Ein Bär für einen Elefanten
Ein Streifzug durch das Peter-Zadek-Archiv zum 100. Geburtstag des Regisseurs

Datum und Uhrzeit:19.5.2026, 14.30 UhrTheater, Schauspiel, TanzFilm, Fotografie, MedienkunstArchiv

Ich bin ein Elefant, Madame gewann bei der Berlinale 1969 für die Regie einen silbernen Bären. Es ist der einzige Berlinale-Bär im gesamten Archiv. Weitere Materialien im Peter-Zadek-Archiv geben Einblicke in den Entstehungskontext des Films.

Preistrophäe Silberner Bär der 19. Internationalen Filmfestspiele 1969
Silberner Bär der 19. Internationalen Filmfestspiele 1969 Berlin für die Regie in Ich bin ein Elefant, Madame
Akademie der Künste © Foto: Helene Herold

Peter Zadeks erster Spielfilm war zugleich sein persönlichster. Ganz nah am Zeitgeist verknüpfte er darin Selbstbefragungen über sein Verhältnis zu Deutschland mit den gesellschaftlichen Spannungen der späten 1960er Jahre.

Eingehüllt in weißes Seidenpapier findet man im Archiv der Akademie der Künste eine Bärenfigur, deren silberne Oberfläche inzwischen oxidiert ist. Es ist einer jener Bären, die die Bildhauerin Reneé Sintins entwarf und die später zur Auszeichnung und zum Symbol der Internationalen Filmfestspiele Berlin wurden – und der einzige Berlinale-Preis im gesamten Archiv. Der Regisseur Peter Zadek erhielt die Auszeichnung 1969 für sein Regiedebüt Ich bin ein Elefant, Madame. Der Spielfilm greift auf den Roman Die Unberatenen zurück, den Zadek bereits 1965 am Bremer Theater dramatisierte, und verknüpft den Stoff mit den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Studentenbewegung. Wie seine Theaterinszenierungen zeichnen sich seine Filme durch eine große formale Bandbreite aus und umfassen sowohl experimentelle und innovative Fernsehformate als auch sozialkritische Spielfilme.

„Little Luther“, „Der Buhmann“, „Rull das Scheusal“ – mehrere Arbeitstitel im Peter-Zadek-Archiv dokumentieren den Prozess bis hin zum endgültigen Namen. Ein Schriftzug auf einem Notizheft, das eine Kurzvita der Hauptfigur Rull enthält, verweist auf die mitschwingende Bedeutung „An elephant never forgets“: Im Mikrokosmos eines Bremer Gymnasiums der späten 1960er Jahre fungiert der Primaner Rull als ein Mahnender, der individualistisch gegen autoritäre Strukturen im Schulsystem protestiert. Die im Roman Die Unberatenen zentrale Auseinandersetzung zwischen Schülern und Lehrkräften mit NS-Vergangenheit in der jungen BRD wird im Film aufgegriffen und zugleich von den 1950er Jahren in die 1960er Jahre übertragen. So zeigt der Film das Fortbestehen der Schulproblematik auf. Der gravierende Unterschied zum Roman besteht darin, dass die Hauptfigur Rull nicht als Held, sondern als Rebell dargestellt wird, der sich jeder Form von Fremdbestimmung – auch im privaten Umfeld – widersetzt. Schließlich wird er selbst zum Urheber der Eskalation, indem er, und nicht eine unbekannte Person, das Hakenkreuz an die Schulwand schmiert, um so die Aufmerksamkeit seiner Umwelt auf seine mahnende Botschaft zu lenken.

Mehrere Aussagen Zadeks lassen eine persönliche Identifikation mit Rull erkennen: „In der Figur im Elefant beschrieb ich eigentlich die Situation des Künstlers, unter Druck sich zu engagieren, seine Tendenz zur Anarchie und, wenn der Druck zu stark wurde, zum Albernen, zur Absurdität.“ Diese Haltung lässt sich als Reaktion auf einen Konflikt mit Akteuren der Außerparlamentarischen Opposition lesen. Sie kritisierten Zadek aufgrund seiner experimentellen Theaterformen scharf. Besonders im Zusammenhang mit der Inszenierung von Edward Bonds Gerettet an der Freien Volksbühne Berlin 1968 kam es zu Anfeindungen gegen Zadek und zu Konfrontationen mit Zuschauer*innen, Schauspieler*innen und dem Regisseur, wie mehrere Dokumente im Archiv belegen. Rückblickend reflektiert Zadek: „[Der Film] rechnete ab mit dem Bremenerlebnis, mit dem Einbruch der Studentenbewegung und der neuen Linken, die ein Klima schafften, das unser Bremer Theater nicht mehr intakt ließ.“

In der Tat endete 1968 Zadeks Bremer Zeit, in der er mit 18 Inszenierungen maßgeblich zur Entwicklung des sogenannten Bremer Stils beitrug. Vor dem Hintergrund dieser Spannungen wirkt die Verleihung bemerkenswert. Die Jury lobte in der Begründung die „eigenwillige, intelligente und treffsichere Regie“. Der Silberne Bär ist der Beweis dafür, dass Zadeks unbequem wirkende Perspektive – im Theater wie im Film – im internationalen Kontext Anerkennung fand.

Der 1926 geborene Regisseur jüdischer Herkunft wuchs ab 1933 im britischen Exil auf. Die frühe Erfahrung als Außenseiter prägte nachhaltig seine künstlerische Perspektive, insbesondere auf die BRD, in der er ab 1958 wirkte. Weder scharfe Kritik noch irritierte Publikumsreaktionen hielten ihn davon ab, immer wieder ungewohnte Sichtweisen auf die Kriegs- und Nachkriegszeit zu erkunden und neue ästhetische Ausdrucksformen auszuprobieren. Dabei löste er nicht selten einen Theaterskandal aus.

Peter Zadeks 100. Geburtstag am 19. Mai 2026 lädt dazu ein, sein Werk neu zu entdecken – und mit ihm das Archiv eines Regisseurs, der von 1958 bis zu seinem Tod 2009 einer der wichtigsten Erneuerer des deutschsprachigen Theaters war. Von 1991 bis 2009 war der Theatermann Mitglied in der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste. Sein umfangreiches Archiv (ca. 35 Regalmeter) wurde 2012 mit der Buchpräsentation „Peter Zadek und seine Bühnenbildner“ eröffnet. Im Peter-Zadek-Archiv befinden sich neben Regiebüchern auch Szenen- und Probenfotos, Programmzettel und weitere Theater- und Arbeitsmaterialien sowie der Berlinale-Bär. Ein Einblick in die reichhaltigen Materialien ist im Lesesaal am Robert-Koch-Platz möglich.

Ansprechpartnerinnen:
Charlotte Du Bruyn
Helene Herold

  • Materialien des Regisseurs zur Inszenierung Ich bin ein Elefant Madame
    Notizheft und Materialien von Peter Zadek
    Akademie der Künste © Foto: Charlotte Du Bruyn

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