsky – Ein Abend mit Wim Wenders u. a. zum 130-jährigen Jubiläum des Kinos
Filmvorführung mit musikalischer Live-Begleitung und anschließendem Gespräch
Freitag, 19.12.2025, Hanseatenweg 10, Studio, 19 Uhr

Alle Dokumente sind urheberrechtlich geschützt. Der Nachdruck von Texten und das Kopieren aller anderen Dateien sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch die Akademie der Künste bzw. durch die Autoren selbst gestattet.