Kulturelle Autonomie versus politische Steuerung
Akademie-Vizepräsident Anh-Linh Ngo zum Heinrich-Mann-Preis 2026

Datum und Uhrzeit:31.3.2026, 12 UhrLiteraturKulturpolitikPreise, Stipendien

Am 27. März wurde die Essayistin Mithu M. Sanyal in der Akademie der Künste mit dem Heinrich-Mann-Preis 2026 ausgezeichnet. Lesen Sie hier die Begrüßungsrede von Akademie-Vizepräsident Anh-Linh Ngo im Wortlaut.

Anh-Linh Ngo, Vizepräsident der Akademie der Künste, während der Begrüßungsrede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises 2026
Anh-Linh Ngo, Vizepräsident der Akademie der Künste, während der Begrüßungsrede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises 2026
© gezett.de

Guten Abend.
Sehr verehrte Gäste,

herzlich willkommen in der Akademie der Künste.

Wir kommen heute in einem Moment zusammen, in dem die Freiheit der Kunst in Europa zunehmend unter Druck gerät – und zwar aus dem politischen System selbst heraus.

Auch in Deutschland erleben wir täglich Versuche, Einfluss auf zentrale Kulturinstitutionen zu nehmen, in Entscheidungsprozesse internationaler Festivals einzugreifen, Juryentscheidungen infrage zu stellen und Druck entlang zugeschriebener politischer Haltungen auszuüben.

Das sind keine normalen kulturpolitischen Auseinandersetzungen. Es ist eine Verschiebung: weg von der Sicherung kultureller Autonomie, hin zu ihrer politischen Steuerung.

Damit stehen die Bedingungen auf dem Spiel, unter denen künstlerische – und damit demokratische – Freiheit existieren kann.

Die Verleihung des Heinrich-Mann-Preises ist vor diesem Hintergrund mehr als eine Auszeichnung. Sie ist eine Setzung.

Mein besonderer Gruß gilt der diesjährigen Preisträgerin Mithu M. Sanyal. Ich begrüße ebenso Eva Menasse, die als Jurymitglied die Laudatio halten wird, sowie Mely Kiyak, die Preisträgerin des vergangenen Jahres. Und ich freue mich sehr, dass Melika Foroutan später aus Heinrich Manns Texten lesen wird.

Vor genau hundert Jahren, am 19. März 1926, wurde die Sektion Literatur der Akademie der Künste gegründet. Heinrich Mann wurde kurz darauf zu ihrem Mitglied gewählt.

Für ihn war Literatur eine öffentliche Aufgabe, verbunden mit der Verantwortung für die Sprache, für die demokratische Kultur, für die kritische Analyse seiner Zeit. Er setzte sich beharrlich für Geistesfreiheit ein, und gegen Zensur.

Dass diese Akademie Heinrich Mann 1933 zum Austritt gedrängt hat, gehört zu den dunkelsten Kapiteln ihrer Geschichte. Es war der Moment, in dem sie sich institutionell rettete, indem sie ihren moralischen Anspruch aufgab.

Diese historische Erfahrung verpflichtet uns heute.

Wenn wir heute diesen Preis verleihen, ehren wir nicht nur ein Werk, sondern eine Haltung: ein Schreiben, das sich einmischt und Konflikte nicht glättet, sondern sichtbar macht.

Gerade jetzt.

In einer Situation, in der politische Einflussnahme, öffentliche Empörung und ökonomischer Druck einen offenen Diskurs fast verunmöglichen, versteht sich die Akademie der Künste nicht als Ort der Befriedung, sondern als Institution, die Verfahren sichert und den Raum offen hält, in dem unterschiedliche Positionen verhandelt werden können.

Denn die eigentliche Trennlinie verläuft heute anders: nicht nur zwischen politischen Lagern, sondern zwischen zwei Formen von Öffentlichkeit.

Einer demokratischen, getragen von Argument, Differenz und Urteilskraft.
Und einer anderen, getrieben von Affekt, Vereinfachung und algorithmischer Verstärkung.

Literatur gehört zur ersten. Und sie gerät unter Druck, wo die zweite dominiert. Deshalb gehört zur Literatur die Kontroverse – nicht als Störung, sondern als ihr eigentlicher Ort.

In diesem Sinne ist die Wahl der diesjährigen Preisträgerin konsequent.

Mithu M. Sanyal schreibt über Identität, Körper und Macht. Sie untersucht die Kategorien, mit denen wir uns selbst und andere beschreiben, und legt ihre Widersprüche offen. Sie bewegt sich in einem politisch aufgeladenen Feld und setzt sich ihm bewusst aus.

Gerade im Umgang mit Identitätspolitik zeigt sich das: nicht als Position, sondern als Befragung:
Was bedeutet Zugehörigkeit? Wer darf welche Identität beanspruchen?
Zugehörigkeit erscheint hier nicht als Eigenschaft, sondern als soziale Zuschreibung – performativ hergestellt und politisch umkämpft.

Wer für wen sprechen darf, erweist sich dabei als ebenso prekär wie umstritten.
Und schließlich stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen bestimmte Diskurse überhaupt geführt werden können, welche erlaubt sind, welche sanktioniert werden und wer sie führen darf.

Das sind Fragen, die mich auch persönlich betreffen.
Als Zugewanderter weiß ich: Identität ist kein Zustand. Sie ist ein Prozess der Zuschreibung, der Anverwandlung, der Aneignung, der Aushandlung. Oft schmerzhaft und umkämpft.

Literatur kann diesen Prozess sichtbar machen, ohne ihn vorschnell zu stabilisieren.

Dass Sanyals Arbeiten Widerspruch hervorrufen, ist insofern kein Nebeneffekt. Es ist Teil ihrer Qualität. Sie hält einen Raum offen, in dem Denken in Bewegung bleibt.

Eva Menasse wird in ihrer anschließenden Laudatio besser in das Werk von Mithu M. Sanyal einführen, als ich es könnte. Ihre Überlegungen als Jurymitglied sind von besonderem Wert.

Denn jeder Preis beruht auf der Arbeit einer unabhängigen Jury: auf Lektüre, auf Argumenten, auf manchmal kontroversen Diskussionen.

Gerade deshalb ist es alarmierend, wenn solche Entscheidungen politisch nicht respektiert werden.

Wir sehen das derzeit beim Deutschen Buchhandlungspreis oder bei Projektanträgen des Hauptstadtkulturfonds: Preisträger werden nachträglich ausgeschlossen, Entscheidungen nicht transparent gemacht, sondern in eine Blackbox sicherheitsbehördlicher Bewertungen verlagert.

Wenn zugleich Listen über sämtliche Jurymitglieder des Bundes angelegt werden sollen, stellt sich eine einfache Frage:
Was geschieht mit diesen Listen? Nach welchen Kriterien wird hier überprüft – und zu welchem Zweck?

Das ist keine Marginalie. Es ist eine autoritäre Geste der Einschüchterung.

Umso mehr danke ich der Jury – Eva Menasse, Omri Boehm und Mely Kiyak – für ihre unabhängige Entscheidung.

Wohin solche Entwicklungen führen, zeigt die Vitrinenpräsentation im Foyer: Sie macht nicht nur die Anfänge der Sektion für Dichtkunst sichtbar, sondern auch Heinrich Manns Einsatz gegen Zensur und Ausgrenzung.

Mein Dank gilt Christina Möller und Christoph Kapp für diese Zusammenstellung.

Zum Abschluss danke ich dem S. Fischer Verlag für die Unterstützung sowie dem Büro der Sektion Literatur für die Organisation dieser Preisverleihung.

Ich übergebe nun an Eva Menasse.

Vielen Dank.
 

Alle Dokumente sind urheberrechtlich geschützt. Der Nachdruck von Texten und das Kopieren aller anderen Dateien sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch die Akademie der Künste bzw. durch die Autoren selbst gestattet.