Die küsntlerischen Positionen
Erinnern als Überlebenstechnik, Archive als Ort der Transformation: Die „Gedächtnisarbeit“ der Künstler*innen dieser Ausstellung offenbart den Umgang mit Vergangenem als Grundvoraussetzung für das Gestalten von Zukunft. Sie drückt eine Dringlichkeit der Fragen danach aus, was eine Gesellschaft erinnert, vergisst oder verdrängt; wie Geschichte verfügbar gemacht wird und wie kollektive Erinnerung eingeübt und organisiert ist. Die Kunst greift in die Archive ein und legt selbst Archive an. Sie holt Aufbewahrtes ans Tageslicht, fragt nach Auswahl- und Ausschlussprozessen, und sie wählt selbst aus, dokumentiert, hält Bilder und Stimmen fest, damit sie gesehen und gehört werden.
Mit den Methoden der bildenden und der darstellenden Kunst, der Literatur, des Films und der Musik eröffnen die 13 Auftragswerke jede für sich einen eigenen Erzählraum, aber knüpfen auffallende Querverbindungen unter einander. Inszeniert in großformativen Rauminstallationen, in Video- und Klang-Arbeiten machen die künstlerischen Positionen die Grammatik von Erinnern und Vergessen sichtbar, sie gehen auf Spurensuche, leisten Trauer- und Traumaarbeit, setzen sich ein für archivische Fürsorge und demonstrieren die Macht der Erzählung.
Mit Arbeiten von:
(* 1958, Warschau), Bildhauer, Zeichner und experimenteller Videokünstler in Otwock, Polen und Oliva, Spanien. 1985 Abschluss an der Akademie der Bildenden Künste Warschau. Seit 2011 Leiter des Pracownia Działań Przestrzennych (Studio für räumliches Handeln) an der dortigen Fakultät für Medienkunst. Zwischen 1986 und 1989 gemeinsam mit Mirosław Filonik und Marek Kijewski Gründung der Künstlergruppe „Consciousness Neue Bieremiennost“. 1991 Mies van der Rohe-Stipendium der Kunstmuseen Krefeld. Seit 2010 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin. Beteiligung an bedeutenden Ausstellungen weltweit, darunter Biennale Venedig (1990, 2003, 2005, 2013; 1993 als Vertreter Polens), documenta IX, Kassel (1992), Sydney Biennale (1992, 2006), The Carnegie International, Pittsburgh (1995), São Paulo Biennale (1998), Liverpool Biennal (1999), Santa Fe Biennale (2006).
(* 1972, Johannesburg), in Berlin lebende südafrikanische Künstlerin. Seit 2007 Professur an der HBK Braunschweig. In den letzten Jahren Einzelausstellungen im Kunstmuseum Bonn, im Kunstmuseum Stuttgart, in der National Gallery of Canada (Ottawa), im San Francisco Museum of Modern Art, im Kunsthaus Bregenz, in The Power Plant (Toronto), im Louisiana Museum of Modern Art (Humlebæk), im Boston Museum of Fine Arts, im Arken Museum for Moderne Kunst (Kopenhagen) und im Baltimore Museum of Arts. Seit 2019 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin.
(* 1962, München), Lyrikerin, Romanautorin, Essayistin, Übersetzerin. Seit 2019 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, Sektion Literatur. Studium in München und Oxford, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. 2015 – 2017 lehrte sie an der Universität Oxford, seit 2018 Professorin für deutsche Literatur und literarisches Schreiben an der Universität Leipzig. Auszeichnungen u. a.: Preis der LiteraTour Nord, Deutscher Preis für Nature Writing, Bayerischer Buchpreis, Preis der GEDOK (alle 2020), Gertrud Kolmar Preis (2019).
(* 1953, New York), Installations- und Performancekünstler, Komponist, Musiker; lebt und arbeitet in Berlin. Seit 2007 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, Sektion Bildende Kunst. Lehrtätigkeit u. a. an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, am Center for the Arts, MIT (Cambridge, Boston), an der Hochschule für Bildende Künste Saar (Saarbrücken) und an der Universität Lüneburg. Seit 2009 Professor für Medienkunst und Freie Kunst an der Muthesius Kunsthochschule, Kiel. Arnold Dreyblatt fokussiert seine medien- und archivgestützten Installationen auf kulturelle Erinnerung und überschreitet dabei die Grenzen zwischen neuen und traditionellen Medien.
(* 1955, Berlin / DDR), Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule, Lehre, Facharbeiter für Drucktechnik, 18 Monate Wehrdienst, dann Regieassistent, Abitur an der Volkshochschule, Hochschule für Film und Fernsehen der DDR, abgebrochen im Ergebnis operativer Bearbeitung durch das MfS der DDR (OV „Schule“). Seit 1983 Autor und Regisseur in Film, Funk und Theater; Arbeit als Kinokartenabreißer, Eisverkäufer, Abwäscher. Meisterschüler der Akademie der Künste der DDR. Mitglied des Berliner Ensembles, Mitglied der Akademie der Künste, Berlin; Professor für Kunst und Film an der Akademie der bildenden Künste Wien, seit Mai 2018 auch Direktor der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste, Berlin.
(* 1983, Greiz), Filmemacherin und Hörspielautorin; lebt und arbeitet in Greiz (Thüringen). Ihr Experimentalfilm Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis für den besten Beitrag zum deutschen Wettbewerb der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen und den Deutschen Kurzfilmpreis für Experimentalfilm 2014. 2015/16 Stipendiatin an der Akademie Schloss Solitude, 2018 Berlin-Stipendium der Akademie der Künste, Berlin. 2019 Auszeichnung mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden sowie mit dem HAP-Grieshaber-Preis der Stiftung Kunstfonds und der VG Bild-Kunst. 2021 Kunstpreis Berlin der Akademie der Künste, Berlin, in der Sektion Film- und Medienkunst.
(* 1932, Halberstadt), Autor, Filmemacher, Jurist sowie Gründer der Produktionsfirma dctp. Seit 1993 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, Sektion Literatur. Seine Forschung und Praxis kreisen um Literatur, Sozialtheorie, Filmtheorie und politisches Handeln an verschiedensten kulturellen Fronten. Jüngste Ausstellungen u. a. „Das dünne Eis der Zivilisation“ (Württembergischer Kunstverein, Stuttgart), „Die Macht der Musik. Oper: Der Tempel der Ernsthaftigkeit“ (Kunsthalle Weishaupt, Ulm), „Pluriversum” (Museum Folkwang, Essen); gemeinsam mit Anna Viebrock und Thomas Demand: “The boat is leaking. The captain lied” (Fondazione Prada, Venedig). Das Alexander Kluge Archiv in der Akademie der Künste, Berlin, kooperiert mit dem Walter Benjamin Archiv und dem Theodor W. Adorno Archiv sowie dem Bertolt-Brecht-Archiv.
(* 1961, Buenos Aires), Bildender Künstler, Dozent und Wissenschaftler an der Abteilung für Bildende Künste der Universidad Nacional de las Artes (UNA), Buenos Aires. Das Wandern als ästhetische Praxis, die Forschung mit künstlerischen Mitteln und Methoden sowie transdisziplinäre Kollaborationen bilden den Kern seiner Arbeit. 2001 Gründung des Walking Archive(des „Wandernden Archivs“), eines fortlaufenden visuellen Archivs, das die Beziehungen zwischen Kunst, Geschichte und Territorium untersucht. Seit 2010 gemeinsam mit Azul Blaseotto Teil des experimentell-aktivistischen künstlerischen Forschungskollektivs „La Dársena“. 2007 / 2008 Stipendiat an der Akademie der Künste, Berlin sowie Artist in Residence am Weltecho Art Center in Chemnitz.
(* 1975, Chicago), international bekannte*r Komponist*in, Bandleader*in, Saxophonist*in, Klangexperimentator*in und Mixed-Media-Künstler*in. Vielseitige Tätigkeit in verschiedenen Kontexten und Medien, darunter Improvisation, Tanz, Lyrik und Theater, meistens als Autodidakt*in. Am bekanntesten für das vielgepriesene Coin Coin-Projekt, ein „panoramisches Klang-Quilten“ mit dem Ziel, die mystischen Wurzeln der intuitiven, spirituellen Ausdruckstraditionen der amerikanischen Künste aufzudecken und durch letztere zu führen; gleichzeitig intensive Auseinandersetzung mit narrativen, historischen, sozialen und politischen Ausdrucksformen innerhalb der improvisierten Musik. In den letzten zehn Jahren Lehr- und Vortragstätigkeit sowie Durchführung von Workshops und Teilnahme an verschiedenen Residenzprogrammen. In früheren Jahren Lehrkraft am Banff Creative Music Workshop, an der School for Improvised Music und am Bard College. 2019 Stipendiat*in des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.
(* 1990, Wiesbaden), kurdische Künstlerin. Inszenierung von Bildern und Geschichten in multimedialen Videoinstallationen. In ihrer Arbeit mit verschiedensten Medien kritische Auseinandersetzung mit der Instrumentalisierung von Medien und der Bedeutung unterschiedlicher Perspektiven für die Geschichtsschreibung, zudem mit der Frage der Veränderung der Geschichte und ihrer Erzählung durch Konstruktion aus verschiedenen – oder sogar widersprüchlichen – Blickwinkeln. 2019 Berlin-Stipendium der Akademie der Künste, Berlin.
(* 1954, Paris) schreibt Romane, Essays und Hörspiele. Sie übersetzt aus dem Englischen (u. a. Virginia Woolf) sowie aus dem Deutschen (u. a. Marcel Beyer und Peter Kurzeck) und lebt abwechselnd in Paris und Berlin. Nach dem Studium arbeitete sie als Französischlehrerin und für den Rundfunk, seit 1988 ist sie freie Schriftstellerin. Seit 2017 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, seit 2019 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin. Ihre Romane thematisieren oftmals die Shoah in Deutschland und Frankreich und das Schweigen darüber. Ihr letzter Roman Zerstörung (2020) erzählt in der Form eines Zukunftsromans von der Auslöschung des kulturellen Gedächtnisses. Auszeichnungen u. a. Prix de la Fondation Bernheim (2020), Prix de l’Académie de Berlin (2016), Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis (2014).
(* 1974, Dublin), Komponistin und Performerin. Internationale Auftragsarbeiten, Rundfunkübertragungen und Aufführungen ihrer Werke. Stipendien und Preise u. a. der Foundation for Contemporary Arts, New York, des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, des Internationalen Musikinstituts Darmstadt und der Akademie Schloss Solitude. Präsidentin von Aisteach, Irlands Avantgarde-Archiv, Sammlungsgebiet historische Dokumente, Aufnahmen, Materialien und Ephemera über Avantgarde-Kunstprojekte in Irland seit dem 19. Jahrhundert. www.aisteach.org
(* 1941, Waco, Texas), einer der weltweit führenden Theatermacher und bildenden Künstler. Studium an der University of Texas und am Pratt Institute in Brooklyn. Mitte der 1960er-Jahre Gründung des New Yorker Performance-Kollektivs „The Byrd Hoffman School of Byrds“. Arbeit an den ersten charakteristischen Werken, darunter Deafman Glance (1970) und A Letter for Queen Victoria (1974 / 75). Bahnbrechende Oper Einstein on the Beach (1976) gemeinsam mit Philip Glass. Zahlreiche Auszeichnungen für herausragende Leistungen, darunter Nominierung für den Pulitzer-Preis, zweimal Premio Ubu Preis, Goldener Löwe der Biennale Venedig, Olivier Award. Mitglied der American Academy of Arts and Letters sowie der Akademie der Künste, Berlin; acht Ehrendoktorwürden; Commandeur des Arts et Lettres (2003) und Offizier der Ehrenlegion (2014) in Frankreich, Träger des Bundesverdienstkreuzes (2014).