#4 Betrifft: Risiko?
Liebe Freund*innen der Künste,
moderne Gesellschaften sprechen über ihre Zukunft vor allem in der Sprache des Risikos. Wirtschaftliche Krisen, technologische Entwicklungen, ökologische Kipppunkte oder geopolitische Konflikte werden zunehmend als Risiken beschrieben. Der Begriff verspricht Orientierung im Umgang mit Unsicherheit.
Niklas Luhmann hat darauf hingewiesen, dass Risiko nicht einfach Gefahr bedeutet. Gemeint ist ein möglicher Schaden, der auf Entscheidungen zurückgeführt werden kann. Gefahr dagegen bezeichnet Bedrohungen von außen, die sich dieser Zurechnung entziehen. Mit dieser Unterscheidung verschiebt sich die Perspektive: Was als Risiko erscheint, wird zum Gegenstand von Kalkül, Management und Spekulation.
In der Ökonomie unterscheidet man nach Frank Knight zwischen risk und uncertainty. Risiko ist grundsätzlich berechenbar und damit versicherbar, während Unsicherheit sich nicht vollständig in Wahrscheinlichkeiten übersetzen lässt. Moderne Gesellschaften bewegen sich permanent in dieser Spannung. Sie versuchen, Unsicherheit in kalkulierbares Risiko zu verwandeln und stoßen doch immer wieder auf das Unvorhersehbare.
Für Ulrich Beck wurde daraus eine Diagnose der Gegenwart. Die Moderne produziert nicht nur Wohlstand, sondern auch selbst erzeugte, grenzüberschreitende Gefahrenlagen: Risiken, die aus Technik, Industrie oder politischen Entscheidungen hervorgehen. Beck spricht von der Risikogesellschaft, in der nicht nur Güter, sondern zunehmend auch Schäden, Nebenfolgen und Unsicherheiten verteilt werden. Dabei geht es nicht nur um das Vorhandensein von Risiken, sondern auch um ihre Form.
Besonders deutlich wurde das in der Subprime-Krise. Hypothekenkredite wurden gebündelt und in immer komplexere Finanzprodukte transformiert. Repackaging diente dazu, Risiken in neue Formen zu übersetzen, anders zu verteilen und weiterzureichen, bis deren Herkunft und tatsächlicher Umfang kaum noch zu beurteilen waren. Daran zeigt sich eine grundlegende Eigenschaft moderner Gesellschaften: Sie produzieren Risiken häufig gerade dadurch, dass sie versuchen, sie kontrollierbar zu machen. Risiko ist daher kein Ausnahmezustand, nicht Gegenbegriff zur Ordnung, sondern ein zentrales Medium moderner Ordnung.
Auch in den Künsten geht es um die Form des Risikos: Kunst operiert nicht unter dem Vorzeichen, Unsicherheit zu minimieren, sondern darin, sie hervorzubringen und öffentlich auszustellen. Risiko erscheint in der Kunst als Experiment unter Bedingungen öffentlicher Exponiertheit.
Künstlerische Praxis bringt Formen in die Welt, deren Sinn, Wert und Wirkung nicht im Voraus gesichert sind. Ein Werk kann scheitern, missverstanden oder vereinnahmt werden oder wirkungslos bleiben. Gerade darin liegt seine gesellschaftliche Bedeutung. Kunst greift in Wahrnehmungs- und Deutungsordnungen ein, ohne garantieren zu können, was an ihre Stelle tritt. Dieses Risiko gehört seit der künstlerischen Moderne zur Struktur der Kunst. Werke können ihre eigenen Mittel, ihre Materialien, ihre institutionellen Rahmenbedingungen oder sogar ihren Status als Kunstwerk infrage stellen. In solchen Momenten steht nicht nur ein einzelnes Werk auf dem Spiel, sondern auch die Erwartung, was überhaupt als Kunst gelten kann.
Ökonomisches Risiko und künstlerisches Risiko sind deshalb nicht dasselbe. In der Ökonomie wird Risiko kalkuliert, verteilt und gehandelt. In der Kunst entsteht es dort, wo etwas in die Welt gesetzt wird und sich zugleich dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzt. Kunst arbeitet mit Kontingenz, ohne sie vollständig in Kalkül aufzulösen.
Dass das Risiko der Kunst nicht in Provokation liegt, sondern in der Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und sich gegen die Vereinfachung der Gegenwart zu behaupten, wird im Gespräch mit der Schriftstellerin Cécile Wajsbrot deutlich. Der Komponist Christopher Fox präzisiert diese Perspektive, indem er zeigt, dass die größte Gefahr für die Künste heute nicht im Risiko selbst liegt, sondern in seiner Vermeidung. Thomas Heises Film Fabrik 7 mit Bildern und Tönen aus dem Inneren der Berliner Volksbühne macht schließlich die Fragilität der Institution sichtbar: als Zustand, in dem sich Geschichte, Arbeit und künstlerische Praxis überlagern und die Zukunft des Theaters als Produktionsort unter dem heutigen Spardiktat zur offenen Frage wird.
In diesem Punkt berühren sich Kunst und Ökonomie auf paradoxe Weise und unterscheiden sich zugleich grundlegend. Beide operieren mit Kontingenz. Während Finanzmärkte und technologische Systeme versuchen, Kontingenz handelbar zu machen, eröffnen die Künste Räume, in denen Ungewissheit öffentlich erfahrbar und verhandelbar bleibt.
Was bedeutet Risiko für die Künste heute? Welche Risiken entstehen, wenn Künstlerinnen und Künstler öffentlich Position beziehen, neue Formen erproben und sich dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzen? Vielleicht liegt genau darin ihre gesellschaftliche Funktion: Unsicherheit nicht zu beseitigen, sondern sie als Bedingung von Freiheit ästhetisch erfahrbar zu machen.
Manos Tsangaris
Präsident der Akademie der Künste
Anh-Linh Ngo
Vizepräsident der Akademie der Künste