Marieluise beim Klassenfest, Ende der 10. Klasse, 1971 © Winfried Junge

Drehbuch: Die Zeiten. Drei Jahrzehnte mit den Kindern von Golzow und der DEFA. Ein Film über einen Film

Film und Gespräch

Die 2007 beendete Chronik über die Kinder von Golzow, die 1961 kurz nach dem Bau der Berliner Mauer eingeschult wurden, ist die älteste Langzeitbeobachtung der Filmgeschichte. In 18 Lebensläufen verdichtet sich DDR-Geschichte zu individuellen Porträts. Als Werkstattbericht reflektiert dieser zehnte von 19 Filmen erstmals zugleich die einzigartigen Umbrüche der Jahre 1989/90 mit den sich auch daraus ergebenden Problemen für die Chronisten.

Wie alles begann? Der Mauerbau 1961 bedeutet für viele der DEFA-Filmschaffenden eine Zäsur. Nach dem Bau der Mauer entscheiden sich jene Mitarbeiter, die im Westen Berlins wohnten, künftig dort zu arbeiten. Planstellen werden frei – die Chance für Winfried Junge, einem der ersten Absolventen der Babelsberger Filmhochschule, der als Assistent bei dem Dokumentaristen Karl Gass begonnen hatte. Von ihm stammt die Idee, einen Film über Schulanfänger zu drehen. Die Wahl fällt auf das Dorf Golzow nahe der polnischen Grenze, das 1945 in der letzten Schlacht vor Berlin nahezu zerstört worden war.
Nach der Bodenreform folgte die Kollektivierung. 1952 wird die LPG gegründet, Infrastruktur geschaffen und eine Schule gebaut. Die junge Lehrerin der 1. Klasse debütiert wie Winfried Junge selbst. „Ein dreifaches ABC also.“ (Barbara Junge)

1961 entsteht in Schwarzweiß der erste Film, der 13-minütige Wenn ich erst zur Schule geh‘. „Dieser Film war eine Mischung von versteckter Kamera und Situationen, bei denen man nur inszenieren konnte, was sich wirklich ereignete.“ (W. Junge) Die vertiefte Beobachtung reift erst bei dem zweiten Film, Nach einem Jahr (1962), in Zusammenarbeit mit dem Kamera-Absolventen Hans-Eberhard Leupold heran. Über die Jahre eröffnet sich die Vision einer Langzeitchronik, eine filmische Innovation (!). Der Aufbau des Sozialismus bis zum Jahr 2000 als Endziel. Die weiteren etwa halbstündigen Kurzfilme erringen viel Aufmerksamkeit und manchmal auch Preise. „Wir lernten abzuwarten, was aus dem Einzelnen wird. Oft genug schien nichts Lohnendes zu geschehen. Wir haben trotzdem weitergedreht und niemanden aus dem Kreis der Gefilmten entlassen, wenn er zur Mitarbeit bereit blieb...“. (W. Junge)

„Schon damals zeichnet sich ab, was Junges und Leupolds Dokumentation zu einem Schatz der Filmgeschichte macht: Im Spiel mit der Zensur loteten sie das Machbare aus, um an die Menschen wirklich heranzukommen, ihnen gerecht zu werden. Vom Honecker-Besuch mit Kim Il Sung in Golzow übernimmt Junge unkommentiert einen Filmbericht der DEFA. Chronistenpflicht, der er so genügt, ohne selbst offiziell zu werden. Und er filmt, wie Marieluise, die er schon beim Kirchgang zeigte, und Elke, ohne das blaue Halstuch, im Schulchor den FDJ-Hit ‚Sag mir, wo du stehst…‘ singen. Kommentar: ‚Marieluise evangelisch, Elke katholisch, das Lied sozialistisch. Der Refrain wiederholt sich etwas oft.‘“ (DEFA-Stiftung) 

Seit 1978 verantwortet Barbara Junge die Dokumentation, ab 1983 den Schnitt und seit 1992 ist sie Co-Regisseurin.  

So entsteht ein einmaliges Projekt: Leben im Zeitraffer, 1961 bis 2007. Schicksale von Menschen einer Generation, vom Leben auf dem Dorf und dem Weggang in die Stadt, dem Leben mit der Mauer und den Veränderungen nach 1989. Eine unendliche Geschichte? Nur im Prinzip. Authentische deutsche Geschichte allemal.

Drehbuch: Die Zeiten, der 1992 längste Film der Chronik, hätte auch der letzte sein können. Aber er wurde im vereinten Deutschland zum Auftakt einer Fernsehreihe von 9 Filmen mit 18 aktualisierten oder auch noch unbekannten Lebensläufen. In ihm reflektieren Barbara und Winfried Junge auch die bisher entstandenen Filme mit ihren Stärken und Schwächen, aber mehr noch die neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen, neue Zwänge und andere Hoffnungen. 

Wir danken der DEFA-Stiftung für ihre Unterstützung und dem Filmmuseum „Kinder von Golzow“ für die Ausleihe von Teilen der Ausstellung, insbesondere seiner Leiterin Simone Grieger.

Im Rahmen der Ausstellung „Ein Dorf 1950–2022“.

Sonntag, 27.4.

15.30 Uhr

Hanseatenweg

Studio

Drehbuch: Die Zeiten,
D 1961–1992, 284 min, restaurierte Fassung

Mit Barbara und Winfried Junge (Regie), Marieluise Seidel, Bernhard Guderjahn (Mitwirkende)

Moderation: Stefanie Eckert (DEFA-Stiftung)

In deutscher Sprache

€ 7,50/5

Weitere Informationen

DEFA-Stiftung