Mithu M. Sanyal
Mithu M. Sanyal
© Carolin Windel

Mithu M. Sanyal

SektionLiteratur

Der Heinrich-Mann-Preis 2026 geht an die Essayistin Mithu M. Sanyal.

Der dreiköpfigen Jury gehörten Omri Boehm, Eva Menasse sowie die letztjährige Heinrich-Mann-Preisträgerin Mely Kiyak an.

Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt:

„Mithu M. Sanyal ist eine der produktivsten und originellsten Essayist*innen ihrer Generation. Sie verbindet dabei die Sorgfalt der Wissenschaftlerin mit dem Talent der politischen Kommentatorin. Dazu kommt als drittes die lebhafte und originelle Sprache der Schriftstellerin.

Sanyals Themen sind enorm vielfältig. Kenntnisreich schreibt sie über Literatur: Ihr Buch über Emily Brontë sei genannt, aber auch ihr leidenschaftlicher Rettungsversuch der Literatur von Enid Blyton. Hier, bei den Diskussionen darum, ob heutzutage Enid Blyton Kindern und Jugendlichen wegen ihres überholten Gesellschaftsbildes überhaupt noch zuzumuten sei, stellt Mithu M. Sanyal ihren gewissermaßen ganzheitlichen Ansatz beim Analysieren und Kommentieren besonders eindrucksvoll unter Beweis: Sie kommt von der feministischen Forschung, hat die Beschäftigung mit Rassismus, mit der Geschichte des Kolonialismus und mit allgemeinen Minderheitenfragen ebenso in ihrem Portfolio wie die Auseinandersetzung mit diversen außenpolitischen Konflikten, bei denen sie über ein reiches, historisches sowie auch aktuelles Wissen verfügt; genannt seien besonders Indien und Pakistan, das britische Empire ebenso wie Israel und Palästina.

Ihre Essays sind geprägt von einem anteilnehmenden, niemals apodiktischen Ton; sie möchte ihre Leser:innen überzeugen und nicht überwältigen; selbst wenn man trotz ihrer vielen guten Argumente in manchen Fragen anderer Meinung bleibt, fällt es leicht, ihre Perspektiven als intellektuelle Bereicherung anzunehmen.

Denn sie lässt die Leser:innen an ihrem Entscheidungsprozess transparent teilhaben: Wie bei jeder guten Essayistin darf man ihr beim Denken zusehen; die Pros und Contras ihrer Thesen wägt sie nachvollziehbar gegeneinander ab. Sie hält es nicht für ihre Pflicht, sich in jedem Fall zu entscheiden, sie besitzt die Offenheit und geistige Freiheit, manche Fragen als derzeit unentscheidbar stehen zu lassen. Angesichts von zunehmender medialer Unversöhnlichkeit und gesellschaftlicher Spaltung ist Mithu M. Sanyals sanfte, aber nachdrückliche Stimme zu zahlreichen umstrittenen Fragen der Zeit unverwechselbar und ein Beispiel dafür, wie diskutieren sollte: mit möglichst guten, fein abgewogenen Argumenten und ganz ohne persönlichen Zorn.“

Mithu M. Sanyal wurde 1971 in Düsseldorf als Tochter einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters geboren. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und Schriftstellerin sowie als Kritikerin tätig für die Medien Deutschlandfunk, SWR, WDR, BBC, Der Spiegel, The Guardian, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, taz, etc. Als Jurorin sitzt sie u. a. in der Jury für den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Für ihren Debütroman Identitti (Hanser, 2021) wurde sie mit dem Ernst-Bloch-Preis und dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ihr neuer Roman Antichristie (Hanser, 2024) wurde ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert und erhielt den Erich Pawlu-Preis. Weitere Veröffentlichungen: Vulva (Wagenbach), Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens (Nautilus), Mithu Sanyal über Emily Brontë (KiWi).