Bundesdeutsche Fernsehwelten – Das Helmut-Ringelmann-Archiv steht der Öffentlichkeit zur Verfügung
Der Produzent Helmut Ringelmann, dessen Geburtstag sich am 4. September zum 100. Mal jährt, gilt als einer der zentralen Akteure des bundesdeutschen Fernsehens. Mit seinen Filmen und Serien prägte er die Medienlandschaft über einen Zeitraum von nahezu 50 Jahren. Die Akademie der Künste stellt sein im vergangenen Jahr übernommenes Archiv zur öffentlichen Nutzung bereit.

Interessiert an Literatur, begann Ringelmann seine Laufbahn am Theater. Obwohl er kein Schauspieler werden wollte, legte er 1946 zunächst die „Eignungs-Prüfung für die Kunstgattung Schauspiel“ ab. Zu seinen Ausbildern gehörte Schauspielikone Martin Held, der ihn förderte und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. 1947 trat Ringelmann sein erstes Engagement an den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main an. Der Intendant und Regisseur Heinz Hilpert, dem er in den folgenden Jahren nach Konstanz und Göttingen folgte, begleitete und prägte ihn in diesen Bühnen-Lehrjahren.
Früh erkannte Ringelmann, dass Film und Fernsehen ihm größere Entfaltungsmöglichkeiten boten als eine Karriere am Theater. So begann er zunächst als Produktionsassistent, später als Aufnahme- und Produktionsleiter bei Filmen von Helmut Käutner, Harald Braun und Wolfgang Staudte. 1955 schaffte er den Sprung ins internationale Filmgeschäft, als Aufnahmeleiter in der deutsch-französischen Koproduktion Lola Montez in der Regie von Max Ophüls, zwei Jahre später als Produktionsassistent in der US-amerikanischen Produktion Paths of Glory in der Regie von Stanley Kubrick, dessen perfektionistische Arbeitsweise ihm zum professionellen Vorbild wurde. Arbeitskontakte unterhielt er auch zum amerikanischen Produktionsleiter John Pommer, Sohn des legendären Ufa-Produzenten Erich Pommer, der als Jude verfolgt ins Exil geflüchtet war und der ihm im Beruflichen ein Leitbild war.
Anfang der 1960er-Jahre beteiligte sich Ringelmann am Aufbau der Freies Fernsehen GmbH, dem Vorläufer des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). 1963 wurde er Geschäftsführender Produzent der in München ansässigen, international vernetzten Intertel Television GmbH, die den Beginn seiner langjährigen Zusammenarbeit mit dem ZDF markierte, die er ab 1967 mit der eigenen Produktionsfirma Neue Münchner Fernsehproduktion und ab 1973 mit der Telenova Film- und Fernsehproduktion erfolgreich fortsetzte.
Helmut Ringelmanns Filme und Serienformate revolutionierten das bundesdeutsche Fernsehen. Die von ihm initiierten und produzierten kritischen und literarischen Fernsehspiele der 1960er-Jahre fügten den bis dahin zumeist konform theateraffinen Studioeinrichtungen eine erkennbare Ringelmannsche Ästhetik bei. Herausragend für diese Phase seien genannt die Schnitzler-Adaption Professor Bernhardi, 1964 (Regie Peter Beauvais, den Ringelmann mit weiteren zeitkritischen Stoffen und Adaptionen klassischer Dramen betraute); die Umsetzung von Hans Habes zeitgeschichtlichem Roman Die Mission, 1964 (Regie Ludwig Cremer, in tragenden Rollen Martin Held, Marianne Hoppe und Martin Benrath) sowie die Realisierung von Die Nacht von Lissabon nach Erich Maria Remarque, 1971 (Regie Zbynek Brynych, mit Martin Benrath, Vadim Glowna, Hans Schweikart, Charles Regnier und Erika Pluhar). Diese Filme Ringelmanns eröffneten den Zuschauern neue Wirklichkeiten, zeigten sie doch unmittelbare Vergangenheit, jene mörderische deutsche Vergangenheit, die die Mehrheit der bundesrepublikanischen Gesellschaft so gerne vergessen wollte.
Zugleich hatte Ringelmann immer auch das Massenpublikum im Blick. Das Populäre sah er verkörpert vor allem in Kriminalerzählungen, an denen ihn, wie er betonte, die psychologischen Aspekte interessierten. Dem Genre näherte er sich dabei über die Rekonstruktion authentischer Fälle an, etwa in der Serie Das Kriminalmuseum, bevor er mit Der Kommissar (1969-1975, 97 Episoden), Derrick (1974-1997, 281 Episoden) und Der Alte (1977-2011, 356 Episoden) den deutschen TV-Standard „Fernsehkrimi” etablierte. Insbesondere mit seinem Gespür für die Attraktion schauspielerischer Persönlichkeiten – von Marianne Hoppe bis Lilli Palmer, von Siegfried Lowitz bis Bernhard Wicki – vermochte er es, den mitunter konventionellen Geschichten unverwechselbare Charakternoten hinzufügen. Dazu bei trugen auch die inszenatorischen Handschriften von Regiegrößen wie Wolfgang Staudte, Helmut Käutner und Leopold Lindtberg, Eberhard Itzenplitz, Rudolf Jugert und Michael Verhoeven. Ringelmanns Fernsehkrimis erzählen von der damals noch jungen und heute als alt empfundenen Bundesrepublik, überliefern das damals gängige Zeitkolorit ins kulturelle Mediengedächtnis der Republik.
Herausgehoben aus der Masse der Konvention ist Helmut Ringelmanns filmisches Erbe durch den aufklärerischen Kunstwillen eines Produzenten, der handwerkliches Geschick mit Geschäftssinn verband. Vom künstlerischen Erfolg seiner Arbeiten zeugen nicht zuletzt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, darunter die Goldene Kamera, der Bayerische Verdienstorden oder das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, die sich in seinem Archiv ebenso finden, wie zahlreiche Fotos, Redemanuskripte, Denkschriften und inhaltsreiche Briefwechsel mit so illustren Korrespondenzpartnern wie Altpräsident Walter Scheel, Medienmogul Leo Kirch, Erfolgsautorin Patricia Highsmith oder Derrick-Darsteller Horst Tappert. All diese Dokumente sind Belege eines Schaffens, dass – in summa – die deutsche Fernsehlandschaft bis heute überwölbt.
Ansprechpartner: Nicky Rittmeyer (Archiv Film- und Medienkunst)
Von Helmut Ringelmann erstellter Drehplan für Stanley Kubricks Paths of Glory, 1957Akademie der Künste, Berlin
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