Postskriptum: Berlin-Karussell. Die Akademie als lebendige künstlerische Praxis
Anke Hervol

Berlin-Karussell ist als empirische Untersuchung der Struktur der 330 Jahre alten Künstler*innen-Sozietät konzipiert und versteht sich als künstlerische Forschung und Praxis: Eine temporäre, offene Plattform dient als zeitliche und organisatorische Grundlage für simultan stattfindende transdisziplinäre künstlerische Aktivitäten. Die Diversität und Heterogenität der ausgewählten Produktionen, Workshops, Performances, Konzerte, Schreibwerkstätten und diskursiven Formate fügen sich in einer nichtlinear laufenden Partitur von Arnold Dreyblatt zusammen. Die Partitur als Organisationsstruktur stellt alle beteiligten Künstler*innen und künstlerischen Beiträge gleichwertig nebeneinander.

Durch die komponierte Struktur, die im Verlauf des Projekts Zeiten, Bereiche und Nutzungskategorien festlegt, ist eine flexible und spontane Reaktion auf den sich entwickelnden und offenen Prozess möglich, bei dem sich vorab definierte Aktivitäten gelegentlich überlagern, miteinander kollidieren und interagieren. Unvorhersehbare Überschneidungen, spontane und flexible Reaktionen, Kooperationen und Entdeckungen sind ausdrücklich erwünscht.

Seit den 1990er-Jahren strukturiert Arnold Dreyblatt performative Installationen durch überlagerte Zeitsequenzen, um künstlerische Prozesse sichtbar zu machen. Dabei bezieht er sich auf John Cages Theater Event No.1 (1952) ebenso wie auf Lawrence Halprins Verwendung der Partitur als Mittel, „Spontaneität und Interaktion“ zu fördern, die „nicht auf ein bestimmtes Ergebnis ausgerichtet“ sind (The Rsvp Cycles: Creative Processes in the Human Environment, 1970).

Für Berlin-Karussell wurden Spielstätten, Möbel, Plattformen und Funktionsräume von raumlaborberlin so konzipiert, dass in Halle 3 am Hanseatenweg ein neuer agiler Ort der Produktion entstanden ist, an dem die Grenzen künstlerischer Kategorien überschritten und erweitert und so das transformative Potenzial des Ortes erforscht werden können. Berlin-Karussell definiert die Künstler*innen-Sozietät als Ort aktiver künstlerischer Praxis neu und entfaltet ihr Potenzial als interdisziplinäre, generationenübergreifende und kollaborative Plattform für Innovation und experimentelle Vorhaben.

 

Anke Hervol ist Sekretär der Sektion Bildende Kunst der Akademie der Künste.