Programm
Anlässlich der aktuellen Ausstellung widmet sich die Akademie der Künste in einem Programm aus Filmen, Gesprächen, Konzerten und Lesungen der künstlerischen Auseinandersetzung mit architektonischen und ideologischen Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus. Wie sehen Strategien der Künste im Umgang mit vergangener und gegenwärtiger rechter Gewalt aus? Wie steht es um die Beziehung von Kunst und Macht? Wie trägt Klang zur Reflexion von Geschichte bei? Wie formuliert ein tanzender Körper Widerstand gegen NS-Architektur? Angesichts des globalen Aufschwungs antidemokratischer Bewegungen und der erschreckenden Aktualität rassistischer und antisemitischer Anschläge geht es um Politiken der Ausgrenzung und verdrängte Erinnerung, um das Verhältnis von faschistischer Ästhetik und Gewalt, um Orte der Untröstlichkeit und künstlerische Gegenwehr.
Veranstaltungsprogramm
Filmprogramm
Tägliches Filmprogramm mit künstlerischen Dokumentar- und Essayfilmen sowie experimentellen Arbeiten aus den Jahren 1961–2019
Di – So 12 – 19 Uhr
Pariser Platz, Black Box
Eintritt frei
12 Uhr, Brutalität in Stein
Regie: Alexander Kluge, Peter Schamoni, BRD 1961, OmeU, 11 min
Der aufs Monumentale zielenden architektonischen Inszenierung des Nürnberger Parteitagsgeländes begegnen die beiden Regisseure Alexander Kluge und Peter Schamoni mit einer radikal fragmentierenden und dynamischen Kamera, die die Ideologie hinter der Fassade offenlegt. Zitate von Tätern wie dem Auschwitzkommandanten übertrumpfen die steinerne Brutalität sogar noch in ihrem Zynismus. Was bleibt? Ein Trümmerhaufen. Und viele offene Fragen.
12.12 Uhr, Die Judengasse
Regie: Peter Nestler, Kamera: Rainer Komers, BRD 1988, DF, 44 min
Ausgehend von der ersten überlieferten Kartierung der Judengasse aus dem Jahr 1628 begibt sich der Dokumentarfilmregisseur Peter Nestler auf die Spurensuche nach der tausend Jahre alten jüdischen Kultur in Frankfurt am Main und spürt verblassende Zeichen, Zeichnungen und Zeitzeugen auf, die von der einstigen Lebendigkeit jüdischen Lebens berichten. Auslöser des Films war der sogenannte Börneplatz-Konflikt 1987. Die Proteste reichten weit über Frankfurt hinaus.
Mit freundlicher Genehmigung des SWR
12.57 Uhr, Reichsautobahn
Regie: Hartmut Bitomsky, BRD 1986, OmeU, 91 min
Der Bau der Autobahn gehört zu den prominentesten Prestigeprojekten im „Dritten Reich“, das wort- und bildgewaltig in Szene gesetzt wurde. Dabei ging es nur vordergründig um die Schaffung von Arbeitsplätzen und ein Gemeinschaftswerk. Vielmehr sollte eine Infrastruktur für die vorhandenen Expansionspläne geschaffen werden. Aus einer Fülle von Archivmaterial montiert Hartmut Bitomsky einen dichten Essay, in dem er Bildstrategien hinterfragt und sich als Autor Raum für Reflexionen nimmt.
14.30 Uhr, Flat Roofs for Mussolini
Regie: Bettina Nürnberg, Dirk Peuker, D/I 2012, OmeU, 20 min
Von 1926 bis 1939 etablierte sich der Architekt Giuseppe Terragni als einer der führenden Wegbereiter des italienischen Rationalismus. Orientiert an der klassischen Architektur beeindrucken seine Gebäude bis heute durch ihre Verbindung von Funktionalität und Ästhetik. Terragni bekannte sich offen zum Faschismus und diente seine Entwürfe Mussolini als „nationalen Stil“ an.
14.50 Uhr, Im Leben geht alles vorüber
Regie/Drehbuch/Kamera/Schnitt: Thomas Kutschker, D 2013, ohne Sprache, 14 min
Thomas Kutschker geht in seiner Arbeit der Frage nach, wie sich ein Ort wie das Konzentrationslager Buchenwald filmisch rekonstruieren lässt. Was vermögen die architektonischen Überreste der Baracken und Hinrichtungsstätten zu erzählen über Strukturen und Routinen, die der Tötungsmaschinerie dienten? Die Abstraktion auf der Bildebene findet ihre Fortsetzung in der Bearbeitung des titelgebenden Schlagers (1940) von Marika Rökk.
15.05 Uhr, Sabaudia
Regie: Lotte Schreiber, Kamera: Johannes Hammel, A 2018, OmeU, 24 min
1930 ließ Mussolini die Sumpflandschaften in der Pontinischen Ebene südlich von Rom trockenlegen. Vergleichbar mit dem Autobahnbau in Deutschland wurde das Projekt für Propagandazwecke medial aufwändig begleitet. Im Zuge dieser Urbarmachung entstanden fünf neue Städte, so auch die Modellstadt Sabaudia. Heute wird für den Tourismus dezidiert mit dem „metaphysischen Nimbus“ der architektonischen Vision geworben. Zitiert werden unter anderem Schriften von Pasolini, der Sabaudia zu seinem Sommersitz wählte.
Leihgeber: sixpackfilm
15.30 Uhr, Von der Reichskanzlei bis Paraguay
Regie: Riki Kalbe, Barbara Kasper, D 1992, OmeU, 7 min
Josef Thorak gehörte zu den populärsten Künstlern des „Dritten Reiches“. In der Gunst Hitlers stand er ganz oben. Seine Monumentalplastiken zierten die „Reichskanzlei“ und das „Reichssportfeld“. Der Film verfolgt die Spur einer in Bronze gegossenen Pferdeskulptur, der es „(zum Glück) nicht gelungen ist, sich monumental festzusetzen“. Thorak erhielt öffentliche Aufträge bis zu seinem Tod 1952.
15.40 Uhr, Wie aus der Ferne
Regie/Drehbuch: Dani Gal, Kamera: Emre Erkmen, mit Pavel Fieber, Charles Brauer, D/A 2013, OmeU, 26 min
Der Film basiert auf dem Briefwechsel zwischen Simon Wiesenthal und Albert Speer in den 1970er-Jahren. Mit den Schauspielern Charles Brauer und Pavel Fieber rekonstruiert Dani Gal diese ungewöhnliche Begegnung: Auf der einen Seite der jüdisch-österreichische Architekt und Publizist, der das Lager Mauthausen überlebte und es sich zur Aufgabe machte, aufzuklären und Täter zu benennen. Der andere, Albert Speer, maßgeblicher Architekt des „Dritten Reiches“, der zum „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ und Rüstungsminister aufstieg. Diesem Dialog stellt Dani Gal einen Text des Philosophen Ludwig Wittgenstein gegenüber.
16.06 Uhr, Luft-Räume
Regie/Drehbuch: Fridolin Schönwiese, Kamera: Johannes Hammel, A 1990, ohne Sprache, 24 min
Die Ruine des ehemaligen Flakturms steht wie ein Massiv im Wiener Arenapark. Mit analytischem Interesse tastet die Kamera des Filmemachers Fridolin Schönwiese die Texturen des Betonblocks ab und sucht die architektonische Struktur zu definieren. Dabei nutzt er unterschiedliche technische Verfahren wie eine wärmeempfindliche Kamera, um in das Innere (das Wesentliche) vorzudringen.
Leihgeber: sixpackfilm
16.30 Uhr, Fields of Neutrality. The Last Interview with Ludwig Mies van der Rohe
Regie: Dani Gal, Kamera: Itay Marom, mit Megan Gay und Walter Gontermann, D 2019, OmU, 32 min
1967 lädt die BBC-Journalistin Grace Wyndham Goldie den Architekten und letzten Bauhaus-Direktor (1932/33) Mies van der Rohe in ihre Sendung „Fields of Neutrality“ ein. Es ist sein letztes Interview in Berlin. Im Verlauf des Gesprächs werden die Ambivalenzen in van der Rohes Wirken während der NS-Zeit deutlich. Kann ein so berühmter und in der Öffentlichkeit stehender Architekt sich überhaupt dem Mahlstrom des Zeitgeschehens entziehen? Dani Gal rekonstruiert dieses spannende Gespräch.
17.05 Uhr, Bilder der Welt und Inschrift des Krieges
Regie/Drehbuch: Harun Farocki, Kamera: Ingo Kratisch, BRD 1988, OmeU, 75 min
Ausgangspunkt für Farockis Bildanalyse sind Aufnahmen von amerikanischen Piloten, die 1944 entstanden sind. Sie zeigen die Industrie-Anlagen der I.G. Farben, übersehen jedoch absichtsvoll das nahegelegene Konzentrationslager Auschwitz. Farocki umkreist mithilfe dieses Exempels einen Nullpunkt, von dem aus er vielschichtig und weiträumig referenzielle Verbindungslinien zu Bildern der Welt vor und nach Auschwitz zieht.
18.20 Uhr, Es muß ein Stück vom Hitler sein
Regie/Drehbuch: Walter Krüttner, Kamera: Fritz Schwennicke, BRD 1963, OmeU, 12 min
Walter Krüttner montiert eine spitze Satire auf den Massentourismus um Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg. In den 1960er-Jahren wurde in der westdeutschen Gesellschaft dem Führerkult noch offen gehuldigt. Dem launigen Treiben stellt der Regisseur historische Zeugnisse gegenüber und legt damit ein Stück Verdrängung und unbewältigte Vergangenheit bloß. Am Ende resümiert er: „Sie suchen nicht den Ausblick, sondern den Rückblick.“
Führungen / Bildungsangebote
Zu der Ausstellung „MACHT RAUM GEWALT. Planen und Bauen im Nationalsozialismus“ gibt es folgende Führungen und Bildungsangebote:
Reguläre Führungen
Donnerstag 17 Uhr
Sonntag 14 Uhr
So 4.6., 2.7. zusätzlich um 16 Uhr
€ 3
Kuratorenführungen
23.4., 7.5., 11.6., 16.7.2023
16 Uhr
€ 3
mit Benedikt Goebel
Inklusive Führungen
Für blinde und sehbehinderte Besucher*innen
25.4., 2.5., 6.6., 4.7.2023
17 Uhr
Eintritt frei
Für gehörlose Besucher*innen mit Übersetzung in deutsche Gebärdensprache
14.5., 11.6., 2.7.2023
14 Uhr
Eintritt frei für Gäste mit Schwerbehindertenausweis
Sonderführungen
Für Gruppen in deutscher und englischer Sprache
€ 50/30
Stadtführungen
Mittwoch & Freitag 18 Uhr
Treffpunkt: Foyer
mit Daniela Debus (Zertifizierte Stadtführerin)
Weitere Informationen und Anmeldung hier.
€ 18/15
Individuell gestaltete Führungen für Schulklassen
Dialogbasierte Führungen für Schulklassen ermöglichen die direkte Integration des Ausstellungsbesuches in den Schulunterricht. Die Akademie passt die Führungen an vorhandenes Vorwissen, Erfahrungen und Kontakt der Schüler*innen zum Thema an. Lehrer*innen können dazu im Vorfeld mit der Akademie der Künste in Kontakt treten.
Anmeldungen zum Bildungsprogramm können Lehrkräfte an kunstwelten@adk.de, Tel. 030-200 571511/1564 richten.