Time to Listen
Artenübergreifende Kreativität in Musik und Klang
26.–27.6.2026
Im Kontext des Musik-Parcours spreeklänge werden in der Konferenz in Präsentationen und offenen Gesprächsformaten verschiedene Ansätze und Praktiken mehr-als-menschlicher Kreativität vorgestellt und diskutiert.

Über die Veranstaltung
Standort: Hanseatenweg - AufzugRollstuhlgerechtGenderneutrale Toilette
- Datum:
26.–27.6.2026 - Uhrzeit:
13–18 Uhr - Kooperation(en):
field notes / inm ,Forschungsprojekt „Multispecies Creativity and Climate Communication” der Universität Sydney - Sprachen: Englisch
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Teilnahme kostenfrei
Anmeldung erforderlichIm Kontext des Musik-Parcours spreeklänge der Akademie der Künste, 25.–27.6.
Inmitten der planetaren Krise entstehen weltweit Gemeinschaften, die sich der Pflege und gemeinsamen Gestaltung relationaler Lebensweisen widmen, in denen Gegenseitigkeit, Fürsorge und Respekt im Vordergrund stehen. Sie greifen dabei auf langjährige indigene Praktiken zurück und experimentieren zugleich mit multispeziesbezogener Gerechtigkeit sowie mit Formen von mehr-als-menschlicher Governance.
„Time to Listen“ geht der Frage nach, welche Rolle Klang in diesem Wandel spielen kann. Die Konferenz lädt dazu ein, die Idee des Zuhörens und des Musizierens auf mehr-als-menschliche Akteur*innen auszuweiten: Tiere, Pflanzen, Flüsse, Ökosysteme und Technologien werden als klangliche Partner verstanden. In Vorträgen, Diskussionen und Performances erkunden wir Wege, das Hören und Musizieren vom Anthropozentrismus zu lösen und in eine ökologisch und klanglich vernetzte Welt zu überführen. Auf dem Spiel steht dabei nicht weniger als die Kreativität selbst: Wenn Beziehung – und nicht das autonome Individuum – zum Ort kreativen Handelns wird, welche neuen Formen geteilter Handlungsmacht, von Gegenseitigkeit und gemeinsamer Hervorbringung werden dann möglich? Und methodisch gefragt: Wie können künstlerische Praktiken, Zuhören und Aufmerken, Rituale, Emotionen, Geschichten, Humor und eine „produktive Eigenart“ jene Irritationen erzeugen, die transformative Öffnungen erlauben?
Das Programm setzt sich zusammen aus Präsentationen von Künstler*innen des Projektes spreeklänge, offenen Gesprächsformaten sowie Sessions, die im Rahmen eines Open Calls ausgewählt wurden.
Mit Camilla Bork & Mathias Hinke, Carlos Gutiérrez & Tatiana López, Echo Ho, Masimba Hwati, Liza Lim, Dugal McKinnon, Kate Milligan, Kosmas Phan Ðinh & Michal Mitro, Radio Otherwise, Nardi Simpson, Kristine Tjøgersen, u. a.
„Time to Listen“ ist eine Konferenzreihe, die die Akademie der Künste und field notes / inm seit 2019 zu aktuellen Diskursen der zeitgenössischen Musik gemeinsam veranstalten. Die diesjährige Ausgabe ist Teil des Projektes spreeklänge der Akademie der Künste, einem Parcours zeitgenössischer Musik entlang des Flusses Spree in Charlottenburg (25.–27.6.). Sie entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Komponistin und Wissenschaftlerin Liza Lim, die das musikbasierte mehrjährige Forschungsprojekt „Multispecies Creativity and Climate Communication“ (2025–2029) an der Universität Sidney leitet, das vom Australian Research Council unterstützt wird.
Tag 1: Freitag, 26.6.
Programm
13 Uhr, Studiofoyer, Sesselclub
Anmeldung und Kaffee
13.30–14.45 Uhr, Außenbereich hinter dem Clubraum
winangaylaylaya
Interaktiver Workshop mit Nardi Simpson
Die australische First Nation Geschichtenerzählerin, Performerin und Komponistin Nardi Simpson erforscht in einem interaktiven Workshop mittels Geschichten, Sprache und Melodie, was es genau bedeutet, zu hören, zu verstehen, in Beziehung zu treten und zu teilen. Geleitet von winangaylaylaya, einem Konzept der Yuwaalaraay, untersucht Nardi Praktiken des tiefgründigen Denkens, Wissens, Verstehens und Respekts. Der Workshop stellt dabei die Praxis des In-Beziehung-Tretens der Yuwaalaraay vor, die grundsätzlich Menschen, die belebte Welt, alle ihre Bewohner*innen, Ahnen und die Geschichten, die mit ihnen verwoben sind, einbezieht. Teilnehmer*innen des Workshops werden dazu eingeladen, innerhalb der Praxis von winangaylaylaya über ihre Rollen, Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten zu reflektieren.
Nardi Simpson ist eine mehrfach ausgezeichnete Autorin, Komponistin und Forscherin der Yuwaalaraay. Ihre Arbeiten umfassen Literatur, Musik und soziale Praxis. Sie erhielt Werkaufträge von mehreren großen Ensembles und Festivals und hat extensiv zur Musik der Yuwaalaraay, weiblichem Wissen über Wasserwege, Schöpfung und Heilung geforscht. Sie ist Postdoktorandin am von Liza Lim initiierten Projekt „Resonant Earth: Music, Ecology & Climate Justice“ (offiziell: „Multispecies Creativity and Climate Communication“).
14.15–14.30 Uhr, Studiofoyer
Begrüßung und Einführung mit Lisa Benjes, Leiterin des field notes Programms der inm, Julia Gerlach, Sekretär der Sektion Musik der Akademie der Künste, und Liza Lim, Leiterin des mehrjährigen musikalischen Forschungsprojekts „Multispecies Creativity and Climate Communication“, 2025–2029, an der Universität Sydney
Parallele Sessions:
14.30–15.15 Uhr, Studiofoyer
Ambient Tremology: zur Verstärkung vibrierender Ökologien
Sound Lecture mit Kosmas Phan Ðinh, Mae Lubetkin und Michal Mitro
Ambient Tremology ist ein transdisziplinäres künstlerisches Forschungsprojekt von Kosmas Phan Ðinh, Mae Lubetkin und Michal Mitro. Prämisse des Projekts ist die Neuorientierung des Akts des Zuhörens von der klanglichen Ebene hin zur vibrierenden, um damit einen Kontakt zur zitternden Materie der amphibischen Welt zu gewinnen. Durch Aufnahmen von Vibration und haptischen Erfahrungen entfaltet sich die Arbeit in den feuchten und brackigen Habitaten des Donaudelta in Rumänien, wo sie granularen Erinnerungen, sich verändernden Wasserwegen und Formen mehr-als-menschlicher Übertragung nachspürt. Im Dialog mit Forscher*innen aus dem aufstrebenden Feld der Ökotremologie verwendet das Künstler*innenkollektiv selbst erweiterte Aufnahmegeräte für Fieldrecordings, während gleichzeitig körperliche Technologien und Praktiken in den Vordergrund gerückt werden, wie etwa das Hören durch die eigenen Knochen oder das Wahrnehmen mit dem gesamten Körper.
Diese Praktiken eröffnen Kontaktbereiche zur Wahrnehmung anderer Welten. Das Projekt wird als Sound Lecture vorgestellt, bestehend aus einem Audio Paper und der klanglichen Demonstration eines modifizierten Beschleunigungsmessers sowie Reflektionen über vibrierende Ökologien und Hörprotokolle aus der Feldarbeit.
14.30–15.15 Uhr, Clubraum
CHRRR XH’IXI Q’LNK
Praxis des Mit-Hörens mit Carlos Gutiérrez und Tatiana López
Carlos Gutiérrez und Tatiana López präsentieren ihre Arbeit CHRRR XH’IXI Q’LNK als eine Praxis des Mit-Hörens (listening-with), die eine andere ist als die des Zu-Hörens (listening-to). Entlang der Ufer der Spree entwickelt und entfaltet sich das Werk als poröses Ritual, in dem Körper, Lehm, Wind und Wasser gemeinsame instabile Bereiche der Ko-Resonanz finden können. Bezugnehmend auf Epistemologien der Anden wird Klang dabei als etwas Lebendiges betrachtet: eine vibrierende Kraft, die menschliche und mehr-als-menschliche Akteur*innen durchflutet und miteinander verwebt. Die Session zielt auf eine Verlagerung weg von der Komposition mit dem Vorgefundenen und hin zur Einstimmung auf das Vorgefundene. Keramische Objekte atmen, Reibung erzeugt ein Murmeln, Oberflächen zittern; die Teilnehmenden werden zeitweise die Gefäße hybrider klanglicher Anwesenheiten – tierischer, vegetativer oder atmosphärischer Art. Das Hören driftet weg von einem kontrollierten Zustand hin zu einer Situation, in der man hörend der Umgebung ausgesetzt ist, von strukturellem Hören hin zu situativem Wahrnehmen.
Anstatt ein konsistentes Werk zu produzieren, kultiviert diese Praxis vielmehr Bedingungen, unter denen Situationen entstehen können, in denen etwas passiert: ein geteiltes Erfahrungsfeld in dem Möglichkeiten aufflackern, durchsickern und sich permanent modifizieren. In dieser instabilen Ökologie erscheint Kreativität als Verhandlung, Diskrepanz und Resonanz über Spezies, Materialien und Vorstellungen hinweg.
15.15–15.30 Uhr, Sesselclub
Kaffeepause
Parallele Sessions:
15.30–16.15 Uhr, Studiofoyer
33 Fingersätze für Qin
Lecture-Performance mit Echo Ho
Diese Lecture-Performance basiert auf dem Doktorandenprojekt „Reimagining Qin Fingering Pedagogy through Embodied Artistic Research“ an der Kunstuniversität Linz. Die Qin ist ein siebensaitiges chinesisches Instrument mit einer mehr als dreitausendjährigen Geschichte. Die Notation für das Instrument organisiert Fingersätze derart, dass die Hervorbringung von Klang gegenüber einer genauen Angabe von Tonhöhe oder Tempo priorisiert wird. Die 33 Handhaltungsdiagramme aus dem Qin-Handbuch „Taiyin Daquanji“ aus dem 16. Jahrhundert dienen als pädagogisches Regelwerk, welches Bewegung, Hören und Aufmerksamkeit innerhalb einer weiter gefassten kosmischen Ordnung und ökologischen Zusammenhängen koordiniert. Beispielsweise heißt es darin, dass der Wind den Kranich zum Tanzen animiere und die rufende Taube den Regen heraufbeschwöre. Diese Methoden schaffen ein frühes Beispiel für Sprache, die über die Grenzen technischer, semantischer, bildhafter und philosophischer Register hinaus wirksam ist.
In der Lecture-Performance werden diese historischen Diagramme in ein algorithmisches Vokabular für Stimme, klangliches Material, musikalische Gesten und Video übersetzt. Als neue Methode der Inszenierung untersucht die Performance die Bedingungen kritisch, die die Diagramme etablieren. Gleichzeitig soll der dadurch geöffnete kreative Raum für mehr-als-menschliche klangliche Praxis und verkörperte Begegnungen erforscht werden.
15.30–16.15 Uhr, Clubraum
Joining the Chorus
Session mit Dugal McKinnon
Joining the Chorus erforscht die klangliche und körperliche Welt der kihikihi-wawā, der sogenannten Chor-Zikaden (Amphipsalta zelandica). Die Session lädt ihre Teilnehmenden mit einer Mischung aus Zuhören und partizipatorischen Aktivitäten zu einer akustisch-somatischen Begegnung mit diesen ikonischen Insekten und den Klängen ihrer Heimat Aotearoa (Neuseeland) ein. Dabei untersucht sie Körperresonanzen, die Wahrnehmung aus Perspektive verschiedener Spezies sowie kollektive Klanggestaltung. Basierend auf künstlerischer Praxis sowie Wissenssystemen der Māori und westlicher Kulturen erforscht Joining the Chorus intime und asymmetrische Beziehungen zwischen der menschlichen und der mehr-als-menschlichen Welt und hebt Verbindungen und Unterschiede hervor. Aufbauend auf dem Māori-Prinzip des whakapapa, das alles Seiende als miteinander verwobene Verwandtschaft ansieht, wird eine fruchtbare Spannung zum westlichen Multispecies-Denken hergestellt.
Die Entwicklung der Präsentation wurde maßgeblich ermöglicht durch Konsultationen mit Jerome Kavanagh Poutama und Ruiha Turner, beide Meister*innen der traditionellen Māori-Instrumente Taonga Puoro, der Entomologin Julia Kasper, dem Te Papa Museum Neuseeland und dem Technologen Dr. Jim Murphy.
16.15–16.30 Uhr, Sesselclub
Kaffeepause
16.30–17.30 Uhr, Studiofoyer
Musik, Klangkunst und artenübergreifende Gerechtigkeit
Offene Diskussion, moderiert von Liza Lim
Die offene Diskussion im Format eines World Cafés zielt darauf, die Kernfragen der Konferenz miteinander zu verhandeln und Praktiken des Hörens und Musikmachens zu erörtern, die mehr-als-menschliche Akteur*innen mit einbeziehen – sodass etwa Tiere, Pflanzen, Flüsse, Ökosysteme und Technologien gleichberechtigte klangliche Partner*innen werden können. Klang soll damit stärker als unweigerlich eingebettet in ökologisch zusammenhängenden Welten reflektiert werden.
Praktiken von Deep Listening und ökologischer Klangkunst haben eine Schlüsselrolle dabei gespielt, die Vorstellungen von kollektiver und geteilter Kreativität in den westlichen Kunstmusiken neu zu formen. Etablierte Methodologien – von Feldaufnahmen und der Sonifikation ökologischer Daten bis hin zu verschiedenen Formen des partizipatorischen und community-basierten Kunstschaffens – erweitern fortlaufend interdisziplinäre Praktiken im Grenzbereich zwischen politischen, sozialen, wissenschaftlichen und ästhetischen Fragestellungen. Was kann die Perspektive von artenübergreifender Gerechtigkeit, die sich in Richtung des Mehr-als-Menschlichen orientiert, zu diesem Diskurs beitragen? Welche Verantwortlichkeiten, ethischen Fragen, Kritikpunkte, Freude oder Disruptionen können innerhalb zeitgenössischer künstlerischer Praktiken und kollektiver Lebensentwürfe zu transformierenden Kräften werden?
Tag 2: Samstag, 27.6.
13 Uhr, Studiofoyer
Anmeldung und Kaffee
13.30–14.15 Uhr, Studiofoyer
Musik und artenübergreifende Gerechtigkeit: Zuhören, Zustimmung und Kontinuität
Team Keynote von Liza Lim, Kate Milligan, Nardi Simpson und Vic McEwan (abwesend)
Die Keynote untersucht Praktiken des Musizierens und Zuhörens im Hinblick auf artenübergreifende Gerechtigkeit mit besonderem Fokus auf Fragen zu Zustimmung und Kontinuität in mehr-als-menschlichen Beziehungen. Sie fragt – unter Bezugnahme auf Sound Studies, indigene und ökologische Philosophien sowie zeitgenössische künstlerische Praxis –, wie Handlungsfähigkeit, Verletzlichkeit und Teilhabe verhandelt werden (können), wenn Tiere, Pflanzen, Ökosysteme und Technologien als gleichberechtigte klangliche Partner*innen beteiligt sind. Anstatt Verfügbarkeit oder Zugriff vorauszusetzen, soll diskutiert werden, inwieweit Zustimmung als ethisches und methodologisches Problem nicht bei der momentanen Beteiligung endet, sondern sich weit über die Zeit und Beziehungsgeflechte erstreckt. Ausgehend vom Hören als situativer und kontinuierlicher Praxis, erforscht die Keynote inwieweit Musik für verschiedene Spezies als Rahmen für nachhaltige Verantwortlichkeit, Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit funktionieren kann.
Die Präsentation stützt sich maßgeblich auf Ergebnisse der Arbeit „Resonant Earth: Music, Ecology & Climate Justice“ (offiziell: „Multispecies Creativity and Climate Communication“), eines fünfjährigen Forschungsprojekts von Liza Lim, finanziert vom Australian Research Council. Zum 12-köpfigen Team gehören die Referent*innen: die Postdoktorandin, Autorin und Komponistin Nardi Simpson, der Postdoktorand und interdisziplinäre Künstler Vic McEwan sowie die Doktorandin und Komponistin Kate Milligan.
Parallele Sessions:
14.30–15.15 Uhr, Studiofoyer
Komponieren mit der Welt derer, die in der Dunkelheit singen und auf anderen Frequenzen kommunizieren
Kompositionen von Kristine Tjoegersen
Wenn es Nacht wird, erwacht eine neue Welt zum Leben, über die die meisten von uns wenig wissen. Obwohl wir den gleichen physischen Raum mit ihren Bewohner*innen teilen, kreuzen sich unsere Wege selten – nicht zuletzt, weil die Evolution sie mit Sinnen ausgestattet hat, die wir Menschen nicht besitzen. Sinne, die ihnen erlauben, über die Nacht zu herrschen, so wie wir über den Tag. Kristine Tjøgersen stellt ihre Kompositionen Night Lives (2023) und Liminal Beings (2026) vor, für die sie eine Exkursion in die unbekannte Welt der nachtaktiven Kreaturen unternommen hat, um mehr über die Kommunikationswege und -mittel von Fledermäusen, Motten, Eulen, Mikroorganismen und anderen Nachtgeschöpfen zu erfahren.
Die Werke sind als multidisziplinäre Zusammenarbeiten mit der Szenografin und Performerin Ellen Jerstad, der bildenden Künstlerin und Lichtdesignerin Evelina Dembacke und der Biologin und Autorin Hanna Bjørgaas entstanden und laden das Publikum ein, Wunder zu bezeugen, die jenseits unserer menschlichen Augen und Ohren liegen.
14.30–15.15 Uhr, Clubraum
Radio Otherwise: Einstimmung ins akustische Gemeingut: Radio, Wasserwege und kollektives Hören
Im Gegensatz zu Feldaufnahmen lassen sich Radio und Audiostreams nicht ohne weiteres festhalten, da sie sich in Echtzeit entfalten und an die Zeitlichkeit und die materiellen Bedingungen der Orte, von denen sie gesendet werden, gebunden sind. Das Hören solcher Übertragungen hat weniger den Charakter des Sammelns oder Besitzens als vielmehr den von nachhaltiger Aufmerksamkeit. Kollektives Hören ist im Gegensatz zur individualisierten Hörerfahrung der On-Demand-Medien eine der Prämissen des Mediums Radio – auch wenn die Kollektivität dabei dezentralisiert ist. Diese Kollektivität entsteht auch aus dem Verständnis heraus, dass die klangliche Umgebung von menschlichen und mehr-als-menschlichen Akteur*innen geteilt und kollektiv produziert, bevölkert und wahrgenommen wird: diese Ganzheit lässt sich als akustisches Gemeingut bezeichnen. Sofern Kreativität anstatt von individueller Urheberschaft vielmehr aus Beziehungen hervorgeht, dann sind Radioübertragungen – porös, zeitlich begrenzt, unwiederholbar – möglicherweise eine ihrer wahrsten Erscheinungsformen.
Radio Otherwise installiert mehrere Mikrofone, Hydrofone, Antennen und Empfänger auf der schwimmenden Plattform Insola in der Rummelsburger Bucht und überträgt deren Signale live in die Akademie der Künste. Der Konferenzbeitrag wird sowohl Gelegenheit geben, den Übertragungen zuzuhören, als auch über frühere Arbeiten von Radio Otherwise, die ebenfalls aus zeitlich begrenzten Radioübertragungen von spezifischen Infrastrukturen an Wasserwegen bestehen, zu reflektieren – vor allem in Hinblick auf mehr-als-menschliche Handlungsfähigkeit, menschlichen Zugriff und Einfluss auf die vorgefundenen Systeme, Lecks und Störungen. Radio Otherwise ist ein fortlaufendes künstlerisches Forschungsprojekt, das die Pluralität der Erfahrungen im Radiomachen durch ökologisches Bewusstsein erforscht.
15.15–15.30 Uhr, Sesselclub
Kaffeepause
Parallele Sessions:
15.30–16.30 Uhr, Studiofoyer
Ein pflanzliches Ohr: Die Biolegislative der Erde und artenübergreifendes Hören in den Klangphilosophien von Chidzimbahwe
Session mit Masimba Hwati
Die Präsentation stellt die Klangphilosophien von Chidzimbahwe als eine indigene, Earth-ical/ethical terra ancestral Ontologie vor, die sich mit artenübergreifendem Hören, Kreativität und ökologischer Rechtswissenschaft befasst. In der Philosophie wird argumentiert, dass Klang nicht ausschließlich als ästhetische Kategorie, sondern als relationale Kraft agiert, durch die Menschen, Nicht-Menschen, Ahnen und Umwelt gemeinsam ethische Welten erschaffen. Innerhalb dieser Ontologie erscheint die Erde als biolegislative und bioaffektive Präsenz, die zuhört, wahrnimmt, sich erinnert und reagiert. Durch integrierte Praktiken wie das Kultivieren eines „pflanzlichen Ohrs“ (kuisa nzeve pasi), kucherera rukuvhute und die Verehrung von Inkaba sind Menschen von Geburt an in die lebenden Kreisläufe der Erde eingebunden und mit ihnen verflochten.
Ausgehend von Sprichwörtern, rituellen Praktiken und klanglichen Strategien der Befreiungsbewegung wird in der Session Klang als Schwingung, Archiv und ethisches Medium untersucht. Dabei wird die These herausgearbeitet, dass Zuhören auf Gegenseitigkeit beruht, was den Grundstein für eine Ethik der bescheidenen und intimen Bewahrung (kuteerera) legt, in der Menschen als verantwortungsbewusste Teilnehmende innerhalb eines gemeinsamen Ökosystems der Schwingungen agieren.
Siehe dazu: Masimba Hwati: Chidzimbahwe Philosophies of Sound: An Ethics of a Humble and Intimate Custodianship, 2026
15.30–16.30 Uhr, Clubraum
Wie oft ist die Welt bereits untergegangen? Klagelieder zwischen Naturabbildungen, zerstörten Welten und kollektivem Hören
Listening Session mit Camilla Bork und Mathias Hinze
Das Ziel der gesamten Konferenz liegt darin, durch das Dezentralisieren anthropozentrischen Hörens und einer Neusituierung von Klang Antworten auf planetare Krisen zu finden. In europäischen Kunstdiskursen wird von diesen planetarischen ökologischen Krisen oft im Singular gesprochen, etwa vom bevorstehenden Ende der Welt und dem Verlust der unberührten Natur, die beschützt und bewahrt werden muss. Unsere Session beginnt genau hier. Sie stellt Fragen nach den vorherrschenden Vorstellungen von Natur in solchen Narrativen, den politischen Auswirkungen, die sie nach sich ziehen sowie die Perspektivwechsel, die damit einhergehen, anstatt von gefährdeter Natur von zerstörten Welten zu sprechen.
Das Format ist eine angeleitete Listening Session mit kurzen theoretischen Einschüben. Die Teilnehmenden hören mehrere kurze Ausschnitte, immer gefolgt von einer leitenden Fragestellung. Welche Welt wird hier betrauert? Wer trauert? Welche Ordnung wurde zerstört? Welche Verluste werden erinnert, welche bleiben ungehört? Die Arbeiten illustrieren keine vorgefertigten Theorien. Die Methode liegt vielmehr im gemeinsamen Hören selbst. So wird ein Raum geöffnet, in dem ästhetische Form, politische Geschichte und ökologische Fragilität miteinander in Beziehung gesetzt werden können.
16.30–16.45 Uhr, Sesselclub
Kaffeepause
16.45–17.30 Uhr, Studiofoyer
Was nehmen wir mit?
Abschlussdiskussion moderiert von Martina Seeber
In der Abschlussdiskussion wollen wir Ergebnisse der Konferenz zusammentragen und auswerten, sowie Fragen identifizieren, die sich daraus ergeben und in einer zukünftigen Konferenz aufgegriffen werden können. Wir möchten auf die Fragestellungen des Vortages aus dem World Café zurückkommen und das spezifische Handlungsfeld mit Klang bewerten. Können zeitgenössische künstlerische Praktiken und kollektive Lebensentwürfe zu transformierenden Kräften werden und welche Rahmenbedingungen müssen strukturell dafür geschaffen werden?